#22 - Große Krise
June 15, 2024 in Italy ⋅ ⛅ 29 °C
So wie es dir/euch mit dem Lesen geht, so geht es mir mit dem Blog: Ich schreibe ihn gerne, aber in der Regelmäßigkeit wie am Anfang schaffe ich das auf Dauer nicht. Daher versuche ich jetzt ca. einmal wöchentlich einen Beitrag zu schreiben, der dafür etwas länger sein wird. Ich hoffe, es bleibt trotzdem unterhaltsam und nicht zäh wie Kaugummi ;-)
15. Juni
Heute gehe ich mit Danilo auf ein Open-Air Konzert mit vier Metal-/Rockbands, Headliner ist Tool. Es ist recht warm und ich laufe barfuß, genieße das angenehme Gras und hüpfe durch die Gegend, wenn ich auf dem heißen Asphalt laufen muss.
Am Eingang werden alle Taschen auf waffenartige Gegenstände geprüft – und meine Trinkflasche, die ich mir extra für die Reise mit viel Recherche und für teuer Geld gekauft habe, gerät ins Visier. Da hätte ich eigentlich drauf kommen können… - ich hab irgendwie nicht damit gerechnet, dass hier auch so streng kontrolliert wird. Die Dame sagt „Willst du reingehen? Oder raus? Wenn du reinwillst, muss die Flasche hierbleiben.“ Ich frage, ob ich sie später denn wieder bekäme und dass sie sehr teuer war. Danilo greift zum Glück ein und bittet die Frau darum, die Flasche zu ein paar anderen Flaschen hinter ein großes Schild am Rand zu legen – da kann ich sie dann später abholen. Vorausgesetzt niemand sonst findet die Flasche so toll wie ich. Ohje! Und ich ärgere mich, dass mir die Frau das nicht direkt angeboten hat und es erst auf Danilos Bitte hin in Erwägung gezogen wurde. Ganz schön scheiße von ihr!
Aber ich akzeptiere die Situation jetzt erstmal wie sie ist. Die Veranstaltung fühlt sich eher wie ein Festival an, allerdings gibt es hier keine Zelte. Ich mag die Atmosphäre, Metalfestivals haben mir bisher immer sehr gefallen. Und es ist seeehr warm heute! Die Sonne ballert nur so – wir sind aber zum Glück erst gegen 17h dort, sodass es langsam kühler und angenehmer wird.
Es amüsiert mich, das alles auf Italienisch zu erleben (Werbepausen, Ansagen, Antworten/Reaktionen aus dem Publikum).
Gegen 18 Uhr verhält sich Danilo etwas seltsam und ich frage mich, ob es eine gute Idee war, mit ihm auf das Konzert zu gehen. Wir sprechen kurz darüber und es ist erstmal geklärt. Um für Tool etwas weiter vorne zu stehen, schieben wir uns durch die Menge. Als wir mitten drin stehen, habe ich einen heftigen Disput mit Danilo. Ich überlege kurz, rauszugehen. Beschließe dann aber, mir davon nicht die Laune verderben zu lassen und versuche das Konzert zu genießen – was mir leider nur so halb gelingt.
Nach dem Konzert rennen wir direkt zu dem Schild, um meine Flasche zu finden. Und ich hab Glück: Sie liegt tatsächlich noch da !!
Wir laufen zurück in die Stadt zu meinem Fahrrad und Danilo erzählt mir davon, dass er die App Ridemovi nutzt, um Fahrräder zu mieten und dass das mit dem Premiumpaket relativ günstig ist. Irgendwie klingt das ganz cool. Als wir an meinem Fahrrad ankommen... ist es nicht mehr da. Wir suchen für einige Minuten. Aber es wurde offensichtlich geklaut. Ich bin im Schock, akzeptiere die Situation erstmal relativ emotionslos und installiere mir die Ridemovi-App, um mir heute auch ein Gefährt nach Hause zu mieten – hilft ja nix. Kurz bevor wir uns verabschieden habe ich aufgrund einer Kleinigkeit einen mega Lachanfall; vermutlich weil ich so müde und kaputt bin von dem stressigen Tag.
Dann verabschieden wir uns und ich fahre mit einem E-Scooter für unverschämte 5€ (!) nach Hause (ca. 15-20min Fahrt). Ich rufe in Erinnerung: eine Zugfahrt von Prato nach Florenz kostet 2,80€ = 30min. Gefällt mir gar nicht! …aber immerhin bin ich erstmal sicher zu Hause und im Bett. Gute Nacht!
16. Juni
Heute bleibe ich den ganzen Tag zu Hause. Die emotionalen Schocks vom Fahrradklau und dem Streit sacken erst so langsam und ich brauche und nehme mir die Zeit zum Verdauen.
17. Juni
Heute ist Montag und ich bin emotional immer noch ziemlich platt vom Wochenende. Ohne Fahrrad fühle ich mich wie in einem Käfig, weil ich mich nicht frei bewegen kann. Und auf Reisen ist alles mindestens doppelt so intensiv - auch die negativen Seiten.
Immerhin arbeite ich heute trotzdem sehr konzentriert und beschäftige mich in den Pausen ausschließlich mit dem Thema Fahrrad: facebook marketplace, Vitamin B, Läden in der Stadt, überhaupt ein neues Rad kaufen? Als ich mir die App Ridemovi nochmal aufrufe, um zu schauen wieviel dieses Abo kostet, was Danilo erwähnt hat, kann ich diese Funktion nicht finden und überlege weiter. Ca. 1h später bekomme ich eine Push-Nachricht von Ridemovi: Sie schenken mir ein Premiumabo, für einen Probemonat (das wären 15€) - mega! Dann ist das jetzt wohl der way to go… und ich entscheide mich für meine verbleibende Zeit für Mietfahrräder.
18. Juni
Mietfahrräder nerven mega. Mein Schwabenherz weint, meine Beine auch (den krassen Berg ohne Gangschaltung bei 35 Grad ist ein tatsächliches Ding der Unmöglichkeit). Folglich beschließe ich, dass ich ab jetzt e-bikes statt normale, schwergängige Räder miete – auch wenn sie etwas teurer sind. Dementsprechend ist der Berg, den ich jeden Tag auf dem Weg nach Hause erklimmen muss, nicht mehr ganz so übel. (auch wenn ich den Berg trotz e-Antrieb nur im Stehtritt hochkomme!). Ich versuche, es positiv zu sehen!
Heute habe ich nach der Arbeit wieder eine Stunde meinen Italienischkurs, der wie immer sehr hilfreich ist. Ich würde gerne häufiger den Kurs haben und merke, dass ich die Sprache sehr vermisse – in Florenz spreche ich einfach mehr Englisch. Es ist sehr schön, sich schnell und komplexer austauschen zu können, weil hier so viele Leute Englisch sprechen. Aber ich bin auch etwas traurig und wenig im Italienisch drin.
Abends habe ich ein kurzes Gespräch mit Anna, meiner Gastgeberin. Ich merke mal wieder, dass wir uns in manchen Dingen ähnlich sind: Sie hat immer 100.000 Sachen im Kopf und ist deswegen super gestresst. Und sie sagt etwas, indem ich mich absolut wieder erkenne: „Ich bin gestresst wenn ich wegfahre und ich bin gestresst, wenn ich bleibe“ . Ich finde sie interessant, aber der Kontakt bleibt sehr lose, weil wir beide viel unterwegs sind (sie ist oft für mehrere Tage in anderen Städten) und uns quasi nicht sehen.
Reisen ist glaube ich deshalb so interessant (u.a.), weil man sich ohne sein gewohntes soziales Umfeld in neuen Gefilden bewegt. Durch viele neue Dinge und Aufgaben (Neuorientierung in neuen Städten, Begegnungen, Sehenswürdigkeiten, andere Kultur/Sprache etc.), ist man sehr häufig abgelenkt und wird von Adrenalin und Glücksgefühlen überschwemmt.
Wenn man/ich aber länger an einem neuen Ort bleibt und etwas Alltag einkehrt, wird es manchmal schwierig. Denn man hat Zeit und viele Momente, um zu realisieren, dass man hier fremd ist. Und es mehr als ein paar Wochen bräuchte, um hier anzukommen. Und wer lässt sich auf jemanden emotional ein, der in ein paar Wochen wieder weg ist? Verrückte - oder man hat Glück und findet eine gute Seele :-)
Dienstag scheint mein Down-Tag zu sein. Morgen hab ich was vor, Donnerstag auch, Freitag/Samstag wahrscheinlich auch. Der Wochenstart war aber definitiv hart ohne Fahrrad, wieder Neuorientierung/Organisation (wo bekomme ich ein Fahrrad her? Ergibt es für 2 Wochen überhaupt Sinn? Etc.).
Zusätzlich hat meine Zwischenmieterin mir letzte Woche eröffnet, dass sie 4 Wochen früher geht. D.h. ich muss mich um Betreuung für Nuri kümmern, früher nach Hause zurückkommen, mich um Pflanzenbetreuung kümmern,…
Außerdem muss/möchte ich langsam meine Reise für Kanada besser vorbereiten. Es fällt mir immer noch etwas schwer, mich darauf einzustellen. Immerhin habe ich letzte Woche die Entscheidung getroffen, in eine Mitgliedschaft bei Workaway zu investieren, um bei Menschen unterzukommen. Das fühlt sich gut an. Das bedeutet aber: individuelle Nachrichten schreiben, coole Spots suchen, die in etwa zu meiner Reisevorstellung passen, - kurz gesagt: viel Arbeit.
UFF!
19. Juni
Mittlerweile habe ich mich einigermaßen auf die Mieträder eingestellt und hab Spaß an dem E-Antrieb. Vielleicht gab es doch einen ganz versteckten Anteil in mir, der keine Lust mehr auf diesen Berg hatte und sich eine Lösung herbeigewünscht hat? Who knows…
Heute fahre ich nach Bologna und treffe Michael, einen guten Freund und Arbeitskollegen. Ich bin aufgeregt und freue mich wahnsinnig, ihn und seine Freundin zu treffen. Der Streit mit Danilo hängt mir immer noch ziemlich nach und kostet mich viel Energie. Daher ist ein vertrautes Gesicht besonders willkommen.
Bologna hat einen vollkommen anderen Vibe als Florenz, weniger stressig. Hier ist es auch sehr touristisch, aber anders. Außerdem ist Bologna eher eine Studentenstadt, als Florenz – vielleicht deswegen?
Es ist schön, Michael und seine Freundin zu sehen. Wir schlendern etwas herum, trinken Kaffee, essen Pasta – was man eben so tut, in Italien.
Nach ca. 3 Stunden müssen sie leider weiterfahren, da sie heute noch zu ihrem Übernachtungsort am Meer kommen müssen. Ich durchstreife Bologna noch ein bisschen alleine, stolpere unfreiwillig über und in diverse interessante Locations.
Nach weiteren drei Stunden wird es mir mal wieder zu viel – mein Wahrnehmungsapparat ist voll und muss vor weiteren Aufnahmen erst wieder geleert werden. Dementsprechend sinkt meine Laune. Und ich muss mit dem Bus zurückfahren, weil heute Schienenersatzverkehr ist. Mist. Zum Glück läuft alles wie am Schnürchen. Es gibt nur eine Station – das heißt, ich kann nicht falsch aussteigen – und ich habe zwei Sitzplätze nur für mich alleine. Das einzig Nervige: zwei erwachsene Italiener, ein Mann und eine Frau zwischen 50 und 60, haben über mehr als 30 Minuten eine sehr hitzige Diskussion. Ich frage sie, ob sie vielleicht etwas leiser sein könnten und sie entschuldigen sich zwar, aber diskutieren nach 10min weiter - für muntere 20 Minuten. Mir platzt der Kragen. Ich stehe auf und frage sie, ob sie noch alle Tassen im Schrank haben, hier so lange und laut zu diskutieren. Ob sie wohl jugendlich seien oder warum sie sich nicht verhalten könnten, wie Erwachsene und ihre Diskussion auf später verschieben könnten. Sie entschuldigen sich demütig und sind endlich still. Ich frage mich wohl, warum andere sie nicht angesprochen haben – nicht nur ich habe wegen ihnen die Augen verdreht, aber gesagt hat keiner was.
20. Juni
Nur noch 10 Tage in Florenz!!
Donnerstag ist wieder mein eng getakteter Tag, wie letzte Woche: Einige Deadlines auf der Arbeit und viele Meetings, danach habe ich Yoga – auf der Dachterrasse, bei 37 Grad; das is mega anstrengend, aber tut mir trotzdem gut. Hier spreche ich das erstmal mit Sarah, sie ist mein erster Kontakt im space– nach geschlagenen 3 Wochen! Im Anschluss findet der Kochkurs statt. Die Lehrerin erzählt, dass sie immer traurig ist, wenn manche Schüler:innen nach einem Jahr gehen (vermutlich Austauschschüler). Wir essen einen tomatigen Gemüseeintopf (namens pappa al pomodoro), der typisch für die Toskana ist, und probieren frittierten Teig der sehr ähnlich wie ungarischer Langos schmeckt (Coccoli).
Heute findet im Hof des Coworking spaces ein public viewing statt, weil Italien gegen Spanien spielt. Ich sehe Sarah wieder und setze mich zu ihr und zwei ihrer Freundinnen. Wir stellen uns einander vor und ich unterhalte mich länger mit Laura, eine Berlinerin, die sich in Florenz verliebt hat und hier ihren zweiten Wohnsitz aufbauen will. Sarah erzählt mir außerdem, dass Florentiner eher verschlossen und engstirnig seien - bisher kann ich das nicht bestätigen, aber vielleicht habe ich deswegen bisher keine nennenswerten Kontakte geknüpft?
21. Juni
Heute ist Freitag, mein freier Tag. Ich bleibe zu Hause. Abends findet im space eine Veranstaltung statt, wo ich endlich mal Kontakte knüpfen könnte. Aber allein die Vorstellung, mich mit relativ unbekannten Leuten zu treffen, in einer großen Gruppe, wo sich viele bereits kennen, mit Alkohol, ohne Fahrrad– nope!
Heute ist es sehr warm, vor allem in meinem Zimmer, sodass ich 5x kalt dusche und mich nicht mal abtrockne, damit ich vielleicht endlich etwas abkühlen kann.
22. Juni
Auch heute passiert nicht viel. Ich muss einkaufen, laufe zum Supermarkt in der prallen Mittagshitze, denn in dem Bereich kann ich kein Mietfahrrad leihen – sie dürfen hier nicht gefahren werden.
Abends bin ich auf einem Geburtstag eingeladen: Der Mann meiner Nachbarin Reem feiert in einer sehr schönen Location direkt bei uns um die Ecke. Reem und Stefano sind super liebe Menschen und ich freue mich, sie wieder zu sehen.
Leider habe ich immer noch keine Energie für irgendwas, sodass meine Kontaktfreude sich extrem in Grenzen hält. Auf dem Geburtstag wird sehr viel Essen in mehreren Gängen serviert, es gibt Wein, Sekt, Bier und einen Nachtisch.
Nach dem Essem erzählt mir eine Italienerin, dass sie sich wahnsinnig voll fühle, aber leider ihre Tabletten vergessen habe. Ich frage sie, was für Tabletten das seien: „Tabletten, die dir beim Verdauen helfen!“ – ich bin erstaunt… aus Deutschland hab ich sowas noch nie gehört. Marta hatte das auch mal erwähnt, aber ich wusste da nicht, ob das ein persönliches Ding von ihr, ihrer Generation oder von Italienern allgemein ist. Anscheinend ist das hier ein allgemeines Ding – die Italiener essen wohl noch lieber, als ich dachte :-D
Obwohl mich der Abend viel Kraft kostet, war es trotzdem sehr schön. Es waren auch einige italienische Kinder da, die mein Herz jedes Mal wahnsinnig schmelzen lassen – besonders, wenn sie sprechen. Das ist das absolut Süßeste: ein kleines Menschlein spricht diese ausdrucksstarke, große Sprache. So konträr und so süß!Read more











