Das Ende naht
26. August 2025 in Frankreich ⋅ ☁️ 26 °C
Unglaublich, aber wahr - wir stehen VOR der Sonne auf!!! Alle drei!!! Ganz freiwillig!!! In den Ferien!!! Die Aussicht darauf, nach dem wunderschönen Sonnenuntergang auch den Sonnenaufgang zu erleben vollbringt ein wahres Wunder. Wir fühlen uns ganz oben angekommen und werden geflutet von Glückshormonen. Beschwingt starten wir in die bisher längste Etappe der Tour. Für den späten Abend ist Gewitter angesagt, wir haben noch den höchsten Berg der Umgebung vor uns, Wasser gibt es erst wieder auf der anderen Seite (also Wasser, das nicht von oben kommt), unsere Essensvorräte sind auch ziemlich geschrumpft. Da kommt uns die Waldautobahn zwischen unserem Himmelsfelsen und dem Donon gerade recht, wir kommen flott voran, müssen nicht ins Tal hinab, sondern nur weiter nach oben und können einfach Kilometer schrubben. Der Donon ist seit Urzeiten ein beliebter Ort, etliche archäologische Funde aus der Kelten- und Römerzeit wurden dort gefunden und wir lernen, dass die Vogesen ihren Namen von einem Wald- und Berggott namens Vosegus haben. Im 19. Jahrhundert wurde der römische Tempel, der dort nie stand, aber gut gepasst hätte, kurzerhand von deutschen Nostalgikern ergänzt. Dass der Ort irgendwie cool ist, hat sich seit den Römern rumgesprochen, nur wir wussten noch nix davon und purzeln daher ziemlich unvorbereitet in die Touristentraube. Mit unseren knorrigen Wanderstöcken, zotteligen Haaren und dem passenden Parfüm glaubt uns keiner, dass wir nicht die originalen Bewohner der Bergkuppe sind, und wir unternehmen auch gar nicht erst einen Versuch, diese Verwechslung aufzulösen sondern fliehen so schnell wir können weiter. Kurz rufen wir noch "Das Ende naht!" über unsere Schultern und meinen das herannahende Gewitter, ernten aber bloß verständnislose Blicke. Wir brauchen Wasser! Das gibt's im Restaurant unterhalb des Donon-Gipfels, wir müssen es uns jedoch durch eine Essensbestellung erkaufen. Miron's Laune sinkt dramatisch als uns nur das "Kleine Menü" gereicht wird, für die Zeit zwischen 14 und 18 Uhr, in der man offenbar nur Hunger auf Wurst, Salat oder Käseplatte hat. Der Unterschied zwischen Käseplatte und Salat stellt sich als minimal heraus, unter den drei Salatblättern versteckt sich ein Donon aus Käsesalat. Egal, wir haben das Wasser und müssen weiter, das Ende naht! Doch zuvor endet der Weg, einfach so. Weg. Hä? In der Beschreibung des Weges stand "dieser Abschnitt ist nicht gut gepflegt", das ist sehr freundlich untertrieben. Wir krabbeln ins Dickicht rein und tauchen im Garten eines Hauses wieder auf, kriechen an der Hecke entlang und verschwinden durch den Straßengraben hinterm nächsten Haus. Und irgendwann ist da wieder Asphalt unter den Füßen, irgendwann wieder ein erkennbarer Weg, irgendwann endlich Schirmeck, unser Tagesziel. Hier wollen wir uns nach dem Besuch im Supermarkt für die Nacht in den Wald schlagen, vom angekündigten Gewitter gibt es keine Spur. Das ändert sich jedoch sobald wir unsere Taschen gefüllt haben und aus den Hallen des Konsums wieder in die kalte, raue Welt treten. Der Himmel hat sich schwarz verfärbt, der Wind frischt auf, der Weltuntergang donnert am Horizont heran. Uns wird schlagartig klar, dass wir zwar Essen für drei Monate auf dem Rücken haben, aber ein Zeltdach doch etwas dürftig werden dürfte für das, was da herannaht. Vor lauter Hektik haben wir unsere Wanderstöcke im Supermarkt vergessen, sie werden brav mit eingeschlossen und anschließend von einer netten Angestellten auf unser Flehen hin wieder befreit. Schirmeck bietet ein trostloses Bild an diesem Abend - das Gewitter drückt heran, alles hat geschlossen, der Großteil der Geschäfte für immer, jedes dritte Haus steht zum Verkauf. Miron lotst uns durch schummerige Hintergassen, vorbei am schummerigen Schloß in den schummerigen Wald. Dort irgendwo steht unsere Hoffnung, eine Schutzhütte, die uns erretten soll. Wir rennen und stolpern im Wettlauf mit dem Weltuntergang durch den mittlerweile rabenschwarzen Wald, natürlich geht es bergauf, wie immer in solchen Fällen. Und wirklich steht sie dort, auf einsamer Lichtung, nimmt uns auf, samt Zelt - gerade rechtzeitig: der Himmel zerbricht über uns in dem Moment, in dem wir die Schlafsäcke zuziehen.Weiterlesen





















Reisender
Wie glücklich du aussiehst 🥰