• Die Altstadt im Umbruch

    Yesterday in Georgia ⋅ ⛅ 26 °C

    Wir schlendern durch die Altstadt und nehmen viele heruntergekommene Häuser wahr, die einsturzgefährdet sind und direkt daneben andere, die wunderbar renoviert sind.

    Der Kontrast zwischen malerisch restaurierten Prachtbauten und windschiefen, teils mit Stahlträgern gestützten Ruinen ist das prägendste Merkmal der historischen Viertel von Tiflis (wie Kala, Sololaki oder Tschugureti). Dieses Nebeneinander ist das Ergebnis einer vielschichtigen Mischung aus Geschichte, Geologie, Eigentumsstrukturen und einem rasanten Wirtschaftsboom.

    1. Erdbeben und schwieriger Baugrund. Tiflis liegt in einer seismisch aktiven Zone. Ein schweres Erdbeben im Jahr 2002 hat unzählige historische Gebäude irreparabel beschädigt oder aus dem Lot gebracht. Viele Häuser stehen an steilen Hängen oder auf lehmigen Böden, die bei starkem Regen nachgeben. Da viele Fundamente über 150 Jahre alt sind, sacken Außenmauern und die typischen hölzernen Balkone nach und nach ab.

    2. Das Erbe der Sowjetzeit: Die „italienischen Höfe“ Im 19. Jahrhundert bauten wohlhabende Kaufleute großzügige Stadtvillen. Nach der sowjetischen Annexion wurden diese enteignet und in Gemeinschaftswohnungen aufgeteilt: In eine Villa zogen plötzlich dutzende Familien, die sich Küchen, Balkone und den Innenhof (die berühmten italienischen Höfe) teilten. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden diese Wohneinheiten privatisiert. Heute gehören viele Häuser zehn, zwanzig verschiedenen Eigentümern gleichzeitig. Für eine Sanierung müssten sich alle Parteien einig sein und gemeinsam investieren – was angesichts geringer Einkommen oft unmöglich ist.

    3. Privates Kapital und Tourismus-Boom. Die strahlend renovierten Häuser sind fast ausnahmslos in den Händen privater Investoren. Durch den Tourismusboom der letzten Jahre wurden viele Gebäude aufgekauft und zu Boutique-Hotels, Gästehäusern, Weinbars oder Cafés umgebaut. Das führt zu einer sichtbaren Gentrifizierung: Wo Geld fließt, erstrahlen die Fassaden; wo noch alteingesessene Familien wohnen, fehlt das Geld für die Instandhaltung.

    4. Umstrittene staatliche Sanierungsprogramme. Die Stadtverwaltung hat über die Jahre wiederholt Sanierungsinitiativen wie „Neues Leben für die Altstadt“ ins Leben gerufen. Diese standen jedoch oft in der Kritik: Häufig wurden nur die straßenseitigen Fassaden im Eiltempo aufgehübscht („Passepartout-Sanierung“), während die dahinterliegende Bausubstanz marode blieb. Denkmalschützer beklagen zudem immer wieder eine schleichende „Disneylandisierung“: Historische Lehmziegel- und Holzbauten werden teils abgerissen und durch Betonbauten mit historisierender Fassade ersetzt, anstatt denkmalgerecht restauriert zu werden.

    5. Das Warten auf den Abrissbagger. Manche Häuser verfallen bewusst: Da Grundstücke in der Altstadt extrem wertvoll sind, lassen Immobilienspekulanten Gebäude mitunter verrotten, bis sie baupolizeilich als einsturzgefährdet eingestuft und zum Abriss freigegeben werden. Für Bauträger ist ein Neubau oft rentabler als eine aufwendige Restauration.
    Read more