Qobustan-Nationalpark
September 3 in Azerbaijan ⋅ ☀️ 28 °C
Am Morgen gestaltet sich die Mietwagenübernahme etwas kompliziert. Der Fahrer steckt angeblich im Verkehrschaos von Baku fest und ist erst mit einer dreiviertelstündigen Verspätung bei uns am Hotel, bis dann der Papierkram erledigt ist. Es ist 11:00 Uhr, bis wir loskommen. Eine rund einstündige Fahrt in den Süden zum Qobustan-Nationalpark liegt vor uns. Er soll zu den interessantesten Ausflügen von Baku gehören. Um dorthin zu gelangen, kämpfen wir uns zunächst durch das Verkehrschaos von Baku, denn wegen des Ende des Monats stattfindenden Grand Prix sind viele Straßen gesperrt. Wir fahren durch eine karge, halbwüstenartige, wenig besiedelte und von Strom- und Gasleitungen geprägte Landschaft am Kaspischen Meer entlang.
Qobustan ist ein einzigartiges „Archiv der Menschheit“ aus Stein: Die Felsbilder dokumentieren menschliches Leben über viele Jahrtausende hinweg. 2007 wurde die „Gobustan Rock Art Cultural Landscape“ in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen.
Man besucht hier nicht einfach ein Museum, sondern wandelt durch eine Landschaft, in der Menschen bereits vor vielen Tausend Jahren gelebt haben. Auf den Felsen finden sich mehr als 6.000 Felszeichnungen, die Jagd, Tiere, Boote, Tänze, Kämpfe, Rituale und den Alltag der damaligen Menschen zeigen. Die UNESCO sieht darin ein außergewöhnliches Zeugnis einer längst vergangenen Lebensweise.
Die Darstellungen reichen vom Jungpaläolithikum über das Mesolithikum und spätere Epochen bis ins Mittelalter. Die Angaben zur frühesten Datierung schwanken je nach Quelle und Methode; offiziell wird von einer Entwicklung über Zehntausende von Jahren gesprochen. Das macht Qobustan zu einer Art steinernem Geschichtsbuch der Menschheit. Das Reservat selbst wurde bereits 1966 eingerichtet. Die UNESCO-geschützte Kernzone umfasst 537 Hektar; das größere staatliche Reservat ist wesentlich größer.
Wir starten unsere Erkundungstour mit einem Besuch des modernen Qobustan-Museums. Dort bekommt man die nötigen Erklärungen für das, was man anschließend draußen sieht: die verschiedenen Epochen, Lebensweisen, Werkzeuge, Tiere und die Bedeutung der Felszeichnungen. Das Museum wurde 2011 eröffnet und erhielt 2013 eine Auszeichnung beim European Museum of the Year Award.
Das Beeindruckendste ist jedoch der Rundgang durch die Felsen von Böyükdaş (Boyukdash). Hier findet man besonders eindrucksvolle Gravuren: Menschen bei der Jagd, Tiere, Tänzer, Boote und verschiedene symbolische Darstellungen. Achtet besonders auf die Gruppenszenen, denn sie vermitteln sehr unmittelbar, wie Menschen gemeinsam jagten, tanzten oder Rituale vollzogen.
Sehr spannend sind die Darstellungen von Booten mit mehreren Ruderern. Sie erinnern daran, dass die Landschaft am Kaspischen Meer in früheren Zeiten deutlich feuchter und klimatisch günstiger war als heute. Die UNESCO betont ausdrücklich, dass die Felsbilder auch Informationen über die damalige Umwelt und Lebensweise liefern.
Die Felszeichnungen sind schon sehr verwaschen, aber immer gibt es daneben eine Erklärungstafel, sodass sie meist gut zu finden sind.
Den Gaval Dash sollte man auf keinen Fall auslassen. Es handelt sich um einen großen, flachen Klangstein. Schlägt man mit einem kleineren Stein dagegen, entsteht mit etwas Fantasie ein erstaunlich heller, fast metallisch-trommelnder Klang. Er gilt als ein sehr frühes Musikinstrument.
Besonders kurios ist eine lateinische Inschrift aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. auf dem Böyükdaş. Sie wird der Legio XII Fulminata zugeschrieben und stammt aus der Zeit des römischen Kaisers Domitian. Sie gilt als die östlichste bekannte römische Inschrift. Plötzlich trifft man inmitten prähistorischer Felszeichnungen auf die Spur römischer Soldaten – ein wunderbarer Kontrast.
Die karge Landschaft mit den großen, verwitterten Felsblöcken, dem trockenen Grasland und dem Blick über die Umgebung ist ein wesentlicher Bestandteil des Erlebnisses. Die UNESCO schützt ausdrücklich nicht nur einzelne Zeichnungen, sondern die Kulturlandschaft, in der diese Zeugnisse entstanden sind.Read more








































