• Erfahrungen der anderen Art 2

    12. januar, Thailand ⋅ 🌙 26 °C

    Am nächsten Morgen rollte man eine mobile Röntgenanlage zu mir herein und schaute sich erneut meinen Bauchraum an. Auch an den Folgetagen blieb die Abstinenz bestehen. Meine Ernährung erfolgte ausschließlich über die intravenöse Zufuhr von osmotisch eingestellter Flüssigkeit mit Glukosezusatz.

    Die Pflegekräfte waren alle durch die Bank sehr nett und freundlich und es fiel positiv auf, daß – abweichend zum sonst in Bangkok und Gesamtthailand vorhandenen Sprachdefizit, was das Englische angeht – das Verstehen und Sprechen bei allen erfreulich gut entwickelt ist. Sonst könnte man ja auch kaum das angestrebte Level in Bezug auf den Medizintourismus halten.

    Lästig war auf die Dauer nur, daß in der ganzen Zeit meines Aufenthaltes alle drei bis vier Stunden – selbst nachts!! – jemand ins Zimmer kam, um Blutdruck, Körpertemperatur und Sauerstoffsättigung des Blutes zu kontrollieren.

    Durch das geräumige Krankenzimmer war es für Ulrike angenehm, jederzeit kommen und gehen zu können. Sie hätte sogar auf der Couch nach Voranmeldung übernachten können, verzichtete jedoch darauf im Interesse ihres Rückens. So besuchte sie mich treulich jeden Tag, was schön war. Das Krankenhaus verfügt im Mezzanin-Zwischengeschoß über dem Erdgeschoß über eine größere Ladenzeile mit unterschiedlichen Restaurants und anderen Geschäften mit Artikeln des täglichen Bedarfs, so daß man sich – sofern man keiner Diät unterliegt – jederzeit auch dort versorgen kann.

    Nach zwei Tagen wurde dann die Saugvorrichtung abgestellt und die Magensonde wieder gezogen, und man begann mit einem vorsichtigen Nahrungsaufbau. Das sah zunächst einmal so aus, daß einem eine Schale lauwarmen Reiskochwassers und eine zweite mit einer „klaren Gemüsebrühe“ serviert wurde, beides ohne Salz, wobei nach dem Geschmack zu urteilen das Gemüse an dem beteiligten Wasser irgendwann einmal in größerer Entfernung vorbeigeflogen sein mußte. Ergänzt wurde dieses delikate Menü durch zwei Gläser Apfelsaft.

    Am dritten Tag begann man dann die klaren Flüssigkeiten sukzessive gegen gehaltvollere Suppen auszutauschen: Tomaten-, Kürbis-, Pilz- oder Maissuppe erscheinen einem dann bereits als kleine Delikatesse. Es gab jetzt zusätzlich auch Joghurt als Dessert.

    Am vierten Tag hat man mich dann für ein MRT angemeldet. Da diese Geräte wegen des eingesetzten flüssigen Heliums, das für die Kühlung und die Erzielung der Supraleitfähigkeit in den Magneten auf 4,2 Kelvin (-268 °C) benötigt wird, kontinuierlich laufen müssen, werden sie zwecks Amortisation der Investitionskosten auch 24/7 eingesetzt. Das regelmäßige klopfend-zirpende Geräusch, das man als Patient stets wahrnimmt, wenn man sich dem Untersuchungsraum nähert, rührt von Kompressoranlage her, die zur Heliumverflüssigung notwendig ist. Die Anschaffung eines neuen Siemens Magnetom-Gerätes schlägt – abhängig von der gewünschten Feldstärke (1,5 bis 7 Tesla) – beispielsweise mit 0,85 bis 3,5 Mio. € zu Buche. Hinzu kommen die Kosten für Installation, Aufrechterhaltung der Heliumkühlung und Wartung. Katastrophal ist für ein MRT der sogenannte „Quench“: da versagt die Heliumkühlung und die Flüssigphase verwandelt sich schlagartig in Gas und pfeift über ein Sicherheitsventil idealerweise ins Freie ab. Neubefüllung und Reparaturen des betroffenen Gerätes kosten anschließend bis zu 50 T€.

    Also wurde ich gegen 22:20 h zur Vorbereitung ins Erdgeschoss gebracht. Dazu flößte man mir in einer Art Druckbetankung innerhalb von 40 Minuten insgesamt 3 l Kontrastmittel als Suspension auf Wasserbasis ein. Fühlte mich etwas an den berüchtigten Schwedentrunk im 30jährigen Krieg erinnert. Danach hieß es insgesamt 2,5 Stunden in Rücken- und auch Bauchlage bewegungslos in der Röhre auszuharren, was zunehmend schwer fiel, zumal die letztens operierte rechte Hüftseite immer wieder Sperenzchen zu machen beliebte. Glücklicherweise versah man mich vorsichtshalber angesichts der zuvor eingetrichterten Flüssigkeitsmenge mit einer Windel, was sich im weiteren Verlauf auch als durchaus sinnvoll erwies……

    Gegen 2 Uhr am folgenden Morgen lag ich dann aber erschöpft und glücklich ob der überstandenen Prozedur wieder in meinem Bett.

    Nun fragt man sich, woher ist dieser Darmverschluß bei mir gekommen? Nun, vor mehr als 30 Jahren mußte ich mich einmal notfallmäßig einer erkundenden Eröffnung des Bauchraums (sogen. Laparotomie) unterziehen. Aufgrund eines ärztlichen Pfuschs bei einem 5 Tage zuvor erfolgten ambulanten kleinen chirurgischen Eingriff waren Eitererreger in meine Blutbahn gelangt und hatten zu einer Sepsis geführt, deren Ursache auf den ersten Blick nicht erkennbar war (sogen. akutes Abdomen). Also inspizierte man die Bauchhöhle, spülte alles sorgsam mit Methylenblaulösung, um etwaige Verletzungen der Darmwand zu identifizieren, legte ein doppelläufiges Ileostoma an, also einen künstlichen Ausgang des Dünndarmendes auf die Bauchdecke und mich anschließend für drei Wochen bis kurz vor Weihnachten 1995 in ein künstliches Koma auf die Intensivstation.

    Dort entwickelte ich nach und nach Versagenserscheinungen diverser innerer Organe, überlebte das alles jedoch glücklicherweise und dank der Fähigkeiten der Ärzte und Pfleger des Universitätsklinikums Benjamin Fanklin in Berlin-Steglitz (heute Campus Steglitz der Charité). Das erwähnte Ileostoma verlegte man nach einem halben Jahr wieder zurück und fügte den Dünndarm wieder an den Dickdarm, dort wo er ordnungshalber hingehört.

    Dieser komplexe Eingriff erzeugte nun jedoch diverse Verwachsungen im Innern und diese haben jetzt nach all den Jahren zum Ileus geführt. Da staunt der Laie – der Fachmann wundert sich aber nicht, denn so etwas liegt durchaus im Bereich des Möglichen.

    Diese ganzen Behandlungen sind nun nicht umsonst, sondern summieren sich auch hier zu etlichen Tausend Euros. Normalerweise sind wir bislang immer bei Krankenhausbehandlungen und verschriebenen Medikamenten in pekuniäre Vorleistung gegangen und haben uns das Geld im Nachgang von unserer Auslands-Reisekrankenversicherung zurückgeholt.

    Das Bumrungrad als großenteils durch den Medizintourismus getragene Einrichtung bietet nun seiner Klientel jedoch einen zusätzlichen Service an. Eine im Hause befindliche Abteilung stellt den Direktkontakt zu den betreffenden Krankenversicherungsunternehmen her und rechnet im Idealfall direkt mit diesen ab. So auch in unserem Fall, wenngleich die Kommunikation zwischen Deutschland und Bangkok einesteils durch den vorliegenden Zeitversatz von plus 6 Stunden zu Europa erschwert wurde, andererseits aber hier ganz besonders durch eine total verschnarchte Abwicklung des auf Krankenkassenseite eingeschalteten weiteren speziellen Dienstleisters N.N. in Düsseldorf.

    Nach fünf Tagen besuchte mich sogar Nick, unser lieber Schneider, dem wir seit mehreren Jahren – auch als regelmäßige Kunden – freundschaftlich verbunden sind. Eigentlich waren wir für den 7. Januar zum Lunch verabredet gewesen, was durch die Ereignisse jedoch leider überholt worden war.

    Die Lage des Krankenhauses ist recht kurios. Es liegt keinesfalls direkt an der großen Hauptverkehrsstraße Sukhumvit, wie man eigentlich vermuten könnte, sondern inmitten dichter angrenzender Bebauung in einem nur durch zwei enge Nebengassen (Soi 1 und 3) erschlossenen Stadtquartier.

    Diese Sois sind so schmal, daß sich zwei begegnende Fahrzeuge einander oft nur mit Mühe passieren können. In diesem Fall wird eine Zufahrt unter Notfallbedingungen zwangsläufig zum Vabanque-Spiel. Ich möchte mir lieber nicht vorzustellen, wie die Situation bei einer Katastrophen-Großlage aussähe….

    Der rund 200 m lange querriegel-artige Hauptbau weist mit seiner Nordwestseite zum nahe gelegenen Chalerm Maha Nakhon-Expressway, einer der innerstädtischen Maut-Schnellstraßen. An dieser Seite hat das Gebäude in der sechsten Etage einen breiten Vorbau, der vom Gebäudeinnern betretbar und als Gartenanlage mit Wasserspielen und kleinen Pavillons (Salas) gestaltet ist. Der Haupteingang auf der anderen Seite weist eine überdachte Vorfahrt mit sorgfältig gepflegtem Innenhof auf, wo sich sowohl das große Geisterhaus befindet, als auch stets frische blühende Orchideen zu sehen sind.

    Nach acht Tagen konnte ich reichlich mit Medikamenten versehen erst einmal wieder nach Hause gehen. Einstweilen war mir ein Verzicht auf Kaffee, Tee, Milch, kohlensäurehaltige Getränke und blähendes Gemüse nahegelegt worden. Nach einer Woche habe ich mich nochmals ambulant bei Dr. Poungpen vorgestellt: erneutes Röntgen und Blutbild. Nun soll abschließend am 3. Februar ebenfalls ambulant eine kombinierte Gastro- und Koloskopie erfolgen, um mögliche weitere innere Befunde auszuschließen. Inzwischen habe ich mich mit gutem Erfolg schrittweise wieder an meinen ernährungsmäßigen Normalzustand herangearbeitet.

    Drei Wochen nach meiner Entlassung habe ich mich dann am 3. Februar auf ärztlichen Rat ambulant ergänzend und unter Nachsorgegesichtspunkten einer zusätzlichen Gastro- und Koloskopie unterzogen. Die vorbereitende Reinigung des "Innenraums" erforderte zwar an drei aufeinanderfolgenden Tagen den jeweiligen zügigen Konsum von 2,5 l Polyethylenglykol-Suspension zwecks Durchspülung. Das Getränk mußte jeweils innerhalb von 2 Stunden konsumiert werden und hatte ein widerliches künstliches Erdbeeraroma. Die Quälerei hatte dann zumindest das beruhigende Ergebnis, daß sich abgesehen von einer milden Gastritis (vermutlich infolge des längerfristigen Analgetikakonsums im vergangenen Jahr) keine besonders bemerkenswerten Befunde zeigten.

    Die gesamte Prozedur, also die stationäre Behandlung plus der ambulanten vom gestrigen Tag summiert sich auf insgesamt umgerechet 19,5 T€. Gut, daß wir die Auslandsreisekrankenversicherung abgeschlossen haben und daß die Klinik direkt mit dieser abrechnet.
    Læs mere