• #10 - Entstauben

    11 Mei 2024, Italia ⋅ ☀️ 24 °C

    Drachenskulptur in einem Park in Florenz

    >> Everyday Life Nuggets <<
    • Pudel und Dackel scheinen besonders beliebte Haustiere zu sein
    • Es gibt wenige Tattoo- und Piercingläden und auch wenige Leute, die gepierct oder tattoowiert sind
    • Hier ist Glutentoleranz (laut den Supermarktregalen und manchen Cafés) eher ein Thema als bei uns (zu viel Pasta?!)
    • Jugendliche lungern eher auf den Straßen rum als bei uns
    _________________________________________________

    11. Mai
    Ich glaub ich hab‘ mich beim dolce far niente angesteckt. Warum ist faulenzen so schön? Heute hab‘ ich gar keine Lust rauszugehen. Ich hab‘ schlechte Laune, bin müde und abgespannt.

    Als ich frühstücke -und eigentlich nur meine Ruhe haben will- höre ich Marta mit einer Nachbarin quatschen. In dem kleinen Häuschen, in dem auch meine Küche ist, sind noch ein Waschraum und ein kleines Badezimmer direkt neben meiner Küche. Marta ist mit der Nachbarin nebenan und quatscht fröhlich, dann schweigen beide für einige Zeit, dann wieder viel Geplapper – was machen sie da bloß?! Schaut die Nachbarin ihr beim Waschen zu?! Als ich kurz in Martas Küche bin (direkt gegenüber) kann ich einen Blick hinüber werfen – ich will ja nicht neugierig erscheinen! – und sehe, dass Marta der Nachbarin die Haare schneidet. Aaaah! Marta hat Friseurin gelernt. Später öffnet sie die Türe zu meiner Küche und sagt: „Schau! Die Haare sind ganz kurz!“ – Stimmt… die Frau hatte schulterlange Haare und hat jetzt einen richtigen Kurzhaarschnitt. Was für eine Veränderung! Ich kann nur sagen „Che bello! Wow!“ – wie gern hätte ich mehr gesagt.

    Zurück in meinem Zimmer raffe ich mich zum Anziehen auf, aber ich hab keeeeine Lust! – Doch, das wird dir sicher gut tun, raus mit dir!!

    Ich schwing mich auf mein Fahrrad, schaue grimmig durch die Gegend und will EINFACH NUR IN MEIN BETT. Aber ich peitsche mich stattdessen nach Pistoia, ca. 20km von Prato entfernt. Als ich am Bahnhof ankomme, fühlt es sich an, als hätte ich eine halbe Weltreise hinter mir. Wahrscheinlich bin ich noch nicht ganz gesund.

    In Pistoia angekommen finde ich alles doof. Der Weg vom Bahnhof in die Stadt kotzt mich an – wer hatte nochmal gesagt, dass es hier schön sein soll? Pah! Hässlich hier, alles…! Oh… ein Musikladen… Gitarren… EIN KLAVIER! Ich lächle wehmütig und schaue sehnsüchtig auf das Klavier. Der Laden ist in der Mittagspause, sonst wäre ich reingegangen. Wie sehr ich mein Klavier vermisse… so sehr!! Und wir sind erst zwei Wochen getrennt ;-(

    Auf einmal sehe ich eine kleine Gasse und spähe hinein. Wie süß ist das denn! – und schon hat mich meine touristische Weltentdecker-Neugier wieder gepackt! Es ist wie ein Labyrinth und ich fühle mich in eine andere Zeit versetzt; kleine Gässchen, hohe und alte Gebäude außen rum, manchmal sieht man den Himmel – und da hinten ist ein Kirchturm! Los geht’s!

    Ich entdecke auch eine kostenlose Ausstellung „starke Frauen“, in der Skulpturen und Malereien von einem männlichen Künstler ausgestellt sind. „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele“ (P. Picasso) – wie war! Die Kunst hilft mir etwas, meinen blöden Trott etwas abzuschütteln.

    Danach schlendere ich weiter erkundend durch das kleine gemütliche Städtchen und fühle mich etwas isoliert. Unter anderem, weil ich nicht sprechen möchte. Zu unsicher fühle ich mich immer noch mit Konversationen – meistens ist nach einem Satz des Gegenübers schon Schluss, vor allem wenn ich die Person nicht kenne. Und auf die Frustration hab‘ ich gerade gar keine Lust. Zuhören mag ich aber gerne – ich finde einen schönen Park und genieße es, den Gesprächen und Zurufen auf der Straße zuzuhören, weil es immer so schön klingt.

    Auf einmal habe ich Lust auf ein Eis! (passiert sonst quasi nie…) – und es scheint das Richtige zu sein: Heute rettet mir Eis den Tag, nicht Kaffee – wie sonst!

    In der Gelateria sage ich dem Besitzer, dass ich nicht so gut Italienisch spreche, aber es versuchen möchte. Es fühlte sich deutlich besser an, dann zu bestellen. Ich nehme mir vor, das öfter zu sagen, damit ich mich selbst weniger unter Druck setze.

    Während ich mein Eis esse, entdecke ich an einigen Mauern ein paar Liebeserklärungen, die ich irgendwie interessant finde: „Für dich bewege ich die Welt, auch wenn ich nichts habe“ „Ich hab dich lieb, weil ich dich liebe, aber ich traue mich nicht, es dir zu sagen“ „Wenn ich dich sehe, habe ich einen Zoo im Magen“

    Mittlerweile ist es 16 Uhr und das Städtchen Pistoia erwacht richtig zum Leben – denn jetzt ist die Mittagsruhe vorbei! Tische und Stühle werden vor die Restaurants und Cafés gestellt und alle Gassen und Straßen füllen sich auf einmal mit Menschen. Faszinierend! Irgendwie gefällt mir das, dass es zwischendrin mal Pause gibt, an der alle sich zurückziehen.

    Abends bin ich wieder in Prato und gehe das erste Mal alleine auswärts essen. Überraschenderweise fühle ich mich überhaupt nicht alleine, das ist schön :)

    Ein paar Tische weiter, direkt in meiner Blickrichtung füttert ein Papa seine kleine Tochter (etwa 1,5 Jahre alt); er gibt sich sehr viel Mühe und macht animierende Geräusche (Aaaah! Brrrrummm!! Tatütatata), um sie motiviert zu halten. Ich denke darüber nach, wieviel Mühe Eltern in die tägliche Versorgung ihrer Kinder stecken.

    Fazit des Tages: es wird keine einfache Geburt, mich auf diese Reise einzulassen. Zu viel Staub liegt auf mir und den abzuklopfen ist sehr unangenehm. Manchmal wehre ich mich dagegen. Einige Schichten hab‘ ich schon abklopfen können und ich hoffe, dass ich entstaubt und poliert zurückkomme.

    12. Mai
    Gestern spät abends hat mich nochmal etwas Zwischenmenschliches enttäuscht. Glücklicherweise spürt ein guter Freund das und ruft an (danke, Uvo!) – das hilft sehr. Eine weitere Freundin bietet ihre Unterstützung für den nächsten Tag an. Das wird schon wieder…

    Ohne jeden Tag etwas (gänzlich) Neues zu sehen und diese Dopamin- und Adrenalinflut zu bekommen ist es ein anderes Reisen. Krisen kommen anders auf, zumindest für mich. Das Reise-Ich vermischt sich mit dem Alltags-Ich, was irgendwie seltsam und eigenwillig ist.Trotz einem Alltag, der sich langsam einschleicht fühle ich mich enorm roh und nackt. Dabei aber nicht schlecht. Sehr verletzlich, sehr offen, sehr gefüllt mit Eindrücken, sehr inspiriert und trotzdem leicht – und manchmal sehr intensiv und schutzlos.

    Ich fahre trotzdem nach Florenz und lasse mich in der Mittagshitze in einem dunklen Café nieder; weniger Reize! Hier sind überall Touristenmassen unterwegs und es ist mir in dem Modus viel zu viel. Um mich herum reden fast alle Englisch und ich will mir am liebsten die Ohren zuhalten. Es ist eine süße Verführung, da ich in den Gesprächen alles verstehen würde. Aber ich will lieber Italienisch hören… ich habe irgendwie Angst, dass mir das Einlassen auf das Englische wieder meine Fähigkeiten im Italienischen klaut (was natürlich Quatsch ist).

    Ich denke währendessen darüber nach, wie die Globalisierung dazu geführt hat, dass die Grenzen verschwimmen, die Kulturen sich vermischen, Menschen unterschiedlicher Länder sich einfach unterhalten und austauschen können, manchmal sogar voneinander lernen können. Andererseits mischen sich „ursprüngliche“ Kulturen mit anderen, verwaschen, verändern sich – so wie ich in Italien gerade viel Englisch höre, obwohl man das hier nicht ursprünglich spricht. Wie alles hat auch die Globalisierung positive und negative Seiten.

    Zum Glück meldet sich Nico bald und fragt, ob ich zu ihm und einer Freundesgruppe dazustoßen möchte. Sie wollen mit dem Auto in ein nahe gelegenes Dorf fahren. Ich stimme sofort zu und treffe die vier am Bahnhof: Nico, Matteo (ein Italiener aus Sardinien), Ada (eine sehr junge Polin) und Silvio (einen Deutschen aus Berlin). Silvio spricht ganz gut Italienisch und gutes Englisch, trotzdem quatscht er direkt auf Deutsch mit mir, als wir im Auto sitzen. Was mich hochgradig irritiert – das ist das erste Mal seit 2 Wochen, dass ich persönlich mit jemandem auf Deutsch spreche. Und das noch in diesem Kontext… irgendwie verwirrt mich das. Aber es ist auch ganz schön, also lasse ich mich darauf ein (auch wenn ich es den anderen gegenüber sehr unhöflich finde).

    Wir fahren nach Fiesole, einem Bergdorf in der Nähe von Florenz (ca. 15min Fahrt). Es wurde scheinbar von den Etruskern erbaut, Anno Dazumal. Oben auf dem Berg/Hügel (ab welcher Höhe kann man eigentlich Berg sagen?!) steht ein Mönchskloster, das wir uns anschauen. Es ist sehr klein und hat im Keller ein Museum (freier Eintritt, mein Schwabenherz lacht!) von Gegenständen, die die Mönche damals von ihren Reisen mitgebracht haben, vorwiegend aus Asien, vermutlich China?, und aus Ägypten. Dann schauen wir uns noch die winzigen Zimmerchen der Mönche von damals an, die aus einer Bank, vermutlich zum Schlafen, einem Stuhl und einem Tisch bestanden – alles auf 2-3 Quadratmetern. Krass!

    Als wir wieder rausgehen, verschlägt mir die Aussicht fast den Atem. Man sieht Florenz aus einiger Entfernung und kann aufgrund des klaren Himmels auch die Landschaft und die Hügel im Hintergrund sehen. Es ist wunderschön. Nico sagt -er ist ja Touristenführer und war schon oft hier-, dass man von diesem Anblick nie genug bekommt.

    Nico, Matteo und Silvio sprechen etwas Italienisch und mein Herz singt – da ist sie wieder, die italienische Kultur und ihre wundervolle Sprache! Ti amo…

    Wir fahren wieder zurück nach Florenz, genehmigen uns ein wundervolles Eis, entspannen gemeinsam in einem schönen Park und fahren dann zum „Aperecena“ (ein Mix aus Aperitivo und Cena = Abendessen). Das Aperecena nehmen wir im Hof eines ehemaligen Gefängnisses ein, in dem heute Abend offensichtlich Karaoke stattfindet. Wir werden herrlich unterhalten, manchmal überrascht und bewegt. Es ist ein sehr schöner Abend und ich bin absolut glücklich. In der (vergleichsweise) vertrauten Gesellschaft traue ich mich sogar, einige italienische Sätze zu sagen. Sie fallen mir deutlich schneller ein, wenn ich Menschen besser kenne – und vor allem wenn ich nicht in einer Situation bin, wo man selbst oder das Gegenüber etwas erledigen möchte (einkaufen, am Bahnhof, im Restaurant) und deshalb nicht so viel Zeit ist.

    Um 23.10h komme ich mit dem Fahrrad nach Hause, nach Casale. Marta steht im Nachthemd auf dem Balkon und ruft mir zu, als sie mich sieht. „Das bist du ja! Ich habe mir Sorgen gemacht!“ Sie umarmt mich, als ich zur Tür reinkomme. Ich hatte sie morgens nicht gesehen, um ihr zu sagen, dass ich nach Florenz fahre – demnach wusste sie nicht, wo ich bin und wann ich wiederkomme. „Ich hab mir schon ganz hässliche Sachen vorgestellt! Dass sie dich geklaut haben… Du bist so eine zarte Person und so hübsch und da haben sie dich vielleicht geklaut!“ Ich sage ihr, dass ich mich verteidigen kann (mit Köpersprache…) und sie meint „Ja, um mich selbst habe ich auch nie Angst, aber um andere!“

    Ich bin sehr gerührt von ihrer ehrlich gemeinten und herzlichen Für-Sorge und gehe zufrieden ins Bett. Auch wenn mir die Ent-Täuschungen des Kumpels am Donnerstag und von Samstagabend noch sehr nachhängen und mich enorm viel Kraft kosten. Aber jetzt erstmal schlafen – morgen ist ja wieder Montag und die Arbeit ruft!
    Baca selengkapnya