Gen Himmel
August 25, 2025 in France ⋅ ☀️ 20 °C
Wir hätten richtig gut schlafen können, wären wir nicht ständig über- und durcheinander gepurzelt. Die Schwerkraft war letzte Nacht wohl besonders stark, dafür hat unsere Michelin-Männchen-Taktik gegen die Kälte funktioniert: ich habe alles angezogen, was ich dabei habe, kann mich dann zwar nicht mehr bewegen, aber rumkugeln, schön mollig und warm. Michelle ist schon am Zusammenpacken und wuselt flink von Hütte zu Quelle und zwischen den Bäumen hin und her als wir unsere Köpfe aus dem Zelt strecken. Kurze Zeit später verschwindet er im Morgensonnenschein durch den Wald bergab. Wir folgen ihm nach einem gemütlichen Frühstück und treffen bald auf die Ruinen der Burg Nideck. Hier befindet sich erneut eine Zeitschleuse - sie befördert uns direkt ins Zeitalter der Romantik. Durch wildes Dickicht und hohe Farne schlängelt sich der Weg vorbei an rauen Felsen ins tiefe Tal, ein liebliches Bächlein verwandelt sich vor unseren Augen in einen imposanten Wasserfall, dessen erfrischendes Nass über moosbewachsene Steine gluckert. Erst am Café Nideck werden wir aus diesem Bild wieder ausgespuckt. Die polternden deutschen Motorradfahrer am Nachbartisch helfen uns schnell zurück in die Gegenwart. Das ist auch nötig, denn vor uns liegt eine weitere Bergbesteigung, bis hinauf auf den Donon - den höchsten Berg der Mittelvogesen, der mit seinen 1009 m den Titel "Berg" durchaus zurecht führen darf. Und ich finde, er sollte auch den Titel "Wüste" verliehen bekommen, denn uns erwartet weit und breit keine Wasserquelle unterwegs. Hilfsbereit füllt uns der Café-Eigentümer höchstpersönlich unsere Wasservorräte an der Bar auf. Wir hätten es ihm nicht übel genommen, wenn er den Wasser- mit dem Cola-Zapfhahn verwechselt hätte, denn nun geht es wieder steil gen Himmel. Etliche Mistkäfer entlang des Weges haben ihren eigenen Weg ins Himmelreich schon vollendet und strecken nur noch starr ihre Beinchen in die Luft. Ab und an bewegen sich diese Beinchen noch, dann erbarmt sich einer von uns und hilft dem hilflosen Krabbeltier wieder auf die Füße. Wir hoffen so auf gutes Karma, das uns den Weg der nicht enden wollenden Strapazen des steilen Bergauf abkürzen würde. Und mit einem Schlag wird es tatsächlich eben - als plötzlich vor uns ein Steintor im Wald aufragt. Eventuell haben wir es mit den Mistkäfern übertrieben und so viel gutes Karma angesammelt, dass wir nun direkt selbst an die Himmelspforte klopfen dürfen? Miron ist zumindest selig beglückt als er den "allerbesten Klettergriff aller Zeiten" im selbigen Felsentor entdeckt. Glücklicherweise lässt sich der Griff nicht abmontieren und Miron überzeugen, besser ohne Steinklotz auf dem Rücken weiter zu laufen und das Andenken an den besten Griff aller Zeiten einfach tief im Herzen zu bewahren. Weitere 15 gerettete Mistkäfer später erreichen wir den Himmel selbst. Vom Rocher de Mutzig aus haben wir einen beflügelnden Blick auf die gesamte Welt der Vogesen und eine sagenhafte Auswahl an ebenen Schlafplätzen. Wir wählen sorgsam den ebensten aus und genießen unser Abendmahl vor spektakulärer Kulisse. Noch zwei weitere Paare haben heute fleißig Mistkäfer gerettet und bauen ihre Zelte neben unserem auf - zwei Studenten aus Straßburg und ein Vater mit seinem Sohn. Der Sonnenuntergang belohnt uns alle gemeinsam und macht Lust auf mehr Rosa.Read more




















