#25 - Kampf und Setup
July 3, 2024 in Canada ⋅ ☀️ 28 °C
3. Juli
Ich habe starkes Heimweh nach Italien. Mir kommt alles kalt, leblos und viel zu groß vor. Es wirkt so zerstreut, ohne Verbindung und anonymer. Und ich versuche erneut mein Glück bzgl. Kaffee und bekomme einen grauenvollen, viel zu großen Cappuccino. Das macht das Heimweh nicht gerade besser – wenn nicht mal mein täglicher Bedarf an gutem Kaffee annähernd gedeckt wird!
Immerhin verstehen die meisten hier sehr gut Englisch, sodass ich endlich mal wieder etwas Persönlichkeit in die Konversationen einfließen lassen kann. Vorher war es ja eher beschränkt auf: ich heiße, ich arbeite, ich möchte, bitte, danke.
Und ich kann hier endlich wieder selbst kochen !!! Nach mehr als fünf Wochen… Das ist definitiv was wert!
Auf den Straßen fällt mir auf, dass Obdachlose sehr gepflegt und höflich sind. Manche erkenne ich gar nicht richtig als Obdachlose. Offensichtlich, scheint es hier ein gutes Unterstützungssystem für sie zu geben.
Manchmal vergesse ich, dass ich in Kanada bin und denke, dass ich irgendwo in Frankreich gelandet bin. Etwas außerhalb der Innenstadt gibt es kleinere Häuser, mehr Parks – sodass auch mehr Französisch gesprochen wird und es eher kleine Läden gibt, die deutlich mehr nach authentischer Kultur aussehen, als in meinem Viertel, wo das Hostel steht (ist mitten im Touriviertel, in der Altstadt von Montréal).
Es wird schwierig, mich auf Kanada einzulassen. Aber Geduld. Wuuusaaaa!
Ich glaub ich weiß jetzt, warum es mich ankotzt, mich vorher über Städte und deren Sehenswürdigkeiten zu informieren:
1) es ist ein Abarbeiten von Todos und das hab ich im Alltag schon genug
2) weniger Platz für Spontaneität, oft viel Platz für Stress (weil man will es ja alles erledigen)
3) es fühlt sich an, wie zur Schule gehen: sich zu informieren ist hilfreich und interessant, aber ich will lieber meiner eigenen Neugier folgen. Das ist für mich ein deutlich größerer Genuss
Und so verlief mein erster richtiger Tag in Kanada:
Der Plan: kanadische Simkarte (erst informieren, dann kaufen) – weniger touristisches Viertel besuchen – Lebensmittel einkaufen – Mails checken – Blog schreiben
Die Realität: hab direkt einen sehr guten Deal für die SIM-Karte gefunden und dazu eine sehr nette Konversation – hab zufällig WLAN in der Stadt gefunden und konnte so in Ruhe mit einer Freundin telefonieren, um etwas runterzukommen – bin zufällig in einem schönen Park gelandet, der mich geerdet hat – hab drei Bücher und neue Lieblingsohrringe gefunden – bin zufällig an einem guten Lebensmittelladen vorbeigekommen – habe live elektronische Musik in einem Park gefunden – habe viel Street Art gefunden (u.a. im Studentenviertel, weit abseits der Innenstadt) – und hab etwas gefunden, was ich dringend brauchte! alles Notwendige erledigt, ohne Plan, mit Bauchgefühl. Heute Abend geht es mir ein kleines Bisschen besser!
4. Juli
Heute sitze ich vier Stunden lang am Laptop und erledige Orgakram (und damit war es noch nicht getan). U.a. informiere ich mich über Workaways und fühle mich auch hier verloren: es gibt zu viele Optionen, zu lose, zu weit verstreut. Außerdem muss ich mich um Nurisitting kümmern, weil meine Zwischenmieterin Ende Juli schon die Wohnung verlässt. Das belastet mich.
Außerdem sind gerade so viele Umstellungen: Ich bin im Hostel ( keine Privatsphäre, wenig Platz für den eigenen Kram, leider recht dreckig und viele Sachen sind kaputt), ich hab jetzt Urlaub (keine Struktur mehr), bin in einer anderen Kultur und ich hab so viele Eindrücke in Italien gesammelt, ohne Zeit für Verarbeitung zu haben. Stattdesssen muss ich mich hier direkt neu orientieren und viele Entscheidungen treffen – sonst fühlt sich die Zeit verschwendet an.
Durch den Leerlauf um mich herum, denke ich viel nach: Letztendlich kommt es beim Reisen nicht darauf an, was man sieht, sondern darauf, was es in einem auslöst
Abends wird im Hostel Poutine serviert (Pommes mit Bratensoße und sowas wie Mozzarella) - kostenfrei für eine gute Bewertung des Hostels. Ein bisschen wie Bestechung...
Immerhin bekomme ich heute kostenloses Essen im sonst ziemlich teuren Kanada/Montréal und komme mit ein paar Franzosen ins Gespräch. Sie sprechen ganz ok Englisch, aber wieder bin ich die Außenseiterin - denn untereinander verstehen sie sich super und sprechen wegen mir Englisch, fallen öfter ins Französische zurück. Außerdem verstehen sie viele Nuancen nicht, dh es kommt zu Missverständnissen. Oh man ! Das nervt langsam. Sie sind trotzdem nett und ich bin froh, nicht alleine essen zu müssen. Learnings:
1) Franzosen lernen zwar ab ca. 12 Jahren Englisch, aber sie meinen, dass man damit nicht wirklich sprechen lernt. Das Niveau des Unterrichts sei zu schlecht, weswegen auch von der jüngeren Generation nur ca 20% einigermaßen gutes Englisch sprechen würden.
2) Die Kanadier sprechen wohl Französisch, aber mit einem sehr starken Akzent, sagt mir der eine. Und sie nutzen Wörter, die seine Ururgroßmutter genutzt hat. Witzig!
Die beiden Franzosen und ich beschließen, uns das Feuerwerk am Hafen anzuschauen. Wir treffen noch zwei Freunde von dem einen (…die sich auch erst seit ein paar Tagen kennen, aber so ist das ja beim Reisen) und schlendern dann gemeinsam zum Feuerwerk.
Jede Woche präsentieren verschiedene Länder ein eigens zusammengestelltes Feuerwerk und nehmen so an einem Wettbewerb für das tollste Feuerwerk teil. Heute ist Japan dran. …und es pilgert gefühlt die halbe Stadt an den Hafen, als gäbe es hier ein fettes kostenloses Konzert.
Danach trinken wir einen französischen Schnaps namens Pastis mit Mandelsirup und Wasser. Man schmeckt den Alkohol quasi nicht, weil es so süß und verdünnt ist. Die Mischung schmeckt sehr ähnlich wie Sambuca.
5. Juli
Heute habe ich etwas mehr Energie und beschließe, endlich eine Entscheidung für meine workaway-Pläne zu treffen. Was brauche ich dafür? Einen Ort, an dem ich mich wohlfühle und einen guten Kaffee! Schnell habe ich ein sehr gemütliches, alternatives Café um die Ecke gefunden und sitze einige Stunden dort. Und sogar der Kaffee ist sehr gut!! Finallyyyyy! Die meisten Cafés, die ich bisher in Montréal gefunden hab, sind irgendwie sehr ungemütlich aus. So groß und clean, mit Plastikstühlen und minimalistischer Deko in viel zu großen Räumen. Und ich kann den ekelhaften Starbucks-Kaffee aus 100m riechen (denn genau so riechen diese Cafés, auch wenn sie nicht zur Kette gehören). Und jetzt -endlich- habe ich richtig angefangen, meine workaways zu organisieren.
Heute wechsle ich das Hostel, weil in meinem Hostel die female dorms ausgebucht waren. Ich bin nicht begeistert von dem Hostel, aber es ist etwas sauberer, als das andere. Für eine Nacht wird es passen: Ein workaway hat schnell geantwortet und ich kann morgen schon zu ihnen fahren! Wie aufregeeend!
Einkaufen: sämtliche meiner Werte werden hier NICHT umgesetzt. Ein Haufen Fertiggerichte (ca. 50% der Waren), haufenweise Nahrungsergänzungsmittel (ungefähr 10 Regale voll), Gemüse in Plastik verpackt, sodass man einzelne, frische Sachen nur selten kaufen kann (was als Backpacker echt scheiße is, weil ich keine Lust hab 400g Karotten durch die Gegend zu schleppen), sowas wie reine Haferflocken habe ich bisher nicht gefunden (alles ist mit Früchten, Honig und irgendwelchen Zusätzen versetzt...). UFF! Vermutlich muss ich mich hier erst orientieren und die richtigen Produkte finden, aber es kostet mich viel Energie.
Ich denke, man muss erst lernen, ein neues Land zu lieben. Beim Heimatland hat man seine Inseln schon gefunden. Es hilft, wenn man sich vorher schon fernverliebt hat. Das is bei mir und Kanada eher nicht so. Ich wollte schon immer nach Kanada, aus Neugierde, aber es war kein leidenschaftlicher Wunsch, sondern eher eine Ahnung, dass es interessant sein könnte.
Vieles erinnert mich an die USA, u.a. die heftigen Klimaanlagen. Es ist sehr warm in Montréal, ca. 27-30°C) und die Klimaanlagen sind so stark eingestellt, dass einem kalt wird und draußen ist es zu warm. Diese Scheiße werde ich nie verstehen - erst recht nicht seitdem der Klimawandel immer präsenter wird. Diese Vollidioten, wirklich!
Man sollte nicht tun was eigentlich richtig wäre, sondern das, was sich tatsächlich richtig anfühlt.
Abends gegen 17 Uhr, mit einem Haferkaffee (endlich wieder!) und einem Buch auf einer Bank im Park finde ich endlich etwas zu mir. Städte quetschen alle Energie aus mir und die Flucht in die Gedankenwelt hilft mir, mich zu grounden.
Immerhin falle ich hier nicht so auf: viele Kanadier laufen mit Turnschuhen und Trekking-/ funktionalen Rucksäcken rum. In Italien wurde ich eher abfällig angeschaut, weil ich so verratzt rumlaufe. Kanadier scheinen mich fast schon mit einem besonderen Respekt zu behandeln, weil sie die Reisende und nicht die abgeratzte, geschmacklos gekleidete Frau sehen. Auch das: ein großer Unterschied und (deshalb) sehr interessant!
Im Hostel quatsche ich noch ein bisschen mit einem lieben Belgier. Wir haben uns gestern Abend kennen gelernt und er spricht zum Glück sehr gutes Englisch. Wir regen uns über die Klimaanlagen und die steuerlosen Preise auf – das tut gut! Dann gehe ich etwas aufgeregt schlafen, weil es morgen weiter geht (mit dem Bus…. !!) und dort mein erstes Workaway startet.
Zu den steuerlosen Preisen: Preise werden hier grundsätzlich ohne Steuern angegeben, d.h. es is immer eine Überraschung wieviel man tatsächlich bezahlt. Die einzige Ausnahme: Lebensmittel. Da sind die Steuern schon inbegriffen, in den angegebenen Preisen. Keine Ahnung, wer auf diese komische Idee gekommen ist.
6. Juli
Heute fahre ich mit dem Bus nach Québec City zu meiner ersten workaway: eine kleine Familie, bestehend aus einem Kanadier, einer Italienerin (juhuu!) und ihrem kleinen Sohn. Ich bin sehr nervös und aufgeregt und freue mich auch!
Bevor ich in den Bus steige, hole ich mir noch einen Haferkaffee und gerate super spontan in ein Gespräch mit einem 24-jährigen Kanadier, der mich auf mein Backpack anspricht. Er erzählt mir, dass er heute für zwei Monate nach Europa reist, mit Interrail. Coole Sache! Er wirkt seltsam distanziert und gleichzeitig sehr offen, was mich etwas irritiert. Aber er ist sehr nett und versucht, mir ein paar Tipps für Kanada zu geben (die sich im Nachhinein als nutzlos herausstellen :-D ). Wir wünschen einander eine gute Reise – und los geht’s zum Busbahnhof!
Es geht alles glatt, ich bin pünktlich zum Bus und die Fahrt ist problemlos und kurzweilig. Keine Ahnung, was da lost ist, dass Busfahren gut funktioniert :-D Aber sei’s drum – ich freu mich drüber!
Während der Busfahrt plane ich die nächsten Workaways und verstehe endlich: Kanada kann man nicht vollständig bereisen, dafür ist es viiiel zu groß – erst recht nicht in 6 Wochen. Man sollte sich auf ein oder zwei states konzentrieren, sonst würde es stressig werden, bestünde hauptsächlich aus rumfahren und der Genuss ginge flöten. Also: fomo (fear of missing out) regulieren und ausgewählte Orte genießen, ist jetzt mein Motto!
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Québec City
Ich steige aus dem Bus aus, laufe durch den Bahnhof und spüre direkt: Hier ist es deutlich entspannter, als in Montréal! Aaaaaah! Endlich bessere Energie, mehr Zeit zum Atmen, mehr Raum.
Die Häuser und die Straßen sind kleiner, älter und schöner. Ich laufe direkt zum Laden meiner Gastfamilie. Jess, die Mutter, hat einen Massageladen und eine ihrer Mitarbeiterinnen nimmt mich in Empfang. Jess ist gegen 18 Uhr fertig, dann fahren wir zu ihrem Haus, was ca. 45min nördlich von Québec City (der state heißt auch Québec, deshalb sagt man immer das „City“ dazu) ist.
Bis dahin lasse ich meinen großen Rucksack im Laden und erkunde ein bisschen Québec City. Die Mitarbeiterin schickt mich interessanterweise nicht in die Tourigegend, sondern zur Fressmeile (kommt mir ganz gelegen). Dort kaufe ich noch ein Gastgeschenk für den kleinen Ash, trinke einen Kaffee, lese etwas und esse ein Banh Mi (eigentlich ein vietnamesisches Baguette, was hier auch sehr lecker gemacht wurde). Da das Wetter nur so mittelmäßig ist und meine Batterien noch leergesaugt von Montréal sind, bleibe ich bis 17 Uhr dort. Mache dann einen kleinen Schlenker zu einem Restaurant, das „Hobbit“ heißt und lande witzigerweise in einer anderen Fressmeilen-Straße. So mag ich das!
Dann schreibt mir Jess, dass sie jetzt fertig sei und ich zum Laden kommen könne, damit wir losfahren könnten. Ich will pünktlich sein und mache mich etwas gestresst auf den Weg. Der erste Eindruck soll gut sein!
…Fortsetzung folgt: Workaways werde ich jeweils in einem Beitrag zusammenfassen, daher folgt der Rest im nächsten Beitrag.Read more











