• Die Schlucht von Biniaraix

    18 aprile, Spagna ⋅ ☀️ 23 °C

    Das eigentliche Ziel unserer heutigen Wanderung ist die Schlucht von Biniaraix. Sie ist nicht nur ein eindrucksvolles Naturphänomen, sondern vor allem eine über Jahrhunderte gewachsene Kulturlandschaft, in der sich Natur, Landwirtschaft und menschliche Ingenieurskunst eng miteinander verweben. Geologisch entsteht die Schlucht als Karst-Canyon durch die erosive Kraft des Wassers: Ein Bergbach schneidet sich über Äonen in das Gestein der Serra de Tramuntana ein und formt jene steilen Felswände, die uns heute so beeindrucken.

    Wir wandern auf einem Weg, der eine ebenso lange wie vielschichtige Geschichte hat. Bereits im Mittelalter dient er als offizieller Pilgerweg zum Kloster Lluc. Doch wahrscheinlich existiert er schon viel früher als einfacher Pfad für Hirten und Händler, um die abgelegenen Bergtäler zu verbinden. Was den Weg so besonders macht, ist seine aufwendige Gestaltung: Über riesige Strecken ist er mit Natursteinen gepflastert und besteht aus unzähligen, sorgfältig gesetzten Stufen. Diese Bauweise ist kein Zufall, sondern der Gipfel der traditionellen Trockensteinarchitektur. Sie verhindert Erosion durch Regenwasser und erlaubt es auch Maultieren, Waren sicher durch das steile Gelände zu transportieren.

    Links und rechts des Weges bestaunen wir die zahllosen Terrassen, die sich an die Hänge schmiegen. Diese gehen in ihrer Grundform auf die Zeit der arabischen Herrschaft zurück. Die Mauren entwickeln hier ein ausgeklügeltes System aus Mauern und Wasserleitungen, um die steilen Hänge für Oliven-, Mandel- und Johannisbrotbäume nutzbar zu machen.

    Es ist eine enorme kollektive Leistung, die hier vor uns liegt: Jeder Stein wird von Hand bewegt, jede Mauer ohne einen Tropfen Mörtel stabil errichtet. Über Generationen hinweg wird dieses System gepflegt, das die Hänge bis heute stabilisiert und vor dem Abrutschen schützt. Der Barranc de Biniaraix wirkt auf uns wie ein „Freilichtmuseum“: Wir bewegen uns auf einem mittelalterlichen Verkehrsweg durch eine noch viel ältere Agrarlandschaft. Diese Verbindung aus wilder Natur und jahrtausendealter Baukunst macht die Schlucht zu einem der eindrucksvollsten Orte, die wir bisher auf Mallorca besucht haben.
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