• Die nationale Pilgerstätte der Polen

    Aug 28–30, 2024 in Poland ⋅ 🌙 24 °C

    Gestern sind wir nach 350 Kilometern in Krakau angekommen. Hier ist ein angenehmer Campingplatz, stadtnah, im Grünen und sehr ruhig.
    Heute gibt es die Stadtbesichtigung. Sehr hohe Erwartungen neigen dazu, nie oder nur selten in Gänze erfüllt zu werden. Vorab: Krakau rechtfertigt seinen Status als Weltkulturerbe, als historisch-touristischer Hotspot voll und ganz. Der alte Markt, der wohl größte mittelalterliche Marktplatz Europas, die Tuchhallen, die hochgotische Marienkirche mit ihrem verzaubernden Inneren und dem einzigartigen Veith-Altar, der Wawel-Hügel mit Königspalast, Kathedrale und den Grablegen fast aller polnischen Heroen (nicht nur Könige, sondern auch Widerständler, Literaten und der bei einem Flugzeug-Absturz getötete Lech Kaczynski), all das beeindruckt. Aber zugleich macht Krakau als erste polnische Stadt unserer Tour auf mich den Eindruck, nicht nur von, sondern auch für den polnischen wie internationalen Torurismus zu leben. Viele historische Gebäude wirken, anders als in Thoruń, in Gdansk oder Warschau, in denen sie auch noch bewohnt sind, eher wie historisierende Kulisse. Und auch die Gastronomie verstieg sich zu Preisen, die wir so aus den anderen genannten Städten bisher nicht kannten.
    Eine etwas preiswertere kulinarische Besonderheit- die Amerikaner werden es nicht gern hören- ist der Bagel, der hier überall unter dem Namen 'Obwarzanek' angeboten wird, als solcher bereits 1394 in einem Dokument des polnischen Königshofs erwähnt wurde und als Krakauer Traditionsprodukt seit 2010 EU- weit geschützt ist.
    Krakau war doch eindrucksvoll.
    Der Eindruck des alles dominierenden Tourismus änderte sich, als wir in das ein wenig auswärts gelegene und jüdisch geprägte Viertel Kazimierz gelangten. Vor dem II. Weltkrieg war Krakau die viertgrößte jüdische Gemeinde in Polen.
    65 000 Krakauer Juden stellten 25% der Gesamtbevölkerung der Stadt. Sie lebten mehrheitlich in Kazimierz, einer ursprünglich von Krakau getrennten Stadt, die erst zu Beginn des 19. Jh. ein Stadtteil Krakaus wurde. Die Stadt, benannt nach ihrem Gründer, dem König Kazimierz dem Großen, war seit Ende des 15. Jh. und in Folge der Krakauer Pogrome (Ende 15. Jhdt.) Heimstatt der jüdischen Gemeinde. Da Polen, trotz dieser Pogrome, im damaligen Europa als ungewöhnlich toleranter Staat galt, siedelten über die Jahrhunderte hinweg hier zahlreiche jüdische Gruppen deutscher, italienischer oder auch spanischer Herkunft.
    Das immer noch zu spürende internationale Flair, die drei Synagogen, die vielen Namensschilder früherer Bewohner, die vielen hebräischen Inschriften zeugen davon, dass Kazimierz seit Mitte des 16. Jh. ein Zentrum jüdisch-intellektuellen Lebens war. Auch heute gibt es noch eine kleine jüdische Gemeinde, deren Jugend-Kultur-Zentrum mutig und offensiv für die Freilassung der israelischen Hamas-Geiseln eintritt. Eine der Synagogen durften wir besuchen. Danach bummelten wir durch das teils auch ärmliche Viertel, fanden zahlreiche kleine jüdische wie arabische Restaurants, alte Plattenläden, Handwerkerläden, Uhrmacher, sahen sehr viele junge Menschen, hörten auf einem Platz nahe der alten Synagoge Klezmer-Musik, tranken dort ein Glas (vielleicht) koscheren Weins. In diesem Viertel, nur wenige Gebäude waren renoviert, gab es ganz offensichtlich noch preiswerten Wohnraum für die vielen jungen Menschen, die neben einigen jugendlichen deutschen Reisegruppen das Bild des Stadtteils prägten.
    Danach dann aber doch noch ein Glas Wein auf dem so schick herausgeputzten Tuchmarkt, der nun weniger belebt war, und mit herrlichem Blick auf die Marienkirche. Zur vollen Stunde dann vom Turm der Kirche herab das Turmbläsersignal Hejnał, das musikalische Erkennungszeichen Krakaus.
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