• Gdańsk

    Aug 16–18, 2024 in Poland ⋅ ☁️ 27 °C

    Bevor wir irgendetwas von Danzig sahen, machte uns zunächst der Campingplatz sprachlos. "Dank" des langen Wochenendes mit Mariä Himmelfahrt war die Stellplatzsuche am Freitag alles andere als eine schöne Himmelfahrt, eher ein Himmelfahrtskommando. Nur die Reservierung verschaffte uns ein kleines Stell-Plätzchen, das uns immerhin die Platzierung der Stühle neben dem WoMo ermöglichte. Neben einigen Holländern und Deutschen sind die Polen in Überzahl. Sie sind weniger wegen Danzig, sondern eher wegen des nah gelegenen Ostsee-Strandes (mit Blick auf Werft und Hafen) hier. Und der war noch voller als der Campingplatz. Eine kurze Stippvisite gestern hat uns gereicht!
    Dann aber endlich Danzig, diese Hansestadt, die in der frühen Neuzeit ebenso wie im 20. Jahrhundert einen festen und bedeutenden Platz in der europäischen Geschichte beanspruchen kann. Mitte des 17. Jahrhunderts war sie die größte Stadt zwischen Moskau und Amsterdam, dominierte den Ostseehandel, war Dreh- und Angelpunkt des europäischen Bernstein-Handels und zudem die größte deutschsprachige Stadt dieser Zeit. Dann im 20. Jhdt. der deutsche Angriff auf die Danziger Westerplatte, mit dem am 1. September 1939 das Elend des zweiten Weltkriegs begann. Und schließlich 1980/81 der Aufstand der Gewerkschaft Solidarność (Solidarität), ohne den die friedliche Revolution in der DDR 1989 kaum möglich geworden wäre.
    Die Westerplatte haben wir nicht besucht.
    Aber das historische Danzig mit Rechtstadt (Główne Miasto), Altstadt (Stare Miasto) und Speicherinsel (Wyspa Spichrzów) und die alten Hafengebiete der Mottlau haben wir erwandert. Und wir haben das alles nicht nur erwandert, sondern auch genossen: Die Straßen und Gassen mit ihren schmalen hohen Bürgerhäusern und deren kunstvoll verzierten Giebeln und 'Beischlägen', den terrassenähnlichen Vorbauten. Die Flaniermeile der Długa/Langgasse mit ihren Brunnen, ihren prunkvollen Kaufmannspalästen. Das Goldene und das Grüne Tor. Den historisierenden Auftritt der Georgsbruderschaft vorm Zeughaus. Den Stockturm, in dessen Peinkeller Monika in Fesseln gelegt wurde. Das alte Hafengebiet, in dem es vor Freizeitbooten nur so wimmelte. Und dann den Straßenmarkt mit seinem Kunsthandwerk, die Bernsteinboutiquen- Danzig nenntsich die 'Stadt des Bernsteins-, die gemütlichen Cafés und das Danziger Jopenbier, das seit dem 15. Jahrhundert hier gebraut wird. Ich denke, wir haben in den zwei Tagen wenig ausgelassen. Unsere Füße waren nach den etlichen Kilometern zwar wund, aber das war es uns mehr als wert! Ich denke, die Bilder werden etwas davon zeigen können.
    Dann waren wir natürlich am Eingang der Danziger Werft, haben dort das Denkmal der gefallenen Werftarbeiter besichtigt und waren im hypermodernen europäischen Zentrum für Solidarität, das sich allerdings, von der EU finanziert, für meinen Geschmack etwas zu 'schick', nämlich hyperschick gibt. Der Museumsshop mit seinen unzähligen Wałęsa-Figuren ist ein herrliches Beispiel dafür, wie Geschichte zur finanzträchtigen Folklore werden kann. Am eindrücklichsten für Monika und mich: Der alte Versammlungssaal, in dem Lech Wałęsa das Abkommen unterzeichnete, in dem die polnische Regierung der Gewerkschaft den Zugang zu den Massenmedien und das Streikrecht zuerkennen musste. Die Zeit unmittelbar danach und das polnische Kriegsrecht habe ich bei meinen Besuchen der Uni Łodz in den frühen 80er Jahren recht hautnah erlebt. In dem kleinen Café, in dem damals die Gewerkschaftler ab und an zusammenkamen, haben Monika und ich, wie das Foto zeigt, heute auch zusammengehockt.
    Jetzt, nach zwei ereignisreichen Tagen, sitzen wir müde, aber zufrieden und glücklich auf unseren Stühlen, dicht ans WoMO gerückt, und pflegen die wunden Füße mit einem Glas Riesling und Grauburgunder.
    Morgen auf nach Masuren!
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