• Die Jvaris-Mama-Kirche gehört zu den historisch interessantesten, aber von vielen Besuchern übersehenen Kirchen der Altstadt von Tiflis im historischen Viertel Kala. Der Name bedeutet wörtlich etwa „Vater des Kreuzes“ und verweist nicht auf einen männlichen Heiligen, sondern auf den Vorsteher des georgischen Kreuzklosters in Jerusalem. Die Tifliser Kirche war über Jahrhunderte eng mit diesem Kloster und überhaupt mit den georgischen Klöstern im Heiligen Land verbunden.

    Der Überlieferung zufolge soll an dieser Stelle bereits im 5. Jahrhundert König Wachtang Gorgassali eine Kirche errichtet haben, die den Namen „Golgotha“ trug und sich möglicherweise an der Grabeskirche beziehungsweise Golgotha in Jerusalem orientierte. Diese frühe Kirche wurde jedoch spätestens im Mittelalter zerstört; die heute sichtbare Kirche stammt im Kern aus dem 16. Jahrhundert. 1795 wurde sie bei der persischen Eroberung Tiflis erneut schwer beschädigt und 1825 umfassend restauriert. Bis 1921 gehörte sie zum Patriarchat von Jerusalem und diente als eine Art georgische Niederlassung des Jerusalemer Kreuzklosters.

    Die „Jvaris Mama“ waren die Vertreter beziehungsweise Vorsteher des georgischen Kreuzklosters in Jerusalem und verwalteten von Tiflis aus Besitz und Einnahmen, mit denen die georgischen Einrichtungen im Heiligen Land unterstützt wurden.

    Hier wird auch Ilia II. (ილია II), der langjährigen Katholikos-Patriarchen von ganz Georgien verehrt. Er ist am 17. März 2026 im Alter von 93 Jahren in Tiflis gestorben. Ilia II. wurde am 25. Dezember 1977 in der Swetizchoweli-Kathedrale in Mzcheta zum Patriarchen (für die Georgier istdas vergleichbar mit dem Papst der katholischen Kirche) inthronisiert und blieb bis zu seinem Tod im Amt – 48 Jahre und knapp drei Monate, insgesamt also fast ein halbes Jahrhundert. Damit war er der mit Abstand am längsten amtierende Patriarch in der Geschichte der georgisch-orthodoxen Kirche.

    Sein bürgerlicher Name war Irakli Guduschauri-Schiolaschwili. Er stammte aus dem nordkaukasischen Wladikawkas, war aber georgischer Herkunft. 1957 wurde er Mönch und nahm den Namen Ilia an. Er studierte an der Moskauer Geistlichen Akademie und stieg anschließend rasch in der georgischen Kirche auf.

    Warum er für Georgien so bedeutend war

    Das Entscheidende an Ilia II. ist, dass seine Amtszeit praktisch die gesamte moderne Geschichte Georgiens umspannt. Als er 1977 Patriarch wurde, war Georgien noch Teil der Sowjetunion. Die orthodoxe Kirche war durch Jahrzehnte kommunistischer Religionsunterdrückung geschwächt. Ilia II. führte sie zunächst durch die letzten Sowjetjahre und anschließend durch den Zerfall der Sowjetunion (eine Zeit, in der kein Georgier mehr in die Kirche ging), die Unabhängigkeit 1991, Bürgerkrieg und die schwierigen 1990er-Jahre bis in die heutige Zeit. Heute sind die Kirchen wieder voller junger und alter Menschen und am Wochenende kann man dem Gottesdienst auch vor der vollen Kirche über Lautsprecher folgen.

    Unter seiner Führung erlebte die georgische Orthodoxie eine enorme Wiederbelebung. Zahlreiche Kirchen und Klöster wurden restauriert oder neu gebaut, die Zahl der Diözesen und Geistlichen wuchs stark, und es entstanden theologische Hochschulen, Seminare, Schulen und soziale Einrichtungen. Die Kirche entwickelte sich von einer unter dem Sowjetregime unterdrückten Institution zu einer der wichtigsten gesellschaftlichen Kräfte des Landes.

    Besonders wichtig war auch sein Einsatz für die Anerkennung der Autokephalie – also der Eigenständigkeit der georgischen Kirche. 1990 wurde diese vom Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel offiziell anerkannt.

    Noch bemerkenswerter ist seine Rolle als moralische und nationale Integrationsfigur. Ilia II. galt über Jahrzehnte als der am meisten vertraute öffentliche Mann Georgiens. Für viele Georgier war er weniger ein politischer Akteur als vielmehr eine Art „Vater der Nation“ – eine Persönlichkeit, die über politischen Parteien und gesellschaftlichen Konflikten stand. Bei seinem Begräbnis im März 2026 strömten Zehntausende Menschen nach Tiflis; viele bezeichneten seinen Tod als das Ende einer Epoche. Vor der Kirche spricht uns eine Frau an und bittet unser Reiseleiterin, uns zu sagen, dass sie bisher einen Engel auf Erden hatten, der jetzt im Himmel auf sie achte.

    Das erklärt auch, warum sein Tod für Georgien so viel mehr bedeutete als der Tod eines Kirchenoberhauptes: Ilia II. war für mehrere Generationen das Gesicht des georgischen Christentums und ein Symbol für die Wiedergeburt der georgischen Identität nach der Sowjetzeit.
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