#3 - Ciao! Endlich da!
April 29, 2024 in Italy ⋅ ⛅ 24 °C
>> Everyday Life Nuggets <<
• Zugtoiletten (in ICEs) haben Lichtmarkierer, damit man weiß, wo man seine Hand hinhalten muss, um kontaktlos z.B. das Wasser oder die Seife zu aktivieren
• In ICEs gibt es Snack- und Kaffeeautomaten
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29. April
Aus dem gemütlichen Zimmer von Edda und Gisbert, aus dem bekannten Kreis, geht es heute in ein neues Land. Gisbert fragt mich, ob ich aufgeregt bin, während er mir mit deren phänomenaler Kaffeemaschine einen geschmacklich absolut perfekten Cappuccino macht (…natürlich eine italienische Siebträgermaschine…). Ich antworte: Nein, noch nicht. Und so ist es auch. Es fühlt sich erstmal an wie jeder andere Tag auch. Ich habe etwas vor, tue einen Schritt nach dem anderen und die Gefühle ziehen dann nach.
Erstmal sehe ich mich vor einer großen Herausforderung: einen Zug erwischen. Ich muss mehrere öffentliche Verkehrsmittel benutzen, um zum Bahnhof zu kommen – und jeder der mich kennt weiß, dass Pünktlichkeit nicht meine Stärke ist.
Natürlich verpasse ich die erste Bahnverbindung, die Edda mir netterweise gestern noch herausgesucht hat und renne dann der nächsten Bahnverbindung hinterher. Eine kleine, schwarzhaarige Frau hält mir die Tür auf und lächelt. Ich bedanke mich keuchend und steige in den Bus.
Als die Frau aussteigt und ich keine Anstalten mache auch auszusteigen, sagt sie: „Hier ist der Bahnhof!“ (ein Nebenbahnhof, bei dem ich umsteigen muss) Ich steige also mit aus und sie sagt: „Ich muss auch zum Hauptbahnhof“. Dann realisiere ich, dass sie aufgrund meines Trekkingrucksacks und dem Koffer logischerweise davon ausgeht, dass ich zum Bahnhof möchte – was ja auch stimmt.
Ich laufe ihr hinterher in die nächste Bahn und freue mich eine so nette Unterstützung zu bekommen. Wir setzen uns in der Bahn nebeneinander und unterhalten uns etwas. Sie heißt Maria, ist Krankenschwester, kommt ursprünglich aus Peru und hat sich vor 20 Jahren in ihren Mann verliebt – der aus der Schweiz stammt. Sie spricht leider dialektal stark gefärbtes Deutsch (kein Schweizerdeutsch!), sodass es schwer ist, alle Details zu verstehen. Und sie erzählt mir, dass sie die Schweizer nicht mag, weil sie so distanziert seien. Sie tut mir Leid, weil sie traurig und verloren wirkt. Sie streite sich viel mit ihrem Mann und ihre Tochter hat keinen Kontakt mehr zu ihr (warum habe ich leider nicht verstanden). Maria hilft mir, zum richtigen Gleis zu kommen. Ich weiß nicht genau warum, aber sie hat mich sehr berührt und ich muss mich zusammenreißen als wir uns verabschieden (auf Reisen bin ich besonders dünnhäutig). Wir umarmen uns kurz und sagen Goodbye.Was für eine süße Begegnung!
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Am Gleis mische ich mich unter die Leute. Höre die ersten Fetzen der italienischen Sprache und kann ein breites Lächeln nicht unterdrücken. Diese Sprache klingt einfach so schön – ich bekomme nicht genug davon. Und freue mich, dass ich sie bald jeden Tag hören darf.
Der italienische (!) Zug kommt auf die Minute genau an (!!), alle steigen ein und finden sich auf ihren Plätzen ein. Der Zug ist sehr voll. Ich muss innerlich Grinsen bei der Vorstellung, dass hier die zwei wahrscheinlich gegensätzlichsten Kulturen verbunden werden: die ordentlichen Schweizer und die lebhaften Italiener. Eine Frau sitzt mir im Vierer gegenüber und fragt mich, ob wir unsere Füße auf eine bestimmte Weise stellen können, damit wir beide gemütlich sitzen können. Ich wundere mich etwas, aber stimme zu.
Hier werde ich knapp 4,5h verbringen, mit fein säuberlich organisierter Fußposition und inmitten verschiedener Kulturen und Sprachen. Mir gefällt das und ich bin heilfroh, dass ich den Stress mit Flugzeugen/Flughäfen/etc. nicht hab! Irgendwie ist Reisen mit dem Zug aufregender und lebendiger für mich: es ist langsamer, man kommt Stück für Stück dem Ziel näher und sieht tolle Landschaften. Das lädt irgendwie mehr zum Träumen ein, als im Flugzeug (mglw. weil ich im Flieger fast sterbe vor Angst).
Wir tuckern durch die atemberaubende (vor)alpine Landschaft. Diese Strecke mit dem Zug zu fahren, würde ich jedem empfehlen !! Impressionen siehe Bilder :)
In Mailand muss ich umsteigen und habe ca. 40 Minuten Aufenthalt. Ich habe also Gelegenheit, einen ersten Schritt in Italien zu tun! Was macht man in Italien? Essen und Kaffee trinken! Allora – das mache ich also. An einer schäbigen Klitsche am Bahnhof hole ich mir eine Art Minipizza und einen Cappuccino – und es schmeckt fantastico! Ich setze mich in die Sonne und genieße mein erstes italienisches gustatorisches Erlebnis. Che bello!
…dann geht’s weiter in einem italienischen ICE (auch pünktlich). Dort werde ich Zeugin eines kleinen Kulturclashs: Es gibt relativ wenig Platz für Gepäck. Also versucht ein Niederländer ein fremdes Gepäckstück aus dem oberen Gepäckfach anders unterzubringen. Ein italienischer Mann wird direkt laut und bedeutet ihm -auf Italienisch- das Gepäckstück gefälligst wieder an seinen Platz zu tun! Was ihm wohl einfalle… che cazzo! Der Niederländer versucht zu protestieren und sich zu erklären, sieht aber schnell ein, dass hier keine Diskussionsgrundlage besteht. Ups!
In Florenz muss ich nochmal umsteigen, um zu meinem AirBnB zu kommen. Mein AirBnB ist in Prato, das ist ca. 20km westlich von Florenz ein kleines Städtchen (s. Exkurs zu Prato). In Prato wohne ich in einem kleinen Dorf namens Casale, ca. 7km von der Innenstadt entfernt – also ziemlich ab vom Schuss!
Lorenzo (der erwachsene Sohn meiner Gastgeberin) gibt mir vorab die beste Busverbindung durch. Vorher sagte er mir „Manchmal holt Marta (die Gastgeberin) die Gäste ab“ – was auch immer das heißt. Da ich mich nicht darauf verlassen möchte, nehme ich also den Bus. Als ich umsteigen muss, schreibt mir Lorenzo „Wo bist du? Ich bin auf dem Weg nach Casale“. Also liest er mich mit dem Auto auf. Er ist sehr freundlich und unkompliziert, spricht akzentfreies Englisch. Als wir in Richtung Casale fahren (noch ca. 5km), wird mir klar, dass ich gerade ins Auto eines fremden Mannes gestiegen bin. Aber mein Bauchgefühl macht mir schnell klar, dass alles gut und sicher ist. Trotzdem bin ich froh, als wir tatsächlich in der Straße ankommen.
Wir gehen rein und Marta kommt direkt. Sie ist eine kleine, dunkelhaarige Frau Ende 70 mit wachen Augen und einem lebhaften Wesen. Sie kommt auf mich zu und sagt „Che bella, la ragazza!“ (dt.: „Was für ein schönes Mädchen!“) und begrüßt mich mit zwei italienischen Küssen auf die Backen. Für manche mag das überschwänglich sein – ich fühle mich direkt wohl. Sie plappert fröhlich auf italienisch und ich verstehe nichts, nicke und lächle. Lorenzo ist ja da und könnte notfalls übersetzen.
Lorenzo zeigt mir mein Zimmer, mein eigenes Bad, meine Küche, die sich in einem extra Häuschen befindet, das man über den kleinen Garten direkt am Haus erreichen kann. Als er mir deren Renovierungspläne für das kleine Häuschen erklärt, glaube ich, mich in Deutschland zu befinden: Es gibt eine Mindestdeckenhöhe, eine Mindesthöhe des Bodens für Neubauten (wegen Hochwasserschutz) und diverse andere Regeln, die das Planen etwas kompliziert machen. Als nächstes fällt mir fast die Kinnlade herunter. Er erklärt mir die Mülltrennung: Papier, Glas, Plastik, Bio- und Restmüll werden getrennt. Wo bin ich nochmal?!
Danach fragt er mich, ob ich mit ihm in die Stadt (--> Prato) möchte. Wir vereinbaren, dass wir in ca. einer Stunde losfahren, damit ich dort etwas essen kann. Er möchte dort einen Aperitivo trinken (…was auch immer das genau bedeutet). Aber Essen klingt gut.
Wir parken an einer der sehr alten Stadtmauern und laufen den Rest in die Stadtmitte. Er gibt mir eine 30-minütige Führung durch die sehr alte und schöne Innenstadt. Mittlerweile ist es 21 Uhr und ich habe groooßen Hunger. Wir laufen an einem kleinen Restaurant vorbei und sehen dort eine Gruppe Freunde von Lorenzo. Sie sind unterschiedlichen Alters (schätzungsweise 40-60 Jahre alt) und sehr freundlich. Lorenzo fragt, ob ich mich dazu setzen möchte. Ich sage natürlich ja: Was gibt es am ersten Abend Besseres, als unter vielen neuen Leuten zu sein – und mehr Italienisch zu hören? Ich bekomme eine Antipasti-Platte für den ersten Hunger und einen Weißwein. Lorenzo sagt mir: aber du bezahlst nicht! Ich fühle mich sehr willkommen.
Nach ca. 1-2 Stunden verabschieden sich alle. Mit ein Paar aus der Gruppe hatte ich einzelne, kurze Gesprächsfetzen auf Italienisch – aber ich stoße sehr schnell an meine Grenzen. Verstehen kann ich schon etwas mehr und sorge mit meinen passenden Reaktionen sogar für ein paar Lacher.
Lorenzo und ich schlendern noch etwas durch die Stadt, sehen im Fluss ein paar Otter und essen eine Pizza bei einem Griechen (lol). Lorenzo bestellt sich noch einen Espresso – es ist mittlerweile 23.30h. Ich lehne dankend ab, weil ich sonst nicht schlafen kann.
Wir fahren nach Hause und ich falle ins Bett. Zufrieden in dem großen Bett, in dem gemütlichen Zimmer, in dem netten Haus, in dem freundlichen Land – schlafe ich endlich ein.
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