• Das alte Tallinn

    May 11 in Estonia ⋅ ☁️ 18 °C

    Gestern Abend hätte ich noch behauptet, dass bei der Tallinner Altstadt mein Neugiermotor nicht anspringen werde. Die Altstadt sei so, dass sich ein pensionierte Geschichtslehrer denken könne: Ach, das ist ja hübsch hier; das wirkt ja wie eine nette deutsche Hansestadt. Das wäre doch ein hübscher Altersruhesitz (wenn es nicht so weit weg wäre).
    Tallinn sei eben eine dieser alten Städte, bei der auch wegen ihrer geografischen Lage und einem erst sehr späten Eisenbahnanschluss die Industrialierung erst verzögert einsetzte. Das habe natürlich auch viel Altes erhalten und mache die Stadt als UNESCO-Kulturerbe jetzt zum einen Ziel vieler Kreuzfahrtsschiffe.
    So oder so ähnlich hätte ich es formiert. Aber ich bin bereit, Abbitte zu leisten und behaupte, dass Tallinns Altstadt - vielleicht neben Krakau - das stadt- und kunsthistorisch Interessanteste ist, was ich bisher in Europa gesehen habe. Hier steht so viel Altes nebeneinander, greift ineinander. Hinter jeder Ecke ist eine neue Überraschung. An sich ploppt eine Frage nach der anderen auf und eine Kirche nach der anderen. Da kann Tallinn lässig mit Vilnius mithalten. Und das will was heißen! Irgendwann hörte ich auf zu fotografieren. Es wäre einfach zu viel geworden.
    Jetzt bin ich bei Schloss Katharinenthal, bei einem der Sehenswürdigkeiten, die einem leid tun würden. Wären sie Personen, dann wären sie Mauerblümchen.
    Ich versuche mal die Geschichte des Schlosses etwas zusammenzufassen: Am Anfang stand ein Geschenk des Zaren Peters des Großen an eine zweite Frau Katharina. Peters Truppen hatten ein paar Jahre zuvor Tallinn, damals noch Rewal, nach einer grausamen Belagerung erobert und noch vor dem Ende des Nordischen Krieges den Schweden abgenommen. Peter schenkte also Katharina ein großes Grundstück am Stadtrand der entvölkerten und erniedrigten Stadt, ließ von einem italienischen Starbaumeister dort ein Schloss planen und den Bau beginnen. Die Baustelle besuchte das Paar noch ein paarmal. Als das Schloss fast fertig war und Peter starb, war Katharina das Projekt egal und es dümpelte vor sich hin. Und es dümpelt nach unterschiedlichsten Nutzungen bis heute, obwohl immerhin einer der Zaren es Anfang des 19. Jahrhunderts es zu Ende bauen ließ. Unter den Sowjets verfiel es dann noch fast völlig und wurde - mit schwedischer Hilfe - wieder aufgebaut.
    Und heute? Wieder ist es die zweite Reihe: Es beherbergt eine Außenstelle des estnischen Kunstmuseum mit mir zumindest unbekannten ausländischen Künstlern - eine Außenstelle, naja.
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