1. Tag in Marrakesch
I går, Marokko ⋅ ⛅ 9 °C
Ok wow – aufzuwachen fällt uns extrem schwer. Trotz langem, eigentlich erholsamem Schlaf sind wir immer noch ziemlich platt. Der gestrige Reisetag sitzt uns offensichtlich noch in den Knochen. „Zum Glück“, sagt uns unsere frühe Stadtführung ab, weshalb wir plötzlich ausreichend Zeit für ein ausgedehntes Frühstück auf der Dachterrasse und eine gemütliche Lesesession in der Sonne haben, bevor die nächste Tour um 12 Uhr beginnt. Treffpunkt: Jemaa el-Fnaa.
Unser Tourguide Maaffa spricht exzellentes Englisch, ist sympathisch und zieht uns ab Sekunde null in seinen Bann. Es macht unglaublich viel Spaß ihm zuzuhören und ihm durch das enge Labyrinth Marrakeschs zu folgen. Wir versuchen, immer ganz vorne zu bleiben – aus Angst, auch nur ein Detail zu verpassen:
Marokko ist die Brücke zwischen Orient, Afrika und Europa – und gleichzeitig all das auf einmal. Man hört Arabisch, Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Tamazight, Englisch und einen ganz eigenen marokkanischen Dialekt: eine Mischung aus allen zuvor genannten Sprachen. Früher lebten hier Muslime und Juden nahezu 50/50. Seit der Gründung des Staates Israel ist die jüdische Bevölkerung zwar stark geschrumpft, ihr Einfluss jedoch weiterhin deutlich spürbar.
Unabhängig davon, ob man in muslimischen, jüdischen oder gemischten Viertel lebt, sind die Strukturen immer ähnlich: Es gibt einen Eingang – maximal noch einen Ausgang –, einen „Vorsteher“, einen Gemeinschaftsbackofen und eine Synagoge oder Moschee.
Wie verwinkelt die Viertel sind, merken wir schnell, denn fast alle Straßen enden irgendwann einfach an einer Haustür. Dead ends, wie sie genannt werden. Super unpraktisch – und auch gefährlich, wenn man sich hier nicht auskennt und möglichen Tunichtguten ausgeliefert ist. Gleichzeitig aber extrem praktisch, wenn die Stadt angegriffen wird. Und das wurde Marrakesch dutzende Male: mal von Spaniern, mal von Portugiesen, Franzosen oder Deutschen, dann wieder von arabischen Dynastien, Berberstämmen oder durch interne Machtkämpfe.
Da von der Straße aus alles relativ heruntergekommen wirkt (im Inneren herrscht die Pracht), wussten Angreifer auch nie, wo die Reichen der Stadt wohnten. Unser Guide Maaffa kann es uns trotzdem zeigen. Denn ein geschultes Auge erkennt Stellung und Reichtum einer Familie an der Haustür – angefangen bei den Türklopfern.
Es gibt einen links der Tür: Wer diesen klopft, hat viel Gepäck. Also wird die ganze Tür geöffnet. Wer den mittigen Klopfer betätigt, will nur „schnell“ etwas – deshalb öffnet sich nur ein kleiner Teil der Tür. Und hinter Türen mit einem dritten Klopfer rechts leben nur Frauen. Wer diesen benutzt, muss warten, bis sie sich vollständig verhüllt haben, bevor sie öffnen können.
Auch die Verzierung der Tür ist aufschlussreich: Runde Eisenknöpfe. Dicke, große Knöpfe lassen auf Reichtum schließen. Mehrreihige Knopfreihen zeigen an, wie viele Zimmer das Haus besitzt. Spannend.
Genug aber von Reichtum und Angriffen – heute wirkt alles sehr harmonisch, geradezu idyllisch. Außerdem fällt uns auf, wie sauber die Nachbarschaften und Straßen gehalten werden. Das Treiben ist lebhaft, die Menschen wollen Geschäfte machen, keinen Ärger. Alle sind sehr freundlich und wollen uns zeigen, was sie können.
Maaffa führt uns durch die Welt des Handwerks: Schweißer, Elektroniker, Schuhmacher, Lederer, Färber, Bäcker, Schneider, Köche und viele, viele mehr. Es wird geklopft, gebrannt, geschuftet, gehandelt und verkauft. Die Waren sind traumhaft schön – wir nehmen uns vor, morgen hier in aller Ruhe shoppen zu gehen.
Zwischen all den tausenden Marktständen drängen sich Kunden, Touristen, Rollerfahrer, unzählige Katzen – und wir. Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Nach vier langen, informationsreichen und anstrengenden Stunden endet die Tour dann leider – aber auch endlich. Wir sind völlig erledigt. Mein Fuß pocht wie verrückt. Erst essen wir noch ein frühes Abendessen, dann geht es zurück ins Riad. Diese vielen Eindrücke müssen erstmal verarbeitet werden. Außerdem habe ich meine Erkältung noch nicht ganz auskuriert, das spüre ich allzu deutlich.
Jan geht abends noch einmal los, während ich diesen Roman tippe. Dabei wird mir klar, wie viele Infos ich vergessen habe aufzuschreiben. Aber das würde jetzt den Rahmen sprengen.Læs mere


























Klingt super spannend 👍🏼 [Barbara]