Lucky Chinatown
Apr 14–16 on the Philippines ⋅ ☀️ 34 °C
Manila // Wegen meiner ständig rumorenden Schulter habe ich mal wieder eine kurze Nacht. Von der Straße hat man wegen der Jeepneys eine permanente Geräuschkulisse. Bis in den 15. Stock hört man die alten Motoren und das Hupen der Fahrzeuge. Früh um sieben kommen dann noch die melodischen Weisen aus der Morgenmesse der Basilica of Saint Lorenzo Ruiz gleich nebenan dazu. Die "Veranstaltung" wird akustisch auch nach draußen übertragen. Uns ist gestern Abend schon aufgefallen, dass die Priester sehr wohlklingende Stimmen haben.
Nach dem Frühstück machen wir uns auf die Socken, um den Drachenkopf abzuholen. Der Verkäufer erkennt uns wieder und wir machen ihm klar, dass das Teil ins Handgepäck MUSS. Den Kopf im Karton aufzugeben ist keine Option. Er wurde aus Pappmaché gefertigt und käme vermutlich zerstört in Amsterdam an. Wir haben auch eine "Mustertasche" in der Größe eines vernünftigen Handgepäcks mit. Der Drachenkopf weigert sich hartnäckig, dort hineinzupassen. Nervöses Blinzeln auf mindestens einer Seite. Wie Männer so sind, versichern mir alle drei, dass das schon irgendwie gehen wird. Ich bleibe eher skeptisch. Wir nehmen den Kopf trotzdem mit. Im Extremfall müssen wir ihn in Amsterdam eben bei DHL aufgeben. Der ganze Verkaufsvorgang ist wieder mal eine Art schönstes Ferienerlebnis. Die Filipinos sind so tiefenentspannt und kommunikativ. "Woher kommt Ihr, wohin wollt Ihr?" Wir bekommen mitgeteilt, wie preiswert man doch in China urlaubt und wo man dort am besten einkauft oder wohin wir als nächstes auf den Philippinen fahren sollen. Wir haben bei unserem Verkaufsgespräch heute den Vorteil, als Erste "an der Kasse zu stehen". Einkaufen ist auf den Philippinen immer sehr spannend, vor allem das Stehen an der Kasse. Die VerkäuferInnen machen gern einen ausgedehnten Schwatz mit jedem Kunden, auch wenn sich bereits eine Schlange gebildet hat. Das bedeutet, dass man hier eigentlich immer in einer Schlange steht. Oder sie rennen auch mal weg, um eine spezielle Einkaufstüte zu holen, obwohl hinter der Kasse gefühlt hundert verschiedene Größen liegen. Auch die anderen drei VerkäuferInnen, die daneben stehen und gerade nicht zu tun haben, können nicht mal eben einspringen. 😉 Unsere Erfahrung: Einkaufen auf den Philippinen geht nie schnell. In jedem Supermarkt findet eine nie enden wollende Inventur statt. Es wird gezählt, was das Zeug hält. Das geht meistens auch nicht allein. In den ohnehin schon engen Regalgängen sind immer mindestens zwei oder drei VerkäuferInnen gleichzeitig zu Gange. Klar, es müssen ja schließlich alle möglichen Neuigkeiten ausgetauscht werden. Gestern sehe ich einen Verkäufer, der beim Zählen offenbar eingeschlafen ist und mit dem Kopf am Regal lehnt. Ich höre jetzt mal auf zu lästern. Es ist aber ein so dankbares Thema. Ich könnte stundenlang diesem Treiben folgen. 😉
Wir haben noch Zeit, bis wir zum Flughafen müssen und laufen zur Lucky Chinatown Mall. Es ist heute ziemlich heiß, in einer Mall kann man prima runterkühlen. Unterwegs spricht mich ein älterer Herr an, der mir anbietet, uns den Seng Guan Temple zu zeigen. Wir unterhalten uns zwar nett, aber meistens folgt solchen Gefälligkeiten irgendwann die Bitte nach einer Entlohnung. Mit einer Ausrede ziehen wir uns aus der Affäre. Nachdem wir in der Mall unser letztes Geld ausgeben haben, laufen wir dann aber doch noch einmal in Richtung Tempel los. Eigentlich ist der Weg nicht weit, aber bei diesen Temperaturen läuft bald der Schweiß in Strömen. Wir sind mittlerweile in einer sehr ärmlichen Gegend unterwegs. Es ist nicht so, dass wir uns fürchten müssten, aber man schaut schon etwas aufmerksamer nach links und rechts. Geld haben wir ohnehin nicht mehr. Hier sind sehr viele Leute damit beschäftigt, einfachen Tätigkeiten nachzugehen. Waren werden auf Karren von A nach B transportiert, es wird viel repariert. Manche Leute in diesem Viertel können sich offenbar nicht mal ein Paar Schuhe leisten. Wir fallen auf jeden Fall auf. Zurück möchte ich deshalb gern ein Grab nehmen.
Völlig verschwitzt kommen wir am Tempel an. Hoffentlich verlangen sie jetzt keinen Eintritt. Ohne Cash geht in diesem Viertel gar nichts. Der Sicherheitsmann am Eingang lässt uns kommentarlos ein. Obwohl es noch eine Anzahl kleinerer Schreine in Binondo gibt, ist der Seng Guan Temple der bedeutendste buddhistische Tempel auf den Philippinen. Und was für ein Schmuckstück! Am Anfang denken wir noch, dass das Erdgeschoss schon alles war. Der Sicherheitsmann meint aber, wir sollen mal die Treppe hochgehen, da geht's noch weiter. Und in der Tat, wir finden auf der zweiten Etage ein kleines Highlight: Die Halle des Medizin-Buddhas. Er wird im Internetz als gülden beschrieben, wir sehen da eher eine kupferfarbene Oberfläche. Wie auch immer, wir laufen andächtig durch die riesige Halle und genießen die Ruhe. Es riecht nach Räucherstäbchen. So darf es sein. Von außen kann man leider keinen Blick auf das komplette Gebäude werfen. Deshalb erklimme ich heimlich die oberste Treppe hoch zum Stupa. Die Treppe ist zwar nicht abgesperrt, aber der Handlauf ist so dreckig, dass wir davon ausgehen, dass sie nicht oft benutzt wird. Oben steht man dann auf dem Dach. Hier gibt es eine kleine Bepflanzung. Ich mache nur kurz ein Foto vom Stupa und trete schleunigst den Rückweg an. So ganz geheuer ist es mir hier oben nicht.
Wir fahren zurück zur Basilica of Saint Lorenzo Ruiz und werfen auch hier noch einen Blick rein. Obwohl die erste Basilica an dieser Stelle bereits im 16. Jahrhundert erbaut wurde, ereilte sie das gleiche Schicksal wie die anderen Kirchen in Manila. In diversen Kriegen wurde auch diese Basilica mehrfach zerstört oder stark beschädigt. Deshalb sind katholischen Kirchen im Vergleich zu ihren Verwandten im Mutterland Spanien meistens sehr schlicht und haben kaum antikes Interieur. Hasi ist begeistert von der Figur des Heiligen Lorenzo von Manila (Lorenzo Ruiz). Er meint, seine Statue sähe aus wie ein Fußballer im Trikot der deutschen Nationalmannschaft.
Wir trinken im Hotel noch einen Kaffee und bestellen uns später ein Grab zum Flughafen. Es sind zwar noch fast 5 Stunden bis zum Abflug, aber wir haben in Binondo nichts mehr zu tun. Es ist einfach zu heiß da draußen. Und dann wird mir im Auto plötzlich schlecht. Aber so richtig. Seit unserer Abfahrt aus Camiguin ist mir schon die ganze Zeit unterschwellig etwas übel. Vielleicht war es das Abendessen oder die Hitze, wer weiß das schon so genau. Also atmen, atmen, atmen. Glücklicherweise bleibt alles drin, aber in den nächsten anderhalb Tagen gibt es für mich nur Tee und Schonkost.
Der Rückflug ist wieder endlos lang, aber alle Anschlüsse funktionieren. Turkish Airlines bringt uns planmäßig nach Istanbul und von dort aus nach Amsterdam. Dort steigen wir noch einmal bei KLM ins Flugzeug nach BER und haben eine letzte Übernachtung in Berlin. Und jetzt nur noch duschen und schlafen. Die letzte Etappe nach Dresden erfolgt am nächsten Tag mit dem Zug.
Wie ging denn jetzt eigentlich die Sache mit dem übergroßen Handgepäck aus?: Also, beide Fluggesellschaften sind äußerst kulant. In das erste Gepäckfach passt der Drachenkopf noch rein. Bei den anderen beiden Flugzeugen ist dann zick. Allerdings wird der Kopf in der ersten Maschine zum Start und zur Landung in die Küche verbracht und im zweiten Fall darf Hasi ihn auf dem Schoß behalten. Und alles ohne Aufpreis. Glück gehabt! Wir sind begeistert.Read more

















Traveler
Kommt öfter vor, als man glaubt.
TravelerSolche Szenen erden und machen demütig.