• Mikladalur

    August 1, 2025 in Faroe Islands ⋅ ⛅ 13 °C

    Mit dem Bus fuhr ich zurück in das Nachbardorf Mikladalur. Es hätte auch einen Wanderweg gegeben, vor der Fertigstellung des Tunnels der einzige Zugangsweg, aber ich zog eine 10-minütige Busfahrt dann doch dem Wanderweg von 5km mit 620 Höhenmetern vor...
    Allerdings sind Busreisen doch eher nichts für mich. Rund 60 Leute wurden hier gleichzeitig mit mir ausgespuckt und dann begann der Run auf die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes. Ohne mich also erst einmal in Ruhe umzusehen, lief ich durch den Ort und hastete am Hafen die über 100 Treppenstufen hinunter zur Statue der Selkie, um noch Fotos ohne die ganzen Menschen im Weg zu machen.
    Ich schaffte es und setzte mich danach erst einmal hin und las die Geschichte hinter dieser Statue - es gibt hier ja nichts ohne Legende...

    Selkies sind Fabelwesen aus dem Meer – Robben, die ihre Haut ablegen und sich in Menschen verwandeln können. In manchen Überlieferungen heißt es, sie seien Seelen verstorbener Menschen, die sich das Leben nahmen, indem sie sich im Meer ertränkten.
    Der Legende nach versammeln sich einmal im Jahr, am Vorabend der Heiligen Drei Könige, die Selkies an der Küste von Mikladalur. Sie steigen aus dem Meer, streifen ihre Robbenhäute ab und tanzen und spielen die ganze Nacht am Ufer und in einer Höhle.
    Ein junger Mann aus Mikladalur hatte von diesem Brauch gehört. Neugierig machte er sich an besagtem Abend auf den Weg zur Höhle, um zu sehen, ob die Geschichte wahr sei.
    Er versteckte sich hinter einem Felsen. Nach Sonnenuntergang sah er viele Robben heranschwimmen. Sobald sie das Ufer erreichten, streiften sie ihre Häute ab und wandelten sich in Menschen.
    Fasziniert beobachtete der junge Mann das Geschehen. Besonders fiel ihm ein wunderschönes Mädchen auf, das ihre Haut ablegte. Er verliebte sich augenblicklich. Er prägte sich ein, wo sie ihre Haut ablegte, schlich sich hervor, nahm sie an sich und versteckte sich wieder.
    Die Selkies tanzten die ganze Nacht hindurch. Doch mit dem ersten Licht des Morgens wollten sie ihre Häute wieder anlegen und ins Meer zurückkehren. Das schöne Mädchen jedoch konnte ihre Haut nicht finden, obwohl sie verzweifelt suchte. Als die Sonne fast aufging, roch sie schließlich ihre Haut in der Nähe und fand den jungen Mann mit ihrem Fell. Sie flehte ihn an, es ihr zurückzugeben – doch er weigerte sich. Stattdessen ging er hinauf zu seinem Haus, und sie konnte ihm nur folgen.
    Er machte sie zu seiner Frau. Sie lebten gut miteinander, doch er versteckte ihre Haut sicher in einer Truhe, deren Schlüssel er stets an seinem Gürtel trug.
    Eines Tages ging er zum Fischen. Beim Einholen eines Fisches bemerkte er erschrocken, dass der Schlüssel fehlte. In Verzweiflung rief er:
    „Heute werde ich ein Mann ohne Frau!“
    Sofort ruderten alle Männer zurück nach Mikladalur. Als der Mann heimkam, war seine Frau verschwunden. Die Kinder saßen still auf der Küchenbank. Damit ihnen nichts geschah, hatte die Selkie das Feuer gelöscht und alle scharfen Gegenstände weggeräumt.
    Dann war sie ans Ufer geeilt, hatte ihre Haut angezogen und war ins Meer zurückgekehrt. Sie hatte den Schlüssel gefunden, die Truhe geöffnet – und konnte nicht anders. Daher das (färöische?) Sprichwort:
    „Er kann sich nicht besser beherrschen als eine Selkie, die ihre Haut sieht.“
    Kaum war sie im Wasser, erschien der Robbenbulle, ihr früherer Gefährte, an ihrer Seite. Gemeinsam schwammen sie davon. All die Jahre hatte er an der Küste auf sie gewartet.
    Immer wenn die Kinder, die sie mit dem Mann aus Mikladalur hatte, ans Ufer gingen, sahen sie eine Robbe, die sie ansah – man glaubte, es sei ihre Mutter.
    Viele Jahre vergingen, bis eines Tages die Männer von Mikladalur planten, in eine Höhle zu gehen, um Robben zu jagen. In der Nacht vor der Jagd erschien dem Mann die Selkie im Traum. Sie bat ihn, den Bullen vor der Höhle zu verschonen – das sei ihr Gefährte. Auch zwei Jungtiere tief in der Höhle sollten verschont werden – sie seien ihre Söhne. Sie beschrieb ihm ihr Aussehen.
    Doch der Mann schlug die Warnung in den Wind. Gemeinsam mit den anderen tötete er alle Robben in der Höhle. Als seinen Anteil erhielt er den Bullen sowie die Vorder- und Hinterflossen der beiden Jungen. Der Kopf des Bullen und die Flossen wurden zum Abendessen gekocht.
    Als das Fleisch aus dem Topf geholt wurde, ertönte ein lautes Poltern – die Selkie betrat als furchterregender Troll den Raum. Sie schnüffelte am Topf und rief mit düsterer Stimme:
    „Hier liegt der Kopf meines Mannes, die Hand von Hárekur und der Fuß von Fríðrikkur.
    Ihr habt eure Rache gehabt – nun wird Rache über die Männer von Mikladalur kommen.
    Manche werden im Meer ertrinken, andere von den Klippen stürzen.
    Und so wird es weitergehen,
    bis so viele gestorben sind, wie es braucht,
    um sich Hand in Hand um die ganze Insel Kalsoy zu stellen.“
    Nach diesen Worten verschwand sie unter lautem Tosen – und wurde nie wieder gesehen.
    Noch heute hört man immer wieder von tragischen Unglücken in Mikladalur: Männer, die bei der Vogeljagd von den Klippen stürzen oder auf See ums Leben kommen.

    Unten im Hafen machte ich noch Rast an einem kleinen Wasserfall.

    Wieder oben im Dorf entdeckte ich noch: Marjuns Hebestein" - einen 287,5 kg schweren Felsblock.
    "Ich weiß, was mich erwartet. Der Tod lauert mit Sicherheit. Dieser Stein wird ein Beweis meiner Stärke sein." Dies waren die Worte des Hausmädchens Marjun aus Norðnástova, das unehelich schwanger wurde, zu einer Zeit, als dies mit dem Tod bestraft wurde. Marjun war mit den anderen Milchmädchen auf dem Weg entlang des Flusses Áargil, als sie auf den Stein stießen. Sie blieb stehen und hob ihn ganz alleine hoch.
    Diese Geschichte reicht 300 bis 400 Jahre zurück. Seit Marjuns Heldentat haben viele ihre Kraft an diesem Stein versucht.

    Anschließend fuhr ich dann mit Bus und Fähre wieder zurück nach Klaksvik.
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