• #12 - Was für ein Theater!

    May 16, 2024 in Italy ⋅ ☁️ 20 °C

    >> Everyday Life Nuggets <<
    - Es gibt, zumindest in Prato, mehr Kreisverkehre als Ampeln. Manchmal ist das stressig und gelinde gesagt aufregend, weil man nie weiß, wer in welchem Moment losfährt. Manchmal flowt es richtig gut und man düst nur so dahin
    - Ich glaube, Italiener müssen Geld bezahlen, wenn sie bremsen.
    - Oft sind breitere Straßen auf zwei Fahrbahnen ausgelegt, haben aber keine Fahrbahnstreifen – vermutlich als Puffer-/Knautschzone für den flexiblen Fahrstil…
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    16. Mai
    …und täglich grüßt das Murmeltier: Aufstehen, auf die Arbeit hetzen (wer hat eigentlich diese Uhr erfunden?! Ich hasse diesen morgendlichen Stress!), Kram im coworking space abladen, Kaffee in meinem Stammcafé holen und los geht’s!

    In meinem Stammcafé kennen sie mich mittlerweile: „Einen Cappuccino zum Mitnehmen und ein Croissant?“ „Nein, heute nur einen Cappuccino bitte!“ Als ich bezahle, verwickelt mich die Besitzerin in eine kurze Unterhaltung. Ihr Mitarbeiter, ein älterer Herr, wiederholt ein paar Sätze eines deutschen Gesprächs, das er mal vor 20 Jahren gehört hat (mit sehr witzigem, aber korrekten Deutsch). Ich muss lachen und bin stolz, dass ich „out of the blue“ ein kurzes Gespräch mit Fremden hinbekommen habe.

    Witzig - gerade dachte ich noch "Heute bin ich in Stimmung für Italienisch sprechen" - und schon werde ich das erste Mal von ihr in ein Gespräch verwickelt. Und auch heute fühle ich mich sehr verbunden mit der Welt / dem Universum / Gott / whatever you wanna call it.

    Der Mann verwundert mich etwas. Am ersten Tag hatte er ein Schild um den Hals auf dem stand: Ich bin stumm. Heute hat er ganz normal gesprochen und es wirkte nicht ungewöhnlich auf mich. Was es damit wohl auf sich hat!?

    Den Arbeitstag bekomme ich irgendwie hinter mich. Camilo sehe ich heute das letzte Mal (ein Kollege aus dem space), weil ich ja bald abreise bzw. nach Florenz ziehe. Wir tauschen Nummern aus. Ansonsten ist es, wie immer, eher schweigsam im Büro, weil jeder und jede an den eigenen Aufgaben arbeitet, Meetings hat, etc. Was ich sehr schade finde, aber verstehen kann. Ich will ja auch konzentriert arbeiten.

    Nach der Arbeit treffe ich mich mit Freemitive bzw. Danilo (so nenne ich ihn ab jetzt, da das sein eigentlicher Name ist, wie ich heute erfahren habe) – heute in Prato statt in Florenz, weil wir ins Theater gehen wollen. Als ich nach Hause fahre, um meine Sachen abzuladen, merke ich wie gestresst ich heute bin: ich hab einen Tinnitus, schon den ganzen Tag Bauchschmerzen und mein linker Fuß schmerzt furchtbar wegen einer riesigen Blase.

    Danilo ist mit dem Fahrrad aus Florenz gekommen und wir schließen unsere Fahrräder an einem öffentlichen Platz ab (mit drei Schlössern, um auf Nummer sicher zu gehen!). Er erzählt mir, dass er Schilder für eine Kirmes in Prato gesehen hat und fragt mich, ob wir hingehen wollen – weil da wohl live-Musik gespielt werden würde. Ich willige sofort ein: (Live-)Musik ist immer gut! Es gebe in Florenz kaum Live-Musik, sagt er. Schade! Ich hoffe, ich entdecke vielleicht doch noch Plätze dafür, wenn ich da bin.

    Auf der Kirmes schlendern wir etwas ziellos herum und bleiben an einem stark duftenden Süßigkeitenstand stehen. Danilo ist ganz begeistert und kauft ein bisschen Süßkram („Hab ich seit 15 Jahren nicht mehr gegessen, auf einer Kirmes!“). Kurz danach fängt es mega an zu regnen und wir schnabulieren den Süßkram unter einem Baum. Leider wurde die Live-Musik wegen dem Regen abgesagt :-(

    Aufgemuntert werde ich dann aber nochmal (abgesehen von den Süßigkeiten), durch einen schönen Regenbogen und einen coolen Klamottenstand: lauter Hippie-Klamotten!! Ich verliebe mich in ein Kleid und kaufe es. Danilo kauft sich eine abgefahrene Jacke und wir freuen uns über den tollen Fang. Die Sachen sind von der Besitzerin selbst genäht und von Schnitten aus Asien und Indien inspiriert – und dabei noch nicht mal teuer!

    Wir laufen zurück in die Stadt, um noch ein schnelles Getränk zu nehmen. Das Theater fängt in 20 Minuten, um 21 Uhr, an. Ganz entspannt trinken wir unsere Getränke leer, obwohl dann schnell 21 Uhr ist. Aber zu spät kommen ist hier kein Problem -was mich tatsächlich ultra entspannt !!!-, sodass wir erst um 21.15h gemütlich ins Theater eintrudeln. Auch die Kontrolleurin am Einlass ist ganz entspannt und nicht genervt oder gehetzt, als sie uns zum Raum führt. Tatsächlich sind wir genau pünktlich und das Stück fängt an!

    Vom Stück verstehe ich sehr wenig und übersetzen kann Danilo mir nicht, weil sich die anderen Gäste gestört fühlen. Der Hauptdarsteller -verkleidet als alte, singende Dame- nuschelt, verwendet Dialekt und spricht oft ohne Mikrofon. Aber das macht nichts: ich wollte gerne mal ein Theater in Italien erleben und hab wieder etwas mehr Sprache hören können – das macht mich schon glücklich.

    Danach holen wir uns nochmal ein Getränk in der Bar um die Ecke, da hier live-Musik gespielt wird. Die zwei-Mann-Band spielt sogar einige Lieder von Pearl Jam <3

    Als wir ausgetrunken haben, laufen wir noch etwas durch die nächtlichen Straßen von Prato und sprechen Italienisch. Auch Danilo lobt mich sehr für meine Fortschritte und ist erstaunt, dass ich in so kurzer Zeit (auch in den 2-3 Monaten vorher) einiges gelernt habe. Ich bin unfassbar stolz! Zahlen sich meine Geduld, mein Frust und meine hohe Motivation endlich ein bisschen aus?

    Im Gespräch mit ihm fällt es mir relativ leicht, Italienisch zu sprechen, weil wir uns etwas besser kennen und ich fehlende Worte durch englische Worte ersetzen oder auf Englisch nachfragen kann – das entspannt mich ungemein!

    Gegen 1h holen wir unsere Fahrräder und ich begleite ihn zum Fluss. Er hat sich in Florenz ein e-Bike gemietet, um nicht auf den letzten Zug angewiesen zu sein - das wäre mit dem Theaterstück etwas knapp geworden (Ende war um 23h). Leider ist sein Handyakku leer und wir konnten es nicht aufladen (Stecker kaputt). Daher muss er jetzt im Dunkeln und ohne Navi irgendwie nach Florenz kommen.

    Gegen 4 Uhr nachts schreibt er mir, dass er gut angekommen sei, aber einiges erlebt habe – Puh!

    Ich muss innerlich grinsen, weil das nach einem ziemlich witzigen Abenteuer klingt, was mir typischerweise passiert wäre: Es kommen einige seltsame Zufälle, ein bisschen Verpeiltheit, „Pech“ und Abenteuerlust zusammen – und schwupps, findet man sich nachts um 1.30h im kalten Italien auf einer 20km Radtour wieder. Aber irgendwie klappt es dann doch!

    Zuhause genehmige ich mir noch einen Mitternachtssnack, halte einen kurzen Plausch mit Lorenzo -der auch gerade erst nach Hause kam- und falle gegen 3h dann tot und zufrieden ins Bett.
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