Errisbeg
5. juni 2024, Irland ⋅ 🌬 12 °C
Ich war total gerädert. Die Nacht war furchtbar gewesen, ich war ständig aufgewacht weil entweder Leute am Strand rumschrien, der Wind am Zelt rüttelte oder irgendwer mit dem Auto angefahren kam, um kurz drauf wieder wegzufahren. Dementsprechend zäh war mein Start in den Tag. Ich packte kurz zusammen und frühstückte erstmal. Heute stand die Wanderung auf den Errisbeg an und da gegen Mittag die Sonne erst richtig rauskommen sollte, hatte ich noch ein bisschen Zeit gemütlich zu machen. Die 1,5h Fahrt versüßte ich mir mit Podcast hören und dann war ich auch schon am wunderschönen Gurteen Beach angekommen, von wo aus ich starten wollte. Es ging erstmal ein ganzes Stück an der Straße entlang. Das ist hier ja schon witzig - hier gibt's so viel Natur, aber alles joggt, spaziert mit den Hunden oder flaniert in Warnwesten an der Straße entlang, ich glaub so richtige Spazierwege hats hier garnich. Ich fiel also nicht besonders auf, als ich die enge Hauptstraße entlanglief und für den ein oder anderen kleinen Stau sorgte, alle lächelten mir zu und grüßten - ein freundliches und gut gelauntes Völkchen die Iren 😍🤗
Da die Routen auf der Errisbeg nicht markiert sind, hatte ich mir Offlinekarten runtergeladen. Die Karte sagte: jetzt rechts - hmm ok, da war ein großes Metalltor, sah irgendwie eher nach Privatgelände aus. Die Aufschrift 'no dogs' auf einem Stein ermutigte mich dann aber doch, dass das wohl tatsächlich der offizielle Weg war und ich öffnete das Tor und ging über die Wiese. Dann ging es rechts hoch. Es waren schon ein paar Trampelpfade zu sehen, nur war ich mir nicht sicher, ob die tatsächlich von Menschen oder von den ganzen Schäfchen gemacht worden waren, die hier überall lagen und grasten :) naja gut, wahrscheinlich halt irgendwie da hoch. Durch die großen Felsen war der Aufstieg ziemlich simpel. Schon auf dem Weg hoch sah ich wie der Ausblick hinter mir immer beeindruckender wurde. Man hatte mal wieder das Gefühl Richtung Westen auf das absolute Ende der Welt zu schauen. Kurze Zeit später war ich auf dem ersten Gipfel angekommen. Von hier hatte man einen superschönen Blick auf die beiden sichelförmigen Strände, von denen ich gestartet war. Das Licht war genial, immer wieder wurden Teile der Landschaft von der Sonne bestrahlt während andere durch Wolken im Schatten lagen. Dadurch änderte sich ständig das Bild, der Fokus auf Details wurde immer wieder neu gestellt und man entdeckte wieder etwas anderes. Der Wind war ähnlich wie bei den Cliffs of Moher, aber ich wollte mir diese Aussicht noch ein bisschen länger ansehen. Also verschanzte ich mich hinter dem großen Steinhaufen, zog alles an was ich dabei hatte und holte mein Vesper heraus. Herrlich!
Da es echt frisch war blieb es aber bei einer kleinen Rast und es ging weiter zum Gipfel. Der war schnell erreicht und HAAAALLELUJA was war das denn!??? Ich hatte gedacht, ich hätte meine Vesperpause mit dem besten Ausblick genossen, aber das hier schoss echt jeden Vogel ab. Von hier hatte man einen 360Grad-Rundumblick und in jede der vier Himmelsrichtungen gab es einfach was anderes zu sehen. Es war als wäre jeder Bereich in ein anderes Thema eingeteilt worden: Nach Norden eine Seenplatte, wie ich sie noch nie gesehen hab - ganz flach, nur das helle Grün der Wiesen und dann hunderte von kleinen Seen, die wie Tupfen dunkelblau darauf gesetzt waren. Nach Osten Berge, ebenfalls grün überzogen, was mich irgendwie an diese flauschig-stupfigen Eisenbahnwelten erinnert hat. Nach Süden die Strände, eine Bucht reihte sich an die nächste mit strahlend weißem Sand und türkisfarbenen Meer. Und nach Westen der ewig weite Ozean, der in dem disigen Licht optisch mit dem Horizont verschmolz. Dazu noch das wechselnde Licht und die vielen Wolken, die aussahen als wären sie einfach in den blauen Himmel geworfen worden (ich weiß, klingt alles irgendwie bissl kitschig und übertrieben, aber da war einfach so viel los, ich hab sowas noch nie gesehen!!!). Ich weiß nicht wie oft ich mich im Kreis gedreht hab um zu versuchen, das alles aufnehmen zu können. Ich war so baff und konnte nur stehen und glotzen. Der Wind war so heftig und kalt, ich spürte meine Hände schon garnicht mehr, meine Nase lief ununterbrochen und meine Augen tränten (offiziell natürlich alles vom Wind, aber ich gebe zu, da haben mich schon auch kurz die Emotionen gepackt - wie kann ein Ort so schön sein bitte und einfach ALLES zusammen in einer Landschaft vereinen!!? 🥹) Ich stand gefühlt ne Ewigkeit da, weil ich mich einfach nicht losreißen konnte, aber irgendwann war ich so durchgefroren, dass es nicht mehr ging. Als ich mich an den Abstieg machte, war mein Kopf ganz leer. Ich hatte gedacht das würde ne ganz süße kleine Wanderung werden, mit SOWAS hatte ich einfach überhaupt nicht gerechnet. Ich ging noch zu dem anderen der zwei Strände, setzte mich auf einen Felsen und versuchte mich ein bisschen zu sammeln, bevor ich wieder rüber zum Auto ging.
Zeit sich einen Platz für die Nacht zu suchen. Mein Weg mit dem Auto ging wunderschön an der Küste entlang, ich hatte mir nämlich einen Platz an genau einer solchen Landzunge ausgesucht, auf die ich vorhin von oben Richtung Westen geschaut hatte. Es war irgendwie sehr besonders, zu wissen wie das von oben aussah wo ich jetzt hinfuhr und dass die Sonne schien, ich ständig den Blick aufs Wasser hatte und die Straßen wieder so kleine Schleichwege waren, die über und über mit Blumen an den Seiten bewachsen waren, machte es mal wieder besonders bezaubernd 😍🤩🤗
Ich kam am Eyrephort Beach Nähe Kingstown an. Über mir waren dunkle Wolken und es regnete. Weiter hinten über dem Meer war der Himmel aber komplett frei und die Sonne schien. Das war ein weiteres schönes Bild an diesem Tag und bei dem Regenbogen der dabei entstand dachte ich an den Leprechaun, der mir vielleicht heute diesen schönen Tag beschert hatte :)Læs mere






















