nachtbus nach lviv
Sep 9–10 in Ukraine
☀️ 27 °C
es ist zeit für osteuropa, ich hab das semester fertig, drei wochen zeit und hummeln im arsch :)
los ging die wilde reise am 9.9. in leipzig mit flixbus, aber nur bis dresden. da wurde n döner gefetzt und kurz die ukulele ausgepackt, dann ab in den bus ohne zwischenstopp nach lviv. der war zu 85% mit frauen gefüllt und mockte wie sau.
nach 11h fahrt über nacht sind wir 6:30 an der polnisch-ukrainischen grenze angekommen. nach einigem warten neuer stempel im pass, auf der anderen seite raus und dann warten, dass der bus losmacht. für mehr als 8 stunden. irgendwas hatte unser busfahrer anscheinend verzapft.
aber ich hatte beim warten gesellschaft, weil mich irgendwann eine meiner mitreisenden, alina, angequatscht hat. sie ist auch aufm weg nach lviv und dann kyiv, um eine hochzeit ihrer freundin zu besuchen. kommt ursprünglich aus mariupol, lebt jetzt in dresden und filmt gerade eine kleine doku darüber, wie die leute hier mit den krieg umgrhen. wir haben direkt geklickt und wollten gerade anfangen, den rest des weges zusammen zu hitchhiken, als der bus endlich wieder losmachte und uns nach schlappen 23 stunden in lviv ausspuckte.
to be continued 😛Read more
lviv
Sep 10–12 in Ukraine
☀️ 29 °C
willkommen in lviv, hier sehen die häuser lowkey aus wie in kuba, scheinbar fallen immer mal wieder baufällige balkone von den häusern und es gibt in der ganzen stadt nur pflasterstein-straßen.
hab im hotel eingecheckt, wo nur komische alte typen waren (das wird sich in der ukraine auch weiterhin so durchziehen) und hab bis 20 uhr genapped. dann wieder draußen mit alina getroffen. die stimmung ist richtig ausgelassen, an jeder ecke straßenmusiker:innen und die restaurants und bars rappelvoll.
jetzt wirds wild, wir sind in irgendeinen durchgang, da darf ich dann an eine random holztüre klopfen und ein alter mann in militäruniform macht auf. der ruft "slava ukraini!" und wir das passwort "heroim slava!", woraufhin er uns beiden einen schnaps in die hand drückt und uns dann durch eine falltür in den keller schickt. dort ist eine art bunker-kneipe, die der UPA gewidmet ist. neben paar geilen pelmeni und noch mehr schnaps kann man da auch mit airsoft-waffen auf eine putin-zielscheibe schießen, das haben wir natürlich nicht entgehen lassen. danach gabs noch ein interview mit mir für alinas doku, bis ich eine halbe stunde nach ausgangssperre (mir wurde versichert, das juckt keinen) wieder im hostel war.
die nacht war wie erwartet, einige am schnarchen, andere poltern um 2 ins zimmer und machen das licht an und wieder andere stellen sich auf um 7 einen wecker und fangen dann an zu telefonieren. morgens mit alina in ein bergwerk type coffee shop, dann ist sie weiter nach kyiv. abends bin ich für schlappe 6€ ins nationaltheater zu la bayadère, sehr sehr cool. und am nächsten morgen gings dann auch schon mit dem zug nach kyiv.
ahh und nachtrag - zeichen, dass hier krieg ist:
man würde auf den ersten und auch auf den zweiten blick echt nicht denken, dass das land grad in nen krieg verwickelt ist. die stimmung ist super entspannt und alarm gibts inzwischen nur noch alle paar wochen, aber paar sachen fallen dann doch auf:
- überall flaggen von ukraine und upa
- auf dem weg in die stadt einige frische gräber mit flaggen
- viele soldaten in uniform und viel gepäck unterwegs, manche auch mit <2 beinen
- viele geschäfte haben spendenaktionen
- einer der straßenmusiker schließt seine performance mit der nationalhymne und "slava ukraini" ab, das selbe auch vor der ballettaufführungRead more
kyiv
Sep 12–14 in Ukraine
☁️ 23 °C
achtung, wird lang
am bahnsteig in lviv angekommen, erfahre ich, dass der zug mehr als zwei stunden zu spät ist. mir wurde gesagt, dass das zurzeit das minimum ist, das man pro zugfahrt mit einrechnen muss, weil die immer stehen bleiben, sobald es drohnen- oder raketenwarnungen in dem gebiet gibt, wo sie grad verkehren. ich geh also entspannt frühstücken.
als ich zurück am bahngleis bin, fällt mir ein junger typ mit rucksack auf, der merkwürdig us-amerikanisch aussieht. ich geh hin und quatsch ihn an. er ist us-amerikaner. heißt luke und ist auch unterwegs nach kyiv, zufällig ins selbe hostel wie ich. wir tauschen fix insta und steigen in den zug, der endlich einrollt. auf dem weg nach kyiv fahren wir uns noch einige weitere stunden verspätung ein, was aber halb so schlimm ist, weil alle intercityzüge in der ukraine grundsätzlich sleeper trains sind. und sau billig. gegen 9 bin ich dann auch mal da und reunite mich im bahnhof wieder mit luke.
erste eindrücke vom heimweg durch kyiv:
- völlig anderer vibe als lviv, fühlt sich an wie ne richtige großstadt
- regierungs- und botschaftsbezirk vom militär komplett abgeriegelt
- metro ist uuultra tief
- nachtleben nach wie vor scheinbar bestens
die nächsten zwei tage verbringen luke und ich damit, die stadt zu erkunden. es ist sehr eigenartig. der krieg ist hier deutlich präsenter, sowohl im stadtbild als auch in den gesprächen die man führt, gleichzeitig geht das leben der leute völlig normal weiter. um drohnenalarme schert sich hier keiner mehr. geht auch nicht, weil man dann 75% seines tages in der metro verbringen müsste. ich hab diverse warnapps und ticker-channels aufm handy laufen, die mir einmal am tag von irgendeiner tankstelle oder einem lagerhaus berichten, die in irgendeinem außenbezirk getroffen wurde, viel mehr ist es aber meistens tatsächlich nicht. die leute sagen, es wäre wahrscheinlicher, von einem auto angefahren zu werden, die sirenen werden mit der zeit zum hintergrundrauschen. nur einmal hören wir die luftabwehr in der ferne donnern.
das, was man vom krieg sieht, ist ganz gezielt ausgestellt. fast jede werbetafel ist voll mit propaganda fürs militär und überall stehen ausgebrannte fahrzeuge als mahnmale zur schau gestellt. die souvenir-auswahl hat sich auch angepasst: kleine abgeflexte teile von abgeschossenen drohnen und raketen, (benutzte) unit patches, und am beschissensten - portemonaies von gefallenen russen, inklusive punktekarten und bildern von der familie. hoffe die waren nicht echt.
abgesehen davon ist die stadt aber wunderschön, die mother ukraine hat mich natürlich am meisten abgeholt. umso mehr bock hab ich jetzt, das teil in volgograd auch noch zu sehen.
in meinem hostel dorm treffe ich joe. der ist deutscher, 24 und studiert in berlin afrika- und asienwissenschaften und macht einen super netten, aufgeweckten und durchschnittsdeutschen eindruck. achso und er hat ein jahr lang an der front bei kharkiv als fremdenlegionär gekämpft. wir haben uns ne ganze weile unterhalten, über seine erfahrungen, über rechte und nazis im militär, über ptbs und darüber, wie er es verantworten kann, fremde menschen zu töten. er meint, krieg sei das süchtigmachendste, was ein mensch machen kann, weil es super nah am biologischen urzustand von menschen ist und man sich keine gedanken um irgendwas anderes machen muss. irgendwie check ich. auch interessant: die ukraine hat wegen der überlebenschancen heutzutage die solde für frontsoldaten verdreifacht. deshalb kämpfen dort jetzt inzwischen tausende columbianer und ecuadorianer. einerseits aus wirtschaftlichen gründen, andererseits, weil die mafia sie zur "ausbildung" da hin schickt. verrückte welt.Read more
kharkiv
Sep 15–16 in Ukraine
🌧 15 °C
nachdem ich in lviv überzeugen lassen habe, dass kyiv durchaus drin wär, so habe ich mich auch in kyiv überzeugen lassen, dass kharkiv die reise wert ist. also geht es weiter mit luke und alina, die in kyiv wieder zu uns gestoßen war. sorry, mama ✌️
unser nachtzug war holpriger als gewohnt. da die ukraine in ländlichen gebieten absichtlich das gps jammed, hat man besonders im dunklen keine ahnung wo man ist. auch mein handy zeigte nur die zeit für lima, peru und internet ist eh schwierig, deshalb waren wir mehr als überrascht, als wir pünktlich um 5 uhr morgens kurz vor kharkiv vom schaffner geweckt wurden, obwohl wir mit mehr als 4 stunden verspätung in kyiv losgefahren waren. das erklärt das ruckeln.
der erste eindruck von kharkiv war extrem deprimierend. wie chemnitz hoch 3, plus schüttender regen. dazu kamen noch die ersten interaktionen mit den einwohnern. ich wurde gewarnt, dass es in der ukrainer ein ähnliches west-ost-gefälle wie in deutschland gibt, aber derartig schroffe leute hab ich lange nicht gesehen. im kontext aber fairerweise mehr als verständlich.
am ersten tag haben wir erstmal ordentlich ausgeschlafen und haben ein bisschen das zentrum erkundet. sehr grau, sehr leer, aber stellenweise auch ganz hübsch und das essen nach wie vor unschlagbar.
am zweiten tag ging es dann raus nach saltivka, einem wohnblockgebiet im norden der stadt, das vor allem zu beginn der invasion besonders schwer mitgenommen wurde. hier offenbahrte sich das erstes mal die ukraine, wie sie momentan in den köpfen der meisten deutschen aussieht. zerscherbelte und verbarrikadierte fester, ad hoc errichtete luftschutzbunker, löcher in den wänden und teilweise trümmerhaufen, wo früher mal häuserblocks gestanden haben. die meisten sind wohl weggezogen, auf den spielplätzen und vor der zerlöcherten schule haben wir kaum jemanden angetroffen. die blocks hier am stadtrand schauen aufs offene feld. sehr komisches gefühl, zu wissen, dass man hier loslaufen könnte und innerhalb einer entspannten tageswanderung an der front wäre.
luke hatte dort dann noch einen termin bei einer shooting range, zu dem ich mitgegangen bin. habe es mir natürlich nicht nehmen lassen, auch mal zu schießen. jaaa ich weiß.
in kharkiv mussten wir uns dann von alina verabschieden. und damit ab nach odessa :)Read more
odessa
Sep 17–18 in Ukraine
☀️ 23 °C
da ich die nerven meiner eltern nicht unnötig strapazieren will, wird es langsam zeit, richtung rumänien zu steuern. letzter halt: odessa.
wieder fährt uns ein nachtzug quer durch raum und zeit, ich habe mich immernoch nicht daran gewöhnt, auf der fahrt weder gps noch uhr zu haben. ein junger typ aus meinem schlafabteil weist mich in gebrochenem englisch darauf hin, dass ich mich für evakuierungen bereithalten soll, die zugstrecke kharkiv-odessa verläuft parallel zur front und die russen haben das mit der zivilen infrastruktur schon lange hinter sich gelassen.
der kollege will recht behalten: mitten in der nacht fahre ich hoch und muss mich schnell fertig machen, draußen im kalten dunkel stehen schon alle anderen versammelt auf einem bahndamm mitten im nirgendwo und schauen in den glasklaren sternenhimmel. wir stehen eine ganze weile. dann verstummen auf einmal alle, irgendwo im himmel über uns ist eine dieser shahed-drohnen zu hören. es klingt wirklich 1:1, als würde jemand mit einem moped vorbeiknattern. nach eineinhalb stunden stillstand gehts dann aber auch endlich weiter. paar stunden später werden wir ein zweites mal geweckt, dieses mal ist aber die sonne schon draußen und die leute nutzen die zeit, um sich entspannt im gras lang zu machen. dieses mal sind wir auch nach einer halben stunde wieder unterwegs.
genau wie bei den anderen städte davor strahlt odessa wieder völlig andere vibes aus. man könnte genauso gut denken, man wäre in italien. wir spazieren ein bisschen durch die kante, aber ich bin auch inzwischen so durch, dass ich mich freue, auch mal guten nutzen von meinem einzelzimmer machen zu können. in meiner allerletzen nacht im land wird es in besagtem zimmer dann aber nochmal spannend: kurz vor dem einschlafen höre ich einen dumpfen knall von weiter weg. luke schreibt mir, er hat ihn auch gehört. als wir uns paar minuten später wieder hingelegt haben, knallt es ein zweites mal, dieses mal so richtig und so nah, dass man den boden beben spüren kann. am nächsten morgen bekommen wir von einem mädchen in unserem alter, das dort arbeitet, gesagt: alles wie immer, nix besonderes.Read more
































































