Eiszapfen und Schneeberg
August 24, 2025 in France ⋅ ☀️ 16 °C
Kurzprotokoll Familienrat vom 23. August 2025, Zeit: abends, Ort: geschlossener Campingplatz
1) Brainstorming Lösungsvorschläge: Weiterlaufen / auf dem geschlossenen Zeltplatz schlafen / im Wald verstecken
2) eindeutiges Votum gegen Weiterlaufen, akzeptables Maximum an weiteren Schritten auf 100 pro Person festgelegt
3) Erkunden der Umgebung, aufgegebener Forstweg direkt hinter Zeltplatzhütte entdeckt
4) Pro & Contra-Liste erstellt: PRO Zeltplatz : eben, Schild "fermé" lässt sich einfach umdrehen zu "ouvert", richtiger, echter Campingplatz, Protest / PRO Forstweg: versteckt, länger schlafen, windgeschützt
5) Abstimmung: drei Stimmen für Forstweg, keine Enthaltung
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Da wir partout keinen Schritt mehr weitergehen wollen und es eine absolute Frechheit finden, dass der Campingplatz einfach geschlossen ist, beschließen wir, uns hinter den Gebäuden im Wald zu verstecken. Allerdings wird die einzige einigermaßen ebene Fläche von einem Bündel Federn besetzt - hier hat sich vor Kurzem ein tierisches Drama ereignet. Lian als überzeugter Vegetarier wäre nur schwer zu überreden, sich auf einem Vogelkadaver zur Ruhe zu Betten, also machen Miron und ich uns schnell daran, dem armen Ding ein provisorisches Grab zu schaufeln und die Federn geschickt unters umliegende Laub zu stopfen - bevor Lian irgendwelche Einsprüche erheben kann. In der Dämmerung kriechen wir dann alle drei unter die Zeltplane und kleben uns mehr recht als schlecht auf die schiefe Ebene des Waldbodens. Kein Laut dringt aus dem Wald, nicht das kleinste Knistern oder Knacken. Auch der Sommer scheint diesen verlassenen Flecken Erde vergessen zu haben, in der Nacht fällt die Temperatur schmerzhaft ab, so weit, dass auch unsere Schlafsäcke sich nicht mehr sonderlich verantwortlich fühlen und morgens drei eiszapfenübersähte Gestalten dem ersten Gassigänger ein steifes Bild bieten. Warm wird man am besten durch ein Feuerchen, eine schöne heiße Badewanne oder durch Bewegung. In der Ferne lockt der Umriss des Rocher de Dabo zu einem Morgenspaziergang und nimmt uns die Entscheidung ab. Die Rucksäcke frieren nicht und dürfen sich auf dem Zeltplatz verstecken und noch etwas weiterdösen während wir die Stufen zum Dabofelsen hochjoggen. Auch hier erwartet uns ein "fermé"-Schild, die Kasse macht erst am späten Vormittag auf. Doch wir haben keine Lust mehr, uns von willkürlich aufgestellten Schließungen aufhalten zu lassen, klettern schnell durch das Drehkreuz und tanken Wärme - und vielleicht auch etwas Zuversicht - in der Morgensonne mit Rundumblick. Unser Tagesziel schimmert rufend in der Ferne, umschlungen von grünen Wäldern soweit das Auge blickt. Wir haben nun eindeutig die Mittelvogesen erreicht, die Hügel mausern sich allmählich zu richtigen Bergen. Leider betrifft dies auch die Höhenmeter, die zu diesen Erhebungen führen. Das Wörtchen "steil" wurde ganz treffend für solche Wege erfunden, die uns im weiteren Verlauf des Tages erwarten. Unsere Wärmespeicher füllen wir während einer ausgedehnten Mittagsrast an sprudelnder Quelle endgültig auf und wagen uns dann durch die düsteren Wälder gen oben. Als wir schon überzeugt sind, dass wir unser restliches Leben lang würden weiter bergauf gehen müssen, erbarmt sich der Schneeberg und heißt uns auf seinem Gipfel willkommen. Und was für ein Gipfel! Regelrecht märchenhaft liegen alte verknorkste Bäume neben moosbedeckten Steinen im Abendlicht. Wir wollen diese magische Stille nicht stören und trotten noch einige Meter bergab zu einer Hütte, aus der uns dicker Rauch und ein älterer Mann mit noch dickerem Grinsen empfangen. "Bienvenue" - Michelle aus Straßburg hat schon mal den Ofen angefeuert und begrüßt uns herzlich auf seiner Lichtung. Er erinnert uns mit seinen langen grauen Haaren und seinem asiatischen Aussehen an einen alten Tibeter, auf dem Ofensims hat er Kerzen mit chinesischen Schriftzeichen angezündet und kämpft gerade gegen den Qualm des Feuers, der durch alle Ritzen kriecht, nur nicht durch das vorgesehene Ofenrohr. Wir bekommen einen Platz für unser Zelt unter der großen Buche und zu unseren Nudeln Parmesan und französische Konversation von Michelle vorm knisternden Feuer. Es fühlt sich an wie Nachhausekommen, nur der wieder einmal schiefe Erdboden erinnert uns daran, dass wir nicht in weichen Betten schlafen, sondern uns irgendwie der Schwerkraft trotzend an einen Berg klammern.Read more





















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Wow ✨
TravelerDer Ruhm geht an Miron 😊