• Ein lauter Tag

    August 19, 2025 in France ⋅ ⛅ 28 °C

    TOCK, TOCK, TOCK! Wie ein Besessener hämmert der Specht seinen Schnabel mit aller Wucht in den Baumstamm. Genau den Baum hat er sich ausgesucht, der direkt vor unserem Zelteingang steht. WRUMMMMM... flappert ein panischer Zweiflügler vorbei. Ob er mit Absicht extra knapp an uns vorbei schrabbt oder einfach nur die Kurve nicht sauber gekriegt hat? KRRRRRRR. Er bringt den namenlosen Käfer, der sich in die Todeszone zwischen Innen- und Außenzelt verirrt hat dazu, einen neuen Ausbruchversuch zu starten. Er brummelt und summt und macht sich daran, mit den Flügeln, das Außenzelt zu zersägen. Etwas entfernt knistert und knackt etwas Hochbeiniges durchs Geäst. Kakaophonie eines mitteleuropäischen Mischwaldes. Miron und Lian ignorieren die Geräusche genauso effektiv wie sonst ihre Schulwecker am Morgen. Plötzlich rumpelt es in der Ferne. Das Rumpeln kommt näher, wächst sich zu einem heranrollenden Donnern aus und zerknallt die Luft über unseren Köpfen. Ein Helikopter streift unser Zeltdach, wir ziehen die Köpfe ein, doch da ist er schon weiter und schrammt dahin über die Baumspitzen. Jetzt sind alle wach. Wir machen vorsichtig das Zelt auf, doch die Lichtung ist leer - der Trupp Spezialeinheiten, den wir insgeheim erwartet haben zu sehen, hat sich wohl doch woanders abgeseilt. Alle tierischen Krachmacher sind eine Weile still, allen sitzt der Schreck in den Gliedern. Dafür übernimmt eine französische Omi mit ihren drei Enkeln die Geräuschkulisse. Munter krakeelen die Kids unter unseren Füßen in den Felsen des Ochsenstalls herum. Biwakieren ist hier zwar erlaubt, aber wir haben so früh noch keine Lust auf Besuch, also versuchen wir unser Zelt so leise wie möglich abzubauen und essen unseren Haferbrei heute kalt. Als dann endlich eins der Krakeelerkinder den Aufgang zu unserem Zeltplatz entdeckt und zu uns hochkrabbelt, sitzen wir schon fertig verpackt, verschnürt und gekämmt, abmarschbereit. Abmarschieren tun wir dann auch direkt, zum nächsten Örtchen, Eckartswiller, ist es nicht weit. Aufgefädelt wie Perlen an einer Schnur liegen die Häuser rechts und links der Straße. Bis auf ein paar träge Pferde, die in der Sonne schmoren, gibt es kein Lebenszeichen. Der nächste Ort hat einen Bäcker mit Café, heißt es, und einen poetischen Namen - La Petite Pierre. Gleich am Ortseingang stehen Tische und Stühle schön im Schatten, einige Leute sitzen und plaudern. Wir hatten das Café später erwartet, aber freuen uns natürlich, etwas früher Pause machen zu können. Als wir näher hinsehen, hat jedoch keiner der Gäste irgendwas zu essen oder zu trinken vor sich stehen. Ich bin jedoch schon zu nah dran und werde von einer älteren Dame angesprochen. Ich nicke freundlich, sage "Oui, oui" und "Merci" und "Bonjour" - irgendwas wird schon passen, ich habe kein Wort verstanden, bin mir noch nicht einmal sicher, ob es überhaupt Französisch war. Aber ich bin mir nun sicher, dass dies kein Café ist - es ist ein Altersheim. Den Bäcker finden wir kurz darauf dort, wo wir ihn vermutet haben. Noch während wir unsere Bestellung abgeben, geht ein ohrenbetäubendes Hämmern los, die ganze Erde vibriert, es staubt durch die Tür herein. Eine Baustelle, direkt vor dem einzigen Café weit und breit. Und genau heute, genau jetzt, ist der Rüttler an der Reihe. Jackpot. Ziemlich gerädert, aber schwer beladen mit Baguettes, trollen wir uns weiter. Zurück in den Wald! Fast sehnen wir uns nach dem zarten Trommeln des Spechts neben unseren Ohren. Ein hilfreicher Franzose verspricht uns einen tollen Ausblick auf die Vogesen und unvergessliche Naturerlebnisse, sogar eine Picknickbank, wenn wir auf dem Gipfel des nächsten Hügels campieren anstatt ins nächste Tal weiter zu laufen. Wir suchen den Vogesenausblick und finden die Picknickbank. Sie liegt tatsächlich auf dem Sattel des Bergchens, neben einem - ja, das ist ein Sportplatz. Und dieser muss offensichtlich genau heute gemäht werden. Ausführlichst. Und da man schon dabei ist, auch die angrenzenden Wiesen, und das sind viele. Uns reicht es für heute, wir verkriechen uns ein Stück zurück im Wald, schlagen das Zelt auf und warten auf die versprochenen Naturerlebnisse. Und darauf, dass der Rasenmähermann fertig ist. Miron hat sich zuerst hingelegt. Das ist ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist auch, dass er nix zum Abendessen will. Als Lian und ich alles verstaut und aufgegessen haben und ins Zelt gehen, kommt uns Miron entgegen und startet das akustische Finale des Tages. Er kotzt einmal ums Zelt herum, zweimal, einen richtigen Bannkreis. Dann ist die andere Körperöffnung dran. Der Arme springt die nächsten Stunden zwischen Zelt und Wald hin und her, untermalt vom Rasenmähergeräusch in der nahen Ferne. Gegen 23 Uhr ist die Wiese gemäht, Miron kotzt weiter Rehe in die Flucht. Gegen 2 Uhr kehrt endlich Ruhe ein in den Gedärmen meines Erstgeborenen, da steht Lian auf und rundet nun seinerseits das vollendete Drama mit drei Kotzeinlagen ab. Ich liege in der Mitte und lausche auf den Ruf des Käuzchens, schwöre mir, meinen Jungs nie wieder Pizzastücke nach Elsässer Art zu kaufen und verstehe, dass diese Nacht nicht zum Schlafen gedacht ist.Read more