• Auf freiem Fuß

    August 23, 2025 in France ⋅ ☁️ 18 °C

    "Im Schutz des allerersten Sonnenlichtes schleichen wir uns vorbei an Zimmer Nr. 10. Der Zeitpunkt könnte nicht besser sein - der Vampirwächter ist nirgends zu sehen, trotzdem zieht uns ein starker Sog in Richtung des Kellers, doch wir sind fit und ausgeruht, haben den Zauberbann abgeschüttelt und stürzen ins Freie." Na ja, vielleicht war es nicht ganz so. Kurz vor 10 Uhr haben wir endlich alles beisammen, ausführlich gefrühstückt und spazieren gemütlich in den Tag hinaus. Mit uns zusammen wird auch Matthias aus dem Saarland aus der schrägen Unterkunft ausgespuckt, wir hatten seine Ankunft gestern Abend gar nicht bemerkt. Er läuft in dieselbe Richtung wie wir, muss vorher jedoch noch Lebensmittel jagen gehen. Also verabschieden wir uns direkt nach dem Kennenlernen und ziehen unserer Wege. Ich absolviere noch Kapitel Drei meines Französisch-Lehrbuchs "In der Apotheke" und besorge für uns eine Familienpackung Darmbakterien. Mit diesen neuen Freunden im Bauch starten wir wieder in den Wald. Die ersten Kilometer sind noch etwas träge, doch bald finden wir wieder in unseren Rhythmus. Doch es tut sich ein neues Problem auf: Miron hatte sich derart gründlich entleert, dass er nun Unmengen an Essbarem benötigt, um so etwas wie ein Sättigungsgefühl zu spüren. "Ich habe Hunger" wird zum Mantra des Tages. Er muss wohl vorerst in Erinnerungen ans Sattsein schwelgen, und sich mit der grandiosen Aussicht vom Turm des Chateau du Haut Barr ablenken. Weiteres Ablenkungsfutter in Form von Vogesenausblicken bekommt er am Rocher de Brotsch. Und - als besonderer Service des Tages - taucht noch während wir die umliegenden Wälder in uns aufnehmen eine weitere Unterhaltung auf, die den Fokus von den knurrenden Mägen wegzieht. Matthias hat uns eingeholt und geht ein paar Stunden mit uns zusammen. Fröhlich schwatzend erfahren wir, dass er noch nie im Wald gezeltet hat (krass) und sich von Herberge zu Herberge durchhangelt. Da er noch drei Stunden rennen muss, um sein Tagesziel zu erreichen, verabschieden wir ihn am späten Nachmittag. Schließlich sind wir ja schon dort, wo wir die Nacht verbringen wollen. Dachten wir. Die Schutzhütte, die wir angepeilt hatten, ist frisch gestrichen, der fleißige Förster steht noch mit den Pinseln daneben. Also weiter, in den Wald hinein. Doch der Wald wurde ebenfalls einer gründlichen Kosmetik unterzogen, offenbar hat der Förster in einem Anfall von Arbeitswut alle zu fällenden Bäume auf einmal gefällt und plant erst aufzuräumen, wenn auch der letzte Ast abgesägt ist. Der Waldboden ist ein einziger Baumfriedhof, keine Chance, hier ein Zelt aufzubauen. Noch während wir am Wegrand grübeln, ob wir uns rechts oder links tiefer in den Wald schlagen sollen, um vielleicht doch noch fündig zu werden, fahren zwei Jeeps vor. Sie halten an, vier Männer sind darin, bis unter die Zähne bewaffnet mit Gewehren und in Tarnkleidung. Wieder einmal verabschieden wir uns vorsichtshalber voneinander, die Worte sind mittlerweile gut eingeübt. Einer der Männer kommt auf uns zu, wir ducken uns reflexartig ins Gras, was natürlich nicht sehr viel bringt. Er stellt sich vor uns auf und erklärt auf Französisch "Boum! Boum!", gestikuliert dabei wild mit den Armen genau in die Richtungen, über die wir gerade noch diskutiert haben. Ich finde Kapitel 32 "Auf der Jagd" in meinem Französisch-Buch - wir haben hier vier Jäger vor uns, die sich für heute Abend unseren Schlafwald vorgenommen haben. Besser, wir halten uns dem Spektakel fern um nicht selbst im Eintopf zu landen. Viel Überredung braucht es da nicht mehr, mit jemandem, der ein Gewehr dabei hat, diskutiere ich grundsätzlich nicht. Hab ich mir irgendwann mal angewöhnt. Nun heißt es nochmal 1,5 Stunden weiterlaufen zum Zeltplatz bei dem Örtchen Doba. Die Aussicht auf einen Campingplatz ist verlockend und motivierend - da kann ja nun nichts mehr schief gehen. Sicher wird dort nix gestrichen, gefällt oder gejagt werden heute Nacht, dort können wir hundertprozentig bleiben. Ja, ja, so naiv kann man sein.... Inga, ich wünschte, ich hätte deinen Blogeintrag zu Dabo vorher nochmal gründlich gelesen.Read more