#23 - Die letzte italienische Woche
June 23, 2024 in Italy ⋅ ☁️ 21 °C
<< Everyday Life Nuggets
- Unterwegs is deutlich mehr Lärm als bei uns (weil Italiener mehr/lauter sprechen). Wenn ich dann in ruhige Gassen einbiege, merke ich wie laut es eigentlich war
- persone che non hanno diritto = Personen mit besonderen Bedürfnissen (Schwangere, Behinderte, Ältere) -> übersetzt: Personen, die keine Rechte haben - wtf :D
- wenn Italiener:innen ans Telefon gehen, sagen sie "Pronto?" (= fertig)
- im Süden Italiens gibt es viele Kriegsdenkmäler vom 1. Weltkrieg
- ich habe noch nie eine Person "on the go" essen sehen. Bisher habe ich zwei Mal schnell was im Zug gegessen und hatte irgendwie den Eindruck, dass das ungewohnt oder unverständlich für andere ist
- es gibt in fast jeder Stadt ein Denkmal von Garibaldi, einem Nationalhelden. Warum ausgerechnet er so exorbitant häufig vertreten ist, hab ich noch nicht verstanden
- Es gibt einen Rettungswagen für Tiere
23. Juni
(1) Jeder findet auf Reisen etwas anderes. Meistens ist es etwas, wonach man gesucht hat, glaube ich.
(2) Egal wie weit und wie lange man reist, man begegnet sich immer selbst.
Ich bleibe auch heute erstmal Zuhause. Nico wollte sich vielleicht melden, aber ich bin mir bei meinen Bekanntschaften hier nie sicher (-> Kultur), ob das dann zustande kommt.
Ich habe ein hilfreiches online-Gespräch mit einem Freund, der mich etwas aus meinem Loch holt, leider hält es nicht lange. Denn ich stehe immer noch ziemlich neben mir wegen letztem Samstag + gemischte Gefühle bzgl. meiner baldigen Abreise + Einstellen auf Kanada (es ist quasi nichts organisiert) + tiefe Nachdenklichkeit über diverse Lebensthemen aus der Metaperspektive.
Nico meldet sich tatsächlich und wir treffen uns in der Stadt für Apericena, also was trinken und ein bisschen was essen. Er wirkt etwas angespannt -vielleicht spiegelt er mich?- und unser Gespräch stockt immer wieder, aber es tut mir gut. Danach gehen wir noch ein Eis essen bei Strega nocciola (= Nusshexe), ich mag den Namen besonders und probiere dort ein Lavendeleis! Nico hat alles heute bezahlt und ich fühle mich gut umsorgt.
Wir verabschieden uns nach ca. 2h und mir geht es ENDLICH besser. Ich wurde und habe mich selbst eine Woche emotional durch einen Fleischwolf gedreht und bin jetzt endlich wieder geerdet. Persönliche Kontakte sind (leider) einfach was anderes. Und vielleicht ist es auch Nico, dem ich mehr vertraue als manch anderen in Italien.
Statt ein Fahrrad (kack Mietfahrräder!) zu nehmen, laufe ich nach Hause – heute einen anderen Weg als sonst. Ich glaube, man kann am besten neue Wege gehen, wenn man sich sonst sicher fühlt, wenn man Kapazitäten hat. Ansonsten geht man eher die gewohnten Wege, um nicht noch mehr „belastet“ zu sein/neue Dinge verarbeiten zu müssen. Neue Wege sind wichtig für Inspiration und Weiterentwicklung. Mein Fazit: Versuche nur soviel Belastung zuzulassen, dass du noch 5-20% für neue Wege übrig hast (je nach Lebenssituation und -prioritäten).
Als ich fast am AirBnB bin und mir die Gegend wieder vertraut vorkommt, kommt mir ein Gedanke, den ich schon oft hatte. Man sagt ja immer ganz romantisch „home is where your heart is“. Für mich ist es eher „Zuhause ist dort, wo man am öftesten zurückkommt“: Nach Ausflügen, Reisen oder auch manchmal im Alltag nach einem aufregenden Tag kommt man an einen Ort. Und je öfter man dahin zurückkommt, nach Zerstreuung, nach Verpflichtungen, nach Anstrengungen, desto mehr wird es zum Zuhause – so empfinde ich das.
24. Juni
Heute ist Feiertag in Italien, weswegen der coworking space etwas anders funktioniert. Er ist sehr leer, der normale space ist voll mit Müll weil dort gestern eine Party gefeiert wurde und es werden diverse Reparaturen am und im Haus gemacht. Wir sind ein paar coworker (ca. 20, sonst sind es ca. 100?) und werden in verschiedene Räumen hin- und hergeschoben, um bei den Bauarbeiten nicht im Weg zu sein. Aber das is nicht so schlimm, mir gefällt der Ausnahmezustand. Draußen schüttet es wie aus Kübeln, es ist relativ kalt, im space ist das Licht gedimmt und irgendwie fühle ich mich wie bei einer Übernachtungsparty :-D
Heute ist mal eine Frau meine Barista für den morgendlichen Kaffee. Wir quatschen nett und sie macht mir Komplimente für mein Italienisch – made my day!
Als ich abends nach Hause laufe, stelle ich fest, dass mir Florenz sogar wolkig und regnerisch gefällt. Ob das wohl an der Fremde im Allgemeinen liegt, die mir grundsätzlich etwas besser gefällt (Barney Stinson: Neu ist immer besser)?! Ist Neues immer spannend, auch wenn es genauso ungemütlich/kalt/grau ist wie Zuhause?
25. Juni
Hab ich schon erwähnt, dass Mietfahrräder mich nerven?! Heute hab ich 5 scheiß Sekunden zu lange gebraucht und deswegen 1,50€ mehr bezahlt (Die Räder kosten alle 15min 1,50€ und ich brauche meistens 17-18 Minuten zum space). Und es ist auf den Dingern sowieso mega stressig, weil ich immer gegen die Zeit fahre. Morgens. Im Berufsverkehr. In Italien. In Florenz. In der Hauptsaison. In den engen Straßen, wo man nicht überholen kann. Ich will mein Fahrrad zurüüüüück :-(
Florenz lässt heute mal wieder seinen Charme spielen und alle sind furchtbar nett. Ich grüße so viele Leute wie in den letzten drei Wochen nicht, weil irgendwie alle da sind und man sich mittlerweile mal kurz irgendwie unterhalten hat.
Und ich stelle mal wieder fest, wie interessant und falsch manche Vorurteile sind: „BOAH, die is ja mega arrogant!“ – im Gespräch stelle ich dann fest, dass sie mega lieb und z.B. einfach unsicher oder schüchtern ist. Hm. Ups. Denk‘ mal drüber nach, Lea!
26. Juni
…und heute rede ich wieder mit sehr vielen Leuten – mit mehr als in den letzten vier Wochen (an einem Tag). Es sind nur kurze Gespräche, aber es tut mir trotzdem gut. Nur schade, dass das jetzt erst passiert, kurz bevor ich gehe (noch 4 Tage!).
Abends treffe ich mich das letzte Mal mit Nico. Wir trinken einen Wein und hören selbstgeschriebene Live-Musik von zwei sehr charakteristischen Musikern auf einer winzigen Bühne, mitten im Grünen. Wieder bezahlt er den Wein. Über einen Kumpel in Deutschland habe ich erfahren, dass Italiener quasi alles bezahlen, weil ich ein Gast in ihrem Land bin und das normal für sie ist. Besuch ist ja dann ganz schön teuer! Finde ich trotzdem eine mega schöne Geste und es macht tatsächlich was bzgl. dem sich-willkommen-fühlen.
Reem, meine Nachbarin, hat mich heute zum gemeinsamen Kochen in ihrer Wohnung eingeladen. Wir machen Tacos mit Blumenkohl und es schmeckt mega lecker. Dazu trinken wir eine ganze Flasche Wein, quatschen auf dem Balkon, freuen uns über ihre zuckersüße Katze (ihr Charakter erinnert mich sehr an Nuri <3 ) und haben interessante Gespräche. Sie sieht mich auf eine Art, wie mich bisher noch niemand gesehen hat – vermutlich (auch), weil sie mich zu einem anderen Zeitpunkt kennengelernt hat. Und vielleicht wegen ihrem kulturellen Background? Wir sprechen auch ein bisschen über die arabische Kultur und dass es sie sehr nervt, dass viele Leute in Europa ganz fassungslos über manche Bräuche sind und diese nicht verstehen können. Reems Kulturschock bestünde hauptsächlich darin, den Kulturschock von Italienern mit ihrer Kultur zu verarbeiten. Das finde ich sehr interessant, die Sichtweise.
Gegen 1 Uhr gehe ich rüber zu meiner Gastwohnung, mit Vesper für morgen Mittag + Nachtisch (so lieb von Reem!) in der Taschr und schlafe extrem gut: das erste Mal nerven mich keine Mücken, sondern ich schlafe einfach durch. Ob es wohl am Wein lag?
Ich habe den Abend seeehr genossen und bin traurig, dass Reem und ich nicht näher beieinander wohnen. Aber wer weiß was noch kommt – und sie kennengelernt zu haben ist so oder so ein Gewinn :-)
27. Juni
Wie erwartet bin ich extrem müde: um 8.30h hab ich heute meinen ersten Termin – Killer! Aber ich übe heute Pünktlichkeit und stehe besonders früh auf, um entspannter in den Tag zu starten. Tatsächlich klappt es und ich bin sehr stolz auf mich.
Der Tag ist recht anstrengend: ich habe ein konfliktbeladenes Gespräch mit einer Kollegin, überlege hin und her, ob ich den Laptop doch mit nach Kanada nehmen möchte, habe Yoga- und Kochkurs.
Ich übersteh alles, lerne ein paar neue Italiener kennen, bekomme leckeres Essen von Valentina, der Köchin, und verabschiede mich von ihr. Sie ist wahnsinnig herzlich und nimmt mich in den Arm. Das habe ich dringend gebraucht!
Abends laufe ich wieder ein Stück, um weniger für mein Mietfahrrad zu bezahlen und versuche dabei immer, neue Wege zu gehen. Seltsamerweise lande ich aber bereits nach 2-3 neuen Straßen wieder auf denselben Wegen (…und es gibt sicher 100 Alternativen). Wie metaphorisch…
28. Juni
Heute packe ich meinen Koffer und versende ein paar Sachen damit nach Deutschland, damit ich in Kanada leichter reisen kann. Meinen Laptop behalte ich – notfalls könnte ich ihn am Montag noch versenden. Es klappt alles problemlos und ich hoffe, dass er gut ankommt. Fühlt sich sehr seltsam an, die ganzen Sachen einfach loszuschicken, ohne selbst mitzureisen.
Abends bin ich das erste Mal bei „Friday drinks“ im coworking space (coworker bekommen für eine Stunde kostenlose Drinks + ein DJ spielt im Innenhof). Vorher gehe ich noch etwas in den Pool, weil es heute sehr heiß ist. Dort treffe ich Sara und wir quatschen ein bisschen. Das tut gut, denn sie fragt mehr als andere und ich kann mich endlich mal in Person über die Sache mit Danilo austauschen – zumindest oberflächlich.
Nach den Friday drinks sitzen wir in einer größeren Runde noch im Hof. Außer mir ist noch ein deutsches Pärchen dabei, sonst sitzen nur Italiener und Italienerinnen am Tisch. Leider ist es schwer, sich zu integrieren und mitzureden, was mich mal wieder etwas traurig macht. Die meisten schauen mich nicht mal an, sondern reden mit den anderen. Als die Runde etwas kleiner wird, kann ich mich mehr einbringen und wir entscheiden uns dafür, gemeinsam was Essen zu gehen - der Prozess nimmt ungefähr 1,5 Stunden in Anspruch: Wer will mit? Wohin gehen wir? Ich muss noch kurz auf’s Klo. Wo ist Milo? Fährst du mit mir im Auto oder nimmst du deinen Roller? …Diskussionen über Diskussionen – aber endlich sitzen wir bei Sara im Auto und fahren zumindest mal in ein Viertel, auf das wir uns einigen konnten (Nein, auf ein Restaurant konnten wir uns nicht einigen). Im Auto ist es ziemlich lustig und ich bin froh, dass ich mitgekommen bin. Und Hunger hab ich natürlich sowieso (wie immer…).
Zu siebt quetschen wir uns in einen kleinen Imbiss, der eine Art Kebab verkauft, aber gefüllt mit italienischen Zutaten und aufgewärmtem Käse – super lecker! Ich gönne mir noch einen süßen „Kebab“ im Anschluss. Laura, eine Italienerin aus Florenz, erzählt, dass es normalerweise um die Zeit deutlich wärmer in Florenz sei – und im August kaum auszuhalten, weil es über 40 Grad seien. Ohwei!
Nach und nach verabschieden sich alle, ich quatsche noch kurz mit Sara und Cosimo, dann verabschieden wir uns - ohne Umarmung… die Florenzer sind wirklich vergleichsweise distanziert, finde ich.
Auf meinem Heimweg laufe ich endlich andere/neue Wege – durch die fremde Hilfe heute, die mich in ein neues Viertel gebracht hat, in dem icj vorher noch nicht war? …auch wieder metaphorisch sehr interessant.
Überall steht Polizei und räumt die Straßen frei, weil morgen die Tour de France in Florenz startet – das allererste Mal in der Geschicht der Tour de France, startet sie in Italien, ausgerechnet in Florenz! Mega cool. Die Polizei schleppt massenweise Roller vom Straßenrand ab, was total Sinn ergibt, aber: Was für ein Aufwand! Damit die Räder für 2 Sekunden durch diese Straße fahren können. Menschen sind manchmal schon sehr verrückt.
29. Juni
Heute startet die Tour de France – ausgerechnet in Florenz während ich da bin! Leider sehe ich wegen meiner Verpeiltheit nicht viel davon, bin aber froh, die Menschenmassen dadurch umgehen zu können.
Ich fahre wieder zum space und will heute das erste Mal richtig den Pool auf der Dachterrasse nutzen, den ich bisher noch gar nicht genutzt hab. Vorher setze ich mich kurz an den Flügel im Eingangsbereich und spiele – was theoretisch ein sehr großer Genuss wäre, aber ich werde durch vorbeilaufende Leute, Hintergrundmusik und Gespräche an der Rezeption stark abgelenkt. Das ist sehr schade, da der Flügel fantastisch klingt und wirklich toll zu spielen ist.
Dann hole ich mir kurz einen Cappuccino an der Bar und fahre rauf zum Pool. Sara und einige andere aus dem space sind auch wieder da und wir quatschen ein bisschen – was mir ganz gut tut. Außerdem ist es heute unfassbar warm (ca. 33 Grad), sodass ich SEHR froh über die Abkühlung bin. Perfekt!
Als der Pool schließt, fahre ich mit einem Mietfahrrad zu Decathlon. Denn ich habe beschlossen, dass ich endlich einen neuen Rucksack brauche. Vor allem, da der Laptop mit nach Kanada soll. Und der alte Rucksack ist nur noch unter Ächzen und Stöhnen in der Lage, etwas so Schweres wie einen Laptop zu transportieren. Einen Rucksack finde ich tatsächlich (nach 2 Jahren Suche!), aber ich brauche noch Zeit zum Überlegen. Mein alter Rucksack begleitet mich seit 14 Jahren, seit ich ausgezogen bin, über mein ganzes Studium und den Berufseinstieg hinweg und er hat mich treu während meiner letzten Reise begleitet. Ist also etwas emotional, das ganze Unterfangen. Morgen treffe ich eine Entscheidung!
Abends spielt Italien gegen die Schweiz und im Anschluss ans public viewing im space gehe ich mit Sara, Laura (eine Deutsche) und Cosimo noch was essen. Die Runde ist sehr nett und ich habe viel Spaß: Sara und Laura nehmen Cosimos Datingleben unter die Lupe, wir lachen viel und ich beobachte das Spiel zwischen den dreien (…die Psychologin in mir…). Auch ist das Essen sehr lecker und teilweise ungewöhnlich (kalte Pasta mit roter Beete und Passionsfrucht).
Danach fahren wir mit Saras Auto in eine Art Biergarten (aber schöner) am Arno. Dort sitzen einige andere Leute aus dem space. Es ist eine lustige Runde, coole Gesprächsthemen und ich mag die Interaktionen. Sara ermahnt die anderen immer wieder, dass sie auf Englisch sprechen sollen, damit ich es verstehen kann; aber meistens fallen sie dann doch wieder zurück (was ich verstehen kann). Ich höre ihnen sehr gerne zu, weil ich dann viel lernen kann, dafür bin ich aber immer etwas außen vor. Mittlerweile verstehe ich zwar deutlich mehr Details als am Anfang, aber noch lange nicht genug (und vor allem nicht schnell genug), um mit einzusteigen.
30. Juni
Heute ist der – letzte – allerletzte – letzte (ganze) Tag in Florenz !!
Gestern hatte ich das Gefühl, endlich etwas italienische Kultur zu schnuppern. Und ich denke darüber nach, dass es mega ist, wie connected die Welt mittlerweile ist. Allerdings verwässert das auch die einzelnen Kulturen stärker und es macht deren ganz eigenen Charakter weniger spürbar. Das find ich schade. Denn gerade die Unterschiede machen das Reisen so interessant und lehrreich. Dafür macht die Globalisierung das Ankommen und die Integration vermutlich leichter, weil der Unterschied nich so groß is und dementsprechend weniger Missverständnisse aufkommen.
Heute habe ich endlich eine Gesangsstunde mit Anna (meiner Gastgeberin)! Sie ist professionelle Opernsängerin und wir hatten das schon direkt bei meiner Ankunft ins Auge gefasst. Leider war sie zwischendurch 10 Tage weg, sodass wir es erst heute schaffen. Es ist eine tolle Stunde und ich bin dankbar, dass ich die Gelegenheit hatte! Außerdem melde ich mich heute endgültig von der Arbeit ab (Abwesenheitsmails etc.) - für zwei Monate! Das ist verrückt.
Ich fahre heute wieder in den space zum Pool und denke viel nach. Eigentlich wollten einige Leute von gestern Abend heute zum Pool kommen, aber alle haben sich spontan umentschieden. Ich liege den ganzen Tag rum, denke viel nach und fang mir einen heftigen Sonnenbrand ein (Beine und Oberkörper), der mehrere Tage echt krass weh tut. Ups!!
Später kommen Laura und Caterina mich noch am Pool besuchen. Caterina besitzt einen Buchladen unten im space und kommt eigentlich aus Bologna. Sie erklärt mir, dass man sich auf Aussagen, die sich auf die Zukunft beziehen, bei Italienern nicht verlassen sollte – und ich deswegen nicht verwundert sein soll, dass heute keiner zum Pool gekommen ist. Mich verwundert es trotzdem etwas, weil mir das so bisher nicht begegnet ist und sich alle an die Abmachungen gehalten haben; aber trotzdem kann das ja eine häufigere Verhaltensweise sein und ich akzeptiere das so für künftige Gelegenheiten. Caterina lästert außerdem kräftig über Florenz ab: es gebe zu wenige Grünflächen, kein gutes Essen, keine richtige Kultur und die Florenzer seien so distanziert. Ansonsten war es sehr nett mit den beiden und wir verabschieden uns später herzlich – sogar mit Umarmung!
Gleich treffe ich mich mit Lorenzo zum Abendessen und Tschüss-Sagen.
Vorher kaufe ich den neuen Rucksack. Als ich den alten und den neuen nebeneinander stelle, sackt mir das Herz in die Hose. 14 Jahre lang hat mich der kleine Racker durch die Welt -im wahrsten Sinne- begleitet und jetzt wird er im Müll landen…
Lorenzo holt mich mit dem Auto ab und wir fahren in eine Art Bar am Arno, weiter abseits von der Innenstadt. Es ist extrem fancy hier und ich finde es schade, dass ich die Bar nicht schon vorher entdeckt hab. Wie so oft mit Lorenzo sprechen wir über Metathemen, wie die „Touristifizierung“ italienischer Städte. Venedig sei als erstes gefallen, als nächstes seien Florenz und Bologna dran, glaubt er. Er sehe den Trend an den extrem hohen Mietpreisen, die von Italienerinnen und Italienern nicht mehr bezahlt werden könnten. Auch in Venedig lebten quasi keine Italiener:innen mehr, denn das sei mittlerweile zu teuer. Sie leben in einem bestimmten Ort außerhalb von Venedig, fahren für die Arbeit in die Stadt und fahren abends wieder nach Hause. Wie in einem Themepark… Leider fallen mir keine wirklichen Lösungen ein, für dieses Phänomen. Außer bessere Arbeitsbedingungen (z.B. Arbeitsverträge !!), mehr Gehalt, politische Grenzsetzung bzgl. Tourismus/AirBnBs. Sehr schwierig! Vielleicht müssen wir uns in ein paar Jahren auf Städte bewerben, um sie touristisch besuchen zu können.
Immer wieder frage ich mich, warum es „auf einmal“ so heftig viele Touristen gibt? Steigt der Lebensstandard? Verführt Insta alle zum Reisen? Hat das was mit Corona zu tun? Sind wir einfach zu viele Menschen?
Danach fahren wir in ein sizilianisches Restaurant am Berg von Florenz mit schöner Terrasse und Blick auf Florenz. Das ist mal ein geeigneter Ort für meinen letzten Abend! Wir reden viel über’s Reisen. Er ist u.a. durch seine Forschungstätigkeiten viel in der Welt herumgekommen und findet langsam zur Ruhe. Es ist spannend, mit ihm darüber zu sprechen, weil wir uns ähnlich sind – nur, dass er einige Jahre weiter ist. Er sagt, dass er langsam satt ist vom Reisen, dass man sich an Vieles gewöhnt und das dann weniger spektakulär wird (eine Frage, die ich mir in Neuseeland gestellt hab und die jetzt -5 Jahre später- beantwortet wird, zumindest aus einer Perspektive). Und dass man die Aufregung des Reisens, die Abwechslung, auch an einem Ort finden kann – man muss sich nur darum kümmern. Wir sprechen auch über Freud und dessen Ansicht, dass man manche Dinge vergisst oder verlegt, weil sie einen an Gedanken / Gefühle erinnert, die schmerzhaft sind.
Nach dem Essen fahren wir noch ein Stück den Berg rauf und stellen uns an die Brüstung einer Kirchenterrasse – ebenfalls mit Blick auf Florenz. Und philosophieren weiter über das Leben. Es ist wahnsinnig inspirierend und dieser Abend wird mir lange in Erinnerung bleiben.
Lorenzo fährt mich nach Hause und verabschiedet sich mit den Worten: „Wir sehen uns!“ …langsam wird mir richtig klar, dass ich WIRKLICH gehe. Wirklich, wirklich.Read more











