Ein düsteres Kapitel
August 27, 2025 in France ⋅ ☁️ 19 °C
In der Nacht hat sich das Unwetter so richtig ausgetobt. Die umliegenden Berge wurden großzügig mit Blitzen bedacht, für uns gab es kübelweise Wasser aufs Dach. Unter der doppelten Überdachung aus Zelt und Schutzhütte sind wir jedoch vollkommen trocken geblieben und blinzeln nun in einen lieblichen Morgen. Ein, zwei Stunden macht der Wald Pause vom Unwetter, und die wird gut genutzt. Unser alter Freund, der Rasenmähermann, hat uns gefunden und begradigt flink geflissentlich die Wiesenräder um unsere Hütte herum. Er hat sich ein neues Äußeres zugelegt, ein neues Auto und den lautesten Rasentrimmer mitgebracht, den er in seiner Sammlung gefunden hat - damit weckt er uns gründlich auf, und wer freut sich nicht über sauber getrimmte Wiesenränder rund um eine Schutzhütte im Wald? Als er endlich einpackt, packt der Himmel wieder aus und schüttet runter, was gerade zu haben ist. Blitz, Donner und Wassereimer sind offenbar noch reichlich im Angebot. Wir verstehen den Wink mit dem Zaunpfahl und warten ab, bis sich die größte Unwetterwut gelegt hat. Wir filtern so lange Wasser am Brünnlein um die Ecke. In dessen Becken wohnt ein Feuersalamander-Teenager und leistet uns etwas Gesellschaft. Er hat noch Kiemen, aber schon den schicken Körper eines Erwachsenen, nur im Kleinformat. Das findet er offensichtlich etwas peinlich, er versteckt sich so gut es geht in den Ecken des Troges. Wir freunden uns schnell mit ihm an, er heißt Francois, ist ein angenehmer, sehr ruhiger Zeitgenosse und sein unfertiges Aussehen stört uns nicht die Bohne. Doch es heißt gleich wieder Abschiednehmen von unserer Wasserbeckenbekanntschaft - eine weitere Unwetterpause tut sich auf und wir würden gerne noch drei Schutzhütten weiter kommen, aus dem Radius des nervigen Rasenmähermannes heraus. So brechen wir am späteren Nachmittag wieder auf, mit einem unguten Gefühl im Bauch. Wir müssen am ehemaligen Konzentrationslager Struthof vorbei. Die letzten Tage haben wir immer wieder darüber gesprochen, ob wir uns das anschauen sollen oder besser nicht. Miron war schon mit der Schule dort gewesen und seine Erzählungen reichen Lian und mir vollkommen aus - wir entscheiden uns angesichts meiner ohnehin schon durch Nachtwanderungen und Unwettergefahr strapazierten Nerven gegen eine Besichtigung. Doch wirklich entziehen können wir uns dem Grauen dann doch nicht. Der Wanderweg führt ganz genau durch das Gelände, die Infotafeln können wir nicht ignorieren und so stehen wir fassungslos und schockiert vor dem Gelände, auf dem sich vor nicht mal allzu langer Zeit Unsagbares zugetragen hat. Vor dem Gedenkstein an all die unschuldig Verschleppten und Ermordeten werde ich ganz klein und wünsche mir wieder einmal sehnlichst eine andere Nationalität. Unvorstellbar genug, dass Menschen andere Menschen derart entmenschlichen können, dass sie zu solchen Taten fähig sind, dass diese Täter meine Vorfahren waren ist und bleibt kaum verdaubare Kost. Und mit einem düsteren Gedanken über den Rhein und an die aktuellen Tendenzen in dem Land, das all dies Unmenschliche hervorgebracht hat, wird mir speiübel. Ich versuche, Miron und Lian zu erklären, in welchen Schritten Gruppen ausgegrenzt, immer mehr entrechtet und schließlich ganz aus der Menschenspezies ausgeschlossen werden und verstecke mich dabei hilflos hinter akademischen Theorien, da es doch eigentlich keine nachvollziehbaren Antworten auf all die aufkommenden Fragen gibt. Sehr bedrückt ziehen wir weiter, mehr Fragen als Antworten im Gepäck. Dass der Himmel sich wieder verdunkelt hat, passt ungemein gut zu unserer Stimmung. Gerade passieren wir ein Schild mit der Aufschrift "Teufelsloch", als sich zu den Regentropfen auch Donnergrummeln gesellt. Ich erinnere mich, dass hier in der Nähe eine Schutzhütte sein soll, doch sie ist nirgends zu sehen. Wir schlagen uns auf gut Glück ins Unterholz und durchkämmen den Wald - sie MUSS hier irgendwo sein! Und wir brauchen sie zunehmend dringend. Miron entdeckt sie als erster und wir schaffen es gerade noch rechtzeitig hinein bevor uns die Fluten davontragen. Die Hütte ist dunkel, schmutzig und unheimlich, aber trocken. Eine bleistiftdicke, fette Made kriecht gemütlich einmal quer über den Boden und fordert meine Selbstbeherrschung heraus. Das war zuviel an Leichen, Folter und Mord vorhin als dass mich diese Made ungerührt lassen würde. Lian jedoch behält einen kühlen Kopf, nimmt das Tier des Grauens kurzerhand zwischen zwei Stöcke und wirft sie nach draußen in die Sintflut. Wir können heute nicht weiter und die Aussicht, hier die Nacht verbringen zu müssen, hebt die Stimmung nicht wirklich. Lian zaubert eine kleine Bienenwachskerze aus seinem Rucksack und zusammen mit einem Stück Schokolade beruhige ich mich immerhin so weit, dass ich entscheiden kann, das Zelt in der Hütte aufzubauen. Dazu müssen wir etwas umbauen, aber wir schaffen es auf den Millimeter, unser Zelt auf den Madenboden zu quetschen und uns selbst mit sensationellen akrobatischen Künsten ins Innere unseres Schneckenhauses zu winden. Es ist stockdunkel, man sieht die Hand vor Augen nicht. Auf dem Dach tobt sich das Gewitter aus, wir liegen im Schwarzen und warten auf das barmherzige Vergessen der Nacht.Read more



















