• Wien

    11. juni, Østrig ⋅ ☀️ 18 °C

    Arnd:
    Als wir entdeckt haben, dass es einen durchgehenden Nachtzug mit Schlafwagen von Bukarest nach Wien gibt, haben wir uns entschlossen, dort zum Abschluss unserer Reise dreieinhalb Tage zu bleiben. Wir waren noch nie in Wien, deshalb war das eine schöne Gelegenheit. Außerdem haben wir Freunde dort, die wir besuchen konnten.

    Die Fahrt von Bukarest war unspektakulär und angenehm. Unsere Unterkunft in Wien war eine kleine Wohnung für Kurzzeitmiete in einem Gebäude, das wohl für den Zweck errichtet worden ist und sehr viele dieser Wohnungen enthält. Check in und Check out liefen ganz automatisch, wir hatten mit keinem Mitarbeiter irgendwas zu tun. Die Wohnung lag gut 100m vom Hauptbahnhof entfernt. Dort ist man auch gut mit dem Nahverkehr angebunden. In der Umgebung gab es mehrere Supermärkte, wir mussten uns ja um unser Frühstück selbst kümmern und bei den Preisen von Restaurants, an die wir uns jetzt erstmal wieder gewöhnen müssen, freut man sich auch, wenn man mal selbst kochen kann.

    Wir haben uns ein Nahverkehrsticket für 7 Tage gekauft, das war die günstigste Lösung. Wir mussten uns erst wieder daran gewöhnen, dass man beim Betreten des U-Bahnsteigs kein Ticket vorweisen muss und auch keinen Sicherheitscheck hat. Letzteres gab es auch in Bukarest nicht.

    Wir kamen vormittags an und mussten unser Gepäck irgendwo unterbringen, da der Check in in unserer Unterkunft erst nachmittags möglich war. Hotels bieten eigentlich immer eine Gepäckaufbewahrung an, aber unser bestens durchorganisierter Kurzzeitvermieter verwies auf Dienstleister in der Nähe. Wir haben es erstmal mit Schließfach im Bahnhof probiert. Da gab es sehr viele und es war etwas frei. Schlüssel war gestern, heute bucht man das per Touchscreen und bezahlt drahtlos mit dem Smartphone. Dabei muss man eine Emailadresse angeben und auf die bekommt man dann eine Erinnerungsmail, die die Fachnummer enthält und einen QR-Code zum Entsperren.

    Am ersten halben Tag sind wir etwas durch die Innenstadt gelaufen. Ich habe nicht fotografiert, weil das Wetter nicht schön war und ich dachte, dass wir nochmal kommen. Aber wir hatten zu viel zu tun. Aber dies soll nicht unser letzter Besuch in Wien gewesen sein. Von München kommt man gut und günstig mit der Bahn dahin und die Stadt ist wirklich schön und hat viel zu bieten.

    Am zweiten Tag haben wir unsere Freunde besucht, die in der Nähe vom Schloss Schönbrunn wohnen. Deshalb sind wir dort erstmal in den Park gegangen. Für das Innere des Schlosses hatten wir keine Zeit.

    Der dritte Tag war unser Museumstag. Wien ist bekannt für die Wiener Moderne. Ein Künstlername, der dabei immer genannt wird ist Gustav Klimt. Von dem gibt es eine größere Sammlung im Belvedere. Aber das ist ein großes Museum mit einer Sammlung von Adam und Eva bis heute. Das machen wir auch beim nächsten Wienbesuch. Diesmal sind wir ins Museumsquartier und dort erstmal ins Leopold Museum, die haben auch eine Sammlung zur Wiener Moderne. Ich dachte, dass wir anschließend noch andere Museen dort besuchen können, aber auch das Leopold Museum war sehr groß und wir anschließend fertig.

    Wir sind dann noch etwas an der Ringstraße entlang gelaufen. Wien hatte bis zur Mitte des 19. Jhdts. eine Stadtmauer mit einem breiten unbebauten Bereich außerhalb. Das war noch ein Überbleibsel der Türkenkriege. Als man die beseitigt hat, bekam man mitten in der Stadt einen breiten unbebauten Streifen und den hat man äußerst prunkvoll bebaut. Wir sind auch nochmal durch die Innenstadt und am Stephansdom vorbeigelaufen. Dort sahen wir Plakate für ein Konzert mit Vivaldis Vier Jahreszeiten im Dom am selben Abend. Wir haben nach Karten gefragt und es gab noch welche. Also abends noch ein schönes Konzert besucht.

    Was ich gern noch sehen wollte, war eine Sonderausstellung im Kunsthistorischen Museum mit Bildern von Canaletto und seinem Neffen Bellotto. Die beiden haben im 18. Jhdt. sehr detailreiche und durch ihre Arbeitsweise mit u.a. einer Camera Obscura perspektivisch korrekte Bilder von Städten gemalt. Zunächst in ihrer Heimatstadt Venedig, wo reiche Engländer einmal im Leben hingehen mussten und dabei gern solche Kunstwerke kauften. Als die wegen irgendwelcher Kriege nicht mehr kamen, ist Canaletto einfach nach London gezogen und Bellotto hat in Dresden und Wien gewirkt.

    Zum Kunsthistorischen Museum sind wir am letzten Tag vormittags gegangen. Die Sonderausstellung war nicht sehr groß und so sind wir noch durch die ständige Sammlung gelaufen, die sehr an die alte Pinakothek in München erinnert. Die Sammlung ist auch beeindruckend, u.a. hängt da dieses berühmte Bild des Turmbaus zu Babel von Pieter Bruegel dem Älteren.

    Hea-Jee:
    Die prachtvolle und wunderschöne Stadt Wien hat mich vom ersten Augenblick an überwältigt. Ich war neidisch auf die große Zahl historischer Gebäude, die hier erhalten geblieben sind, im Vergleich zu München, das im Zweiten Weltkrieg schwer bombardiert wurde. Wenn ich darüber nachdenke, liegt das nicht nur an der gelungenen Denkmalpflege. Wien wurde als Hauptstadt eines Kaiserreichs von Anfang an groß, repräsentativ und prächtig angelegt. Selbst in den Museen schweifte mein Blick zunächst zu den majestätischen Innenräumen, bevor ich die Gemälde betrachtete.

    Da ich mich schon lange für den Jugendstil interessiere, freute ich mich besonders, die Wiener Secession erstmals wirklich kennenzulernen. Kaum hatten wir Wiener Boden betreten, wurde uns klar, dass vier Tage für diese Stadt bei weitem nicht ausreichen würden. Deshalb beschlossen wir, diesmal ganz entspannt nur das anzusehen, worauf wir Lust hatten. Dafür wollten wir diese Stadt unbedingt noch einmal besuchen.

    In Wien trafen wir außerdem ein junges Paar, das wir über die buddhistische Gemeinschaft Jungto kennengelernt hatten. Es war schön zu sehen, wie das internationale Paar und sein dreijähriger Sohn harmonisch zusammenlebten.

    Sie luden uns in ihren Schrebergarten ein, der in einer landschaftlich reizvollen Weinregion liegt. Schon lange hatte ich mir gewünscht, einmal diesen Schrebergarten zu sehen. Der Grund dafür war eine Geschichte, die mich tief berührt hatte. Diese junge Koreanerin, die einen Wiener aus einer alteingesessenen Familie geheiratet hatte, erzählte mir einmal, warum ihr der Schrebergarten ihrer Schwiegerfamilie so viel bedeutete. Dort steht eine solide gebaute Gartenhütte, und sie sagte, dass ihre Familie in Korea dort Zuflucht finden könnte, falls in Korea eines Tages wieder Krieg ausbrechen sollte.

    Südkorea befindet sich seit dem Koreakrieg von 1950 formal noch immer im Waffenstillstand. Das Land hat sich unter ständiger Unsicherheit und in schwierigen Zeiten entwickelt. Die Verbundenheit dieser jungen Frau mit der Gartenhütte brachte etwas zum Ausdruck, das viele Koreaner im Ausland empfinden: eine Mischung aus Sorge um die Heimat und einem gewissen schlechten Gewissen, weit entfernt zu leben.

    Unsere Freundin freute sich sehr darüber, dass ihre Schwiegerfamilie den Schrebergarten inzwischen auf sie und ihren Mann übertragen hatten. Aus Sicht der Schwiegerfamilie war es vermutlich beruhigend zu sehen, dass die jüngeren Familienmitglieder das Grundstück mit Liebe pflegten und regelmäßig nutzten. Die Gartenhütte, die ihr Schwiegergroßvater selbst gebaut hatte, war so gut ausgestattet, dass eine ganze Familie dort problemlos wohnen könnte.

    Der Garten war sehr gepflegt. Ich fragte mich, wie man sich mit einem kleinen Kind überhaupt noch um einen so großen Garten kümmern könne. Doch ihr handwerklich begabter Mann hatte im Blumenbeet und Gemüsegarten automatische Bewässerungssysteme installiert. Deshalb müsse die Familie nur einmal pro Woche vorbeikommen. Offenbar gab es dort auch keine Schneckenplage, denn das Gemüse wuchs prächtig und gesund.

    An unserem letzten Tag luden uns die beiden zu sich nach Hause ein und kochten Spargelrisotto. Dazu gab es einen frischen Salat mit Gemüse, das sie gerade aus dem Schrebergarten geerntet hatten. Das Risotto ihres Mannes war so köstlich, dass es sich fast von selbst aß. Er meinte, die Zubereitung sei eigentlich ganz einfach. Da seine Mutter Italienerin ist, war dies vermutlich das erste echte hausgemachte italienische Risotto, das ich gegessen habe. Weil ich es unbedingt selbst nachkochen wollte, ließ ich mir das Rezept genau erklären: Den Risottoreis nur kurz waschen, damit nicht zu viel Stärke verloren geht. Anschließend den Reis zusammen mit Gemüse in Olivenöl und Butter anbraten. Nach und nach Gemüsebrühe zugießen und alles köcheln lassen. Nach etwa fünfzehn Minuten sei das Gericht bereits fertig. Einfach zuzubereiten, gesund und ausgesprochen lecker.

    Da wir unser Enkelkind vermissen, hatten wir große Freude daran, mit ihrem Sohn zu spielen. Statt den Erwachsenen in der Küche zu helfen, beschäftigten wir uns fast ausschließlich mit dem Kind. Der Junge war fröhlich, offen und ausgesprochen kontaktfreudig. In kurzer Zeit hatten wir ihn ins Herz geschlossen. Obwohl häufige Besuche für beide Seiten vielleicht manchmal auch mit Aufwand verbunden wären, wünschte ich mir, regelmäßig Kontakt zu halten und ihn beim Aufwachsen begleiten zu dürfen.

    Wir versuchten daher, das Paar zu überreden, uns oft in München zu besuchen. In der Nähe unserer Wohnung gebe es viele Orte, die Kindern gefallen könnten, erzählten wir ihnen, etwa das Deutsche Museum oder die Isarauen. Da wir selbst zwei Tage lang ihre Gastfreundschaft genießen durften, hofften wir, dass auch sie sich bei uns jederzeit willkommen fühlen würden.

    Während wir uns über den Kindergarten ihres Sohnes unterhielten, erfuhren wir nebenbei einiges über das österreichische Sozialsystem. Vor allem im Bereich Wohnen und Bildung hatten wir den Eindruck, dass viele Dinge in Österreich besser funktionieren als in Deutschland und den Menschen den Alltag erleichtern.

    Die Preise unterschieden sich kaum von denen in Deutschland. Auffällig fand ich allerdings, dass ich in der U-Bahn kein einziges Mal beobachtete, wie jemand älteren Menschen oder Bedürftigen seinen Platz anbot. War das in Deutschland auch so? Gleichzeitig wirkten die Menschen insgesamt sehr freundlich. Auf der Straße oder im Supermarkt begegneten wir deutlich weniger gereizten Menschen als in Deutschland. Tatsächlich habe ich in den vier Tagen niemanden erlebt, der sich beschwert oder offen geärgert hätte.

    Ich bin froh, dass ich den Schlusspunkt unserer einjährigen Reise in Wien setzen konnte. Auf unseren Reisen haben wir viele Länder kennengelernt und versucht, sie zu verstehen. Als Orientierungspunkt haben wir häufig Deutschland als Vergleich herangezogen, ein Land, das wir gut kennen. Kurz bevor wir nach Deutschland zurückkehrten, noch ein deutschsprachiges Land zu erleben, dessen Kultur und Lebensstandard dem deutschen in vieler Hinsicht ähnelt, und dabei Gemeinsamkeiten wie Unterschiede unmittelbar zu erfahren, war für uns besonders wertvoll.

    Diese Reise hat mich außerdem dazu gebracht, darüber nachzudenken, wie ich den Rest meines Lebens gestalten möchte. Der erste Gedanke betrifft die Menschen. Fast mein ganzes Leben lang habe ich wenig Zeit damit verbracht, mich mit Freunden zu treffen. Ich war immer zu beschäftigt und hielt mich deshalb für jemanden, der nur sehr wenige enge Freunde hat. Doch als ich in Korea Menschen wiedersah, denen ich teilweise seit Jahren oder sogar Jahrzehnten nicht begegnet war, und wir dennoch sofort wieder vertraut miteinander waren, wurde mir etwas bewusst: Auch in Deutschland und Europa habe ich viel mehr enge Freunde, als ich bisher dachte.

    Viele Menschen, mit denen ich in Deutschland gelegentlich Kontakt habe, kamen mir plötzlich voller Sehnsucht in den Sinn. Ich spürte den Wunsch, solche kleinen Begegnungen und Beziehungen künftig bewusster wertzuschätzen und zu pflegen. Den entscheidenden Anstoß dazu erhielt ich ausgerechnet in der letzten ausländischen Stadt dieser Reise. Als ich den dreijährigen Fabio, den ich erst wenige Tage zuvor kennengelernt hatte, beim Spielen beobachtete, entstand in mir der Wunsch, sein Aufwachsen mitzuerleben. Dieser Gedanke setzte den Schlusspunkt unter meine Überlegungen und gab ihnen eine klare Richtung.
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