• kyiv

    Sep 12–14 in Ukraine ☁️ 23 °C

    achtung, wird lang

    am bahnsteig in lviv angekommen, erfahre ich, dass der zug mehr als zwei stunden zu spät ist. mir wurde gesagt, dass das zurzeit das minimum ist, das man pro zugfahrt mit einrechnen muss, weil die immer stehen bleiben, sobald es drohnen- oder raketenwarnungen in dem gebiet gibt, wo sie grad verkehren. ich geh also entspannt frühstücken.

    als ich zurück am bahngleis bin, fällt mir ein junger typ mit rucksack auf, der merkwürdig us-amerikanisch aussieht. ich geh hin und quatsch ihn an. er ist us-amerikaner. heißt luke und ist auch unterwegs nach kyiv, zufällig ins selbe hostel wie ich. wir tauschen fix insta und steigen in den zug, der endlich einrollt. auf dem weg nach kyiv fahren wir uns noch einige weitere stunden verspätung ein, was aber halb so schlimm ist, weil alle intercityzüge in der ukraine grundsätzlich sleeper trains sind. und sau billig. gegen 9 bin ich dann auch mal da und reunite mich im bahnhof wieder mit luke.

    erste eindrücke vom heimweg durch kyiv:
    - völlig anderer vibe als lviv, fühlt sich an wie ne richtige großstadt
    - regierungs- und botschaftsbezirk vom militär komplett abgeriegelt
    - metro ist uuultra tief
    - nachtleben nach wie vor scheinbar bestens

    die nächsten zwei tage verbringen luke und ich damit, die stadt zu erkunden. es ist sehr eigenartig. der krieg ist hier deutlich präsenter, sowohl im stadtbild als auch in den gesprächen die man führt, gleichzeitig geht das leben der leute völlig normal weiter. um drohnenalarme schert sich hier keiner mehr. geht auch nicht, weil man dann 75% seines tages in der metro verbringen müsste. ich hab diverse warnapps und ticker-channels aufm handy laufen, die mir einmal am tag von irgendeiner tankstelle oder einem lagerhaus berichten, die in irgendeinem außenbezirk getroffen wurde, viel mehr ist es aber meistens tatsächlich nicht. die leute sagen, es wäre wahrscheinlicher, von einem auto angefahren zu werden, die sirenen werden mit der zeit zum hintergrundrauschen. nur einmal hören wir die luftabwehr in der ferne donnern.

    das, was man vom krieg sieht, ist ganz gezielt ausgestellt. fast jede werbetafel ist voll mit propaganda fürs militär und überall stehen ausgebrannte fahrzeuge als mahnmale zur schau gestellt. die souvenir-auswahl hat sich auch angepasst: kleine abgeflexte teile von abgeschossenen drohnen und raketen, (benutzte) unit patches, und am beschissensten - portemonaies von gefallenen russen, inklusive punktekarten und bildern von der familie. hoffe die waren nicht echt.

    abgesehen davon ist die stadt aber wunderschön, die mother ukraine hat mich natürlich am meisten abgeholt. umso mehr bock hab ich jetzt, das teil in volgograd auch noch zu sehen.

    in meinem hostel dorm treffe ich joe. der ist deutscher, 24 und studiert in berlin afrika- und asienwissenschaften und macht einen super netten, aufgeweckten und durchschnittsdeutschen eindruck. achso und er hat ein jahr lang an der front bei kharkiv als fremdenlegionär gekämpft. wir haben uns ne ganze weile unterhalten, über seine erfahrungen, über rechte und nazis im militär, über ptbs und darüber, wie er es verantworten kann, fremde menschen zu töten. er meint, krieg sei das süchtigmachendste, was ein mensch machen kann, weil es super nah am biologischen urzustand von menschen ist und man sich keine gedanken um irgendwas anderes machen muss. irgendwie check ich. auch interessant: die ukraine hat wegen der überlebenschancen heutzutage die solde für frontsoldaten verdreifacht. deshalb kämpfen dort jetzt inzwischen tausende columbianer und ecuadorianer. einerseits aus wirtschaftlichen gründen, andererseits, weil die mafia sie zur "ausbildung" da hin schickt. verrückte welt.
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