#13 - Balance / Dysbalance
May 17, 2024 in Italy ⋅ ☀️ 16 °C
17.-18. Mai
Ich habe mir zwei Tage freigenommen, um mal etwas runterzukommen. Erstaunlicherweise nutze ich keine mediale Unterhaltung (Filme, Serien, o.ä.) und bin trotzdem beide Tage voll beschäftigt – obwohl ich hier ja eigentlich kaum Dinge zu tun hab.
19. Mai
Man gewöhnt sich an alles, sogar die schöne toskanische Landschaft.Ich versuche, mich daran zu erinnern, dass ich in einer besonderen Situation und in einem fremden Land bin. Genuss, bitte komm' zurück!...ich hab wieder keine Lust rauszugehen und frage mich, ob das mit meiner comfort zone zu tun hat. Wann sollte man raus aus der comfort zone und wann lieber drin bleiben, um sich nicht zu überreizen? Finde das immer wieder schwierig, den Unterschied in der Situation zu begreifen: Manchmal hat man ja auch keine Lust auf eine Party zu gehen und am Ende war es einer der besten Abende, wenn man sich dann doch aufraffen kann…
Heute geht's nach Pisa. Der Zug ist voller Touristen (inkl. mir).
Irgendwie ist Pisa so, wie ich mir eine typisch italienische Stadt vorgestellt hab - die Atmosphäre ist anders, anders als das was ich kenne, anders als Prato, anders als Florenz. Man hört Möwen und ich komm‘ mir irgendwie vor wie in Monopoly. Vielleicht weil hier viel Geld fließt? Waren die Medici auch hier??
Ich recherchiere, aber Pisa hat nichts mit Geld zu tun. Außer das Folgende: "Italiener ... begannen, die Dinge pragmatisch-arabisch statt römisch-umständlich zu beziffern. Römische Zahlen waren nämlich nicht gerade das Nonplusultra, um hohe Beträge zu dividieren oder multiplizieren. ... Es war ein Zollbeamtensohn aus Pisa, der stattdessen einfach 2378 schrieb und die Buchhaltung auf Arabisch in Europa einführte." (Quelle hier)
Ich frage mich, ob es manche Personen gibt, die quasi weltbekannt sind, weil sie auf vielen Bildern in Touristenstädten zu sehen sind und dort eigentlich wohnen aber immer wieder ausversehen fotografiert werden. Wäre sicher witzig, darauf eine KI anzusetzen.
Pisa ist eine Studentenstadt und ich bleibe länger als gedacht. Eigentlich wollte ich nur den Turm sehen und schlendere dann doch mehr herum, fotografiere ständig. Beim Turm von Pisa sind extrem viele Leute und alles -sogar die Stadtmauer- kostet Eintritt. Nein, danke. Ich schau mir alles von außen an, aber mir wird das schnell zu viel - denn mit ursprünglicher Kultur hat dieser Touristenmagnet gefühlt wenig zu tun... Aber das hatte ich schon erwartet. Also: Haken dran und weiter geht's!
Gegen 15 Uhr kippt meine Laune (zu viele Eindrücke + zu wenig Essen) und ich beschließe, nach Lucca zu fahren, um dort zu essen (30min mit dem Zug).
Gesagt, getan.
In Lucca beschließe ich, keine Fotos zu machen, weil das echt anstrengend auf Dauer ist. Lucca ist voll mit Leuten, aber irgendwie mondäner als Pisa. Als ich in die Innenstadt laufe sehe ich, dass die Stadt dieses Wochenende Sommerfest hat und auf einem Platz vor dem Rathaus spielt eine Art Kapelle, mit „traditionellen“ Kostümen (sieht nach Mittelalter aus).
Ich finde ein gutes und günstiges Restaurant am Rand des Platzes und bestelle eine Pizza. Endlich Essen !!!
Sie ist sehr lecker und ich belausche ein Gespräch vom Nebentisch auf Englisch (Australier und Amerikaner) von Touristen. Und irgendwie kommen mir ihre Gesprächsthemen sehr egozentrisch vor; kann nicht genau sagen warum, aber ich versuch’s mal: Italiener sprechen viel darüber, was sie sehen, was sie erlebt haben, wie sie Politik finden, etc. Bei dem englischen Gespräch kommt es mir vor, als ginge es hauptsächlich um die Meinung dieser Person – und die ist unumstößlich! Irgendwie schwierig, so ein Bauchgefühl in Worte zu fassen und wahrscheinlich werfe ich dabei nur so mit Stereotypen um mich (apropos egozentrisch :-D).
Um den Platz herum, auf dem die Kapelle weiter fleißig Trommelwirbel und Bläser ertönen lässt, befinden sich überall Restaurants und Cafés. Einige von den verkleideten Personen kommen immer wieder an Geschäfte, rauchen eine Zigarette, holen einen schnellen Kaffee. Ob das wohl in Deutschland auch so wäre? Ich glaube eher, dass sie alle auf dem Platz bleiben würden – bis zum bitteren Ende!
Mit gefülltem Magen und deutlich besserer Laune schlendere ich weiter durch die Stadt, denn sie hat meine Neugier geweckt. Leider kickt meine Allergie so richtig: ich habe eine ganze Packung Taschentücher gebraucht und jetzt ist sie leer. Ich niese weiter fleißig rum und muss aufpassen, dass ich nicht direkt in die Gesichter der Menschenmassen um mich herum niese. Wie ätzend !! Für mein Durchhaltevermögen werde ich belohnt, als ich auf eine wunderbare Piazza stoße (ein großer Platz). Ein Straßenmusiker spielt wundervoll Gitarre, die Sonne scheint, ein entspanntes Gemurmel erhebt sich von den vielen Restaurants auf dem Platz – auf dem gerade auch ein Handwerkermarkt stattfindet. Ich bin SOWAS von verliebt !!! Ich bestelle mir einen Limoncello Spritz – man soll ja ab und zu was Neues probieren. Leider werde ich dafür gar nicht belohnt, denn er schmeckt GANZ grausam. Wer zu Hölle hat dieses widerliche Gesöff erfunden!
Danach laufe ich minimal angeschwipst durch die vielen kleinen Gässchen und verliebe mich hinter jeder Ecke auf’s Neue. Liegt’s am Alkohol oder ist das wirklich meine Lieblingsstadt?
Kurz verweile ich am Straßenrand auf einer Treppe, weil hier jazzige Live-Musik gespielt wird. Perfetto, assolutamente!
Ich genieße die Ästhetik, die Rohheit und die Schönheit des kleinen Städtchens (ca. 90.000 Einwohner) und bin sehr traurig, als ich Richtung Bahnhof für die Rückfahrt laufe. Hier will ich nochmal hin!
Im Zug nach Hause sitzen neben mir drei jugendliche Mädels (ca. 15 Jahre alt), die offensichtlich üben, Englisch zu sprechen. Ich muss grinsen: Sowas hab ich früher auch gemacht. Irgendwann fangen sie mega an zu kichern: Sie haben ihren Ausstieg und sind jetzt – um 21.30h an einem Sonntag – am falschen Bahnhof. Sie kriegen sich nicht mehr ein vor Lachen. Und ich muss nochmal grinsen: Jap… so kenn ich das auch manchmal. Man ist so vertieft in die Gesprächsthemen, dass alles andere unwichtig wird.
In Prato is um 21.30h noch viel los, wie bei uns an einem Samstag.
Zu Hause ist Marta noch wach. Wir unterhalten uns über unseren Tag und dass wir beide traurig sind, dass ich gehe. Sie sagt, dass sie immer etwas Herzschmerz hat, wenn ihre Gäste gehen. Würde mir glaube ich auch so gehen… erst Recht nach längerer Zeit. Sie sagt: „Und du musst mir noch zeigen, wie du das Kartoffelgericht letztens gemacht hast! Ich will lernen, wie es geht!“ Finde ich super cool, dass sie – die sich auf ihrer Erfahrung ausruhen könnte- Lust hat, ein vegetarisches Gericht zu lernen. Ich sage ihr: „Und du musst mir noch zeigen, wie man das Zucchinigericht macht!“ Sie: „Ok, warte“ Ich denke „Sie macht das jetzt nicht wirklich, oder? Es ist 22.30h! – aber doch: sie holt Zucchini und fängt an zu kochen. „Das geht schnell, man muss es einen Tag vorher kochen und morgen fertig machen.“ Schwuppdiwupp – nach 15-20min ist es fertig vorbereitet. Ich bin baff. Diese Frau hat mehr Energie als ich!
Morgen wird mein letzter ganzer Tag in Prato sein… Uff!
20. Mai
Heute bin ich traurig. Nicht schlecht drauf, sondern traurig. Abschied liegt in der Luft, denn morgen ist mein letzter Tag in Prato, bei Marta, im Co-Working space,…
Marta war heute Morgen wieder sehr lieb „Hab einen schönen Tag. Und fahr vorsichtig auf der Straße!“ „Ja, immer, Marta!“ „Warte, ich mach dir die Tür zur Garage auf“ „Aber ich hab doch die Schlüssel“ „Ja, aber warte… ich hol meine kurz. Dann musst du deine nicht aus dem Rucksack kramen“
Die Barista fragte mich heute nach meinem Namen. Und irgendwie macht es einen Unterschied; ich bin nicht mehr irgendeine Fremde, sondern ich habe einen Namen…
Im space/Büro kann ich mich kaum konzentrieren. Ich versuche es mit Kaffee, Essen, Musik, Raumwechsel, mitschreiben beim Lesen – hilft alles nichts. Und Lucca vermisse ich auch – es war so schön dort!!
Ich sitze alleine in einem Raum, um dort in Ruhe arbeiten zu können und mir ist zum Heulen zumute.
Abends esse ich mit Marta zusammen (sie hat nochmal mein Lieblingsgericht gekocht). Das Gespräch läuft etwas besser: ich verstehe mittlerweile ca. 60-80% von dem was sie sagt und kann auch in kurzen Sätzen sagen, was ich denke. Sie macht gerne Kreuzworträtsel, also machen wir nach dem Essen drei Rätsel zusammen. Und sie schenkt mir Hausschuhe, weil ich sie so bequem finde „Dann denkst du an mich, wenn du sie trägst.“ – so lieb!!
Morgen geht’s aus der fürsorglichen Geborgenheit wieder in die weite Welt!
Rezepte von Marta sind jetzt nur für meine Follower sichtbar (da der Blog an sich öffentlich ist)Read more










