• Das Vermächtnis der Besatzung

    May 23 in Guernsey ⋅ ☀️ 14 °C

    Nun gut, jeder der jetzt anhand der Titelwahl an eine Geschichtslektion denkt und diese hier erwartet, der wird nicht voll auf seine Kosten kommen. Tatsache ist und bleibt jedoch, dass die Kanalinseln zwischen dem 30. Juni 1940 bis zum 9. Mai 1945 von Nazi-Deutschland besetzt und auch in dieser Zeit stark geprägt waren. Nachdem wir 2019 das etwas gruslige German Underground Hospital besucht hatten, war es heute deutlich freundlicher und sonniger ☀️
    Heute steht die Pleinmont-Halbinsel auf dem Programm, das südwestlichste Zipfelchen der Insel.

    Portelet → Fort Pezeries → Table des Pions → MP3 Pleinmont Observation Tower → über den Klippenpfad zum MP4 L'Angle Observation Tower → über Wiesenwege zurück zum Auto – so die Route.
    Start beim Parking Imperial Hotel

    Fort Pezeries ist eine bescheidene, hübsch erhaltene Befestigung aus napoleonischen Zeiten und klebt direkt an der Klippe. Gleich daneben die Table des Pions, ein perfekter Steinkreis im Boden, den die Einheimischen liebevoll "Fairy Ring" nennen. Offiziell soll es der Versammlungsplatz für die königlichen Inselbeamten gewesen sein, die früher hier oben Patrouille hielten. Mir gefällt die Feen-Version besser, vielleicht auch, weil mich die Gegend stark an Irland erinnert. Gelb blühender Ginster, violette Heide, ganze Hänge mit sich gerade entrollendem Farn in diesem hellen Limonengrün, das nur ein paar Wochen im Jahr existiert.
    Dann der Anstieg zum MP3, dem ersten der in den 1940er Jahren errichteten Türme.
    Diese sind nicht britisch, sondern deutsch. Das tönt zuerst absurd – mitten in der vermeintlichen Kanalinsel-Postkartenidylle stehen plötzlich diese trotzigen, fünfstöckigen Betonklötze in der Landschaft, und es braucht einen Moment, bis sich das richtig einsortiert. Hitler liess die kleinen Inseln zu einer "uneinnehmbaren Festung" ausbauen, allein rund zehn Prozent des Beton- und Stahlmaterials des gesamten Atlantikwalls wurden hierhergeschickt. Gebaut wurde mehrheitlich von Zwangsarbeitern der Organisation Todt – aus der Sowjetunion, Polen, Spanien und Frankreich, unter jämmerlichen Bedingungen.
    MP3, also "Marine-Peilstand 3", ist einer der eindrücklichsten Überreste davon. Fünf Stockwerke hoch, Wände bis zu zwei Meter dick aus Stahlbeton, errichtet 1942 in einem einzigen, durchgehenden Guss in nur sieben Wochen. Der Anblick von aussen reicht völlig, Besuch nur am Mittwoch und Sonntag möglich.

    Weiter dem Klippenpfad entlang zum etwas kleineren MP4 am L'Angle Observation Tower. Der Wind ist mild, kaum Leute unterwegs, und Skye läuft mustergültig an der Leine – auch bei den Hundebegegnungen, die wir unterwegs haben. Sonja ist überstolz 😃❤️
    Zurück über die Wiesenwege landen wir gegen Mittag wieder beim Imperial Hotel. Hungrig, durstig, angenehm müde von dieser ehrlichen Wandermüdigkeit, die man nicht erklären muss. Auf der Karte: Moules in Weissweinsauce, dazu ein lokaler Cider. Die Muscheln sind ganz hervorragend, frisch, präzise gewürzt, die Sauce so gut, dass ich am Schluss mit dem Löffel geniesse. So schön, es gibt doch einen richtigen Grund, warum Weisswein hergestellt wird. 😅
    Anschliessend gehts rüber ins Shipwreck Museum im "Cup and Saucer", dem markanten weissen Martello-Turm gleich nebenan. Klein, voll, charmant – die Geschichten der Wracks rund um die Kanalinseln sind erschütternd und faszinierend zugleich, die Riffe hier haben so manches Schiff verschluckt. Skye schläft in der Zwischenzeit zweimal selig im klimatisierten Kona – einer dieser Momente, der super für uns ist – Hund ruhend, wir entdecken noch ein bisschen.

    Jetzt, um zwei Uhr, sind wir zurück im Duke Hotel in St. Peter Port. Skye liegt platt auf dem Hotelteppich, Sonja blättert in ihrem Buch, ich tippe diese Zeilen. Ein wirklich, wirklich schöner Wandertag.
    LG S
    Read more