• Der frühe Vogel fängt den Key

    Feb 19–20, 2024 in the United States ⋅ 🌬 19 °C

    Heilige Scheiße, was habe ich mir den dabei gedacht? Es ist kurz vor fünf am Montagmorgen und der Wecker klingelt. Aber gut, wir haben ja schließlich auch was vor.

    Heute geht es los für einen Tagesausflug nach Key West, der südlichsten Insel der Florida Keys, die alle über den knapp 160 Kilometer langen Overseas Highway 1 verbunden sind. Key stammt übrigens vom Spanischen 'Cay' für Sandinsel.

    Wir haben uns für einen Tagesausflug entschieden, da das Übernachten im Fahrzeug auf den Keys bis auf wenige Ausnahmen verboten ist und die Campingplätze Monate im Voraus ausgebucht sind und dann in der Regel auch ab 200$ aufwärts Kosten - pro Nacht versteht sich.

    Die Wettervorhersage hat ab den frühen Morgenstunden wolkenfreien Himmel versprochen und so nehmen wir das frühe Aufstehen gerne in Kauf, um in mittelbarer Nähe von den Bahamas und Kuba den Sonnenaufgang zu bewundern. Nachdem wir nochmal nachgetankt haben (Diesel ist dort knapp 1$ teurer), gestehen wir uns dann doch nach einer guten halben Stunden Fahrt ein, dass der frühe Vogel heute nicht belohnt wird und die Sonne hinter den Wolken aufgehen wird.

    Wir lassen uns davon aber nicht aus der Fassung bringen und rollen mit musikalischer Untermalung und konstant eingeschaltetem Tempomat über die zumeist einspurige Straße.

    Auf unserem Weg überqueren wir zahlreiche Brücken, die die einzelnen Inseln miteinander verbinden. Die majestätischen Strukturen bieten nicht nur einen spektakulären Ausblick auf das türkisfarbene Wasser, sondern auch eine Plattform für Angler, die geduldig darauf warten, ihren Fang des Tages zu machen. Zum Teil verlaufen aber auch die alten, mittlerweile verfallenen Brücken parallel zur Straße und bilden mit ihren verrosteten Stahlgerüsten einen zusätzlichen Blickfang.

    Links und rechts der Straße erstrecken sich malerische Landschaften, die von üppiger Vegetation geprägt sind. Entlang der Küstenlinie tanzen die sanften Wellen des Ozeans im Morgengrauen und Palmen biegen sich im Wind, während die kühle Brise durch ihre Blätter rauscht.

    Die Vogelwelt der Florida Keys zeigt sich ebenfalls in ihrer ganzen Pracht. Möwen und viele, viele Pelikane gleiten elegant über die Wasseroberfläche. Auf einer der Brücken erblicken wir sogar kurzzeitig Delfine im Wasser.

    Während sich unsere Fahrt fortsetzt, taucht die Sonne langsam hinter den Wolken auf und färbt den Himmel in warme Farben. Es ist so surreal, dass wir uns mit unserem selbst ausgebauten Camper so inmitten des Ozeans befinden. Als wir gegen 9 Uhr ankommen, stellen wir fest, dass es eine Fahrt voller Ruhe, Schönheit und dem Gefühl von Freiheit war, die jeden Moment unvergesslich gemacht hat - und der Rückweg steht uns noch bevor! Wir parken direkt zwischen dem Mile Marker für den Beginn des OverSea Highways und einem knapp 100 Jahre altem Kapok Baum.

    Mittlerweile ist der Himmel knallblau, wir holen einen Parkschein und stapfen wie immer ohne Plan los um Key West zu erkunden. Gerne sehen möchten wir den Southernmost Point of the U.S., ansonsten werden wir uns treiben lassen. Wir haben 9 Uhr morgens und langsam strecken auch die Touristen, die in den vielen kleinen Pensionen in zauberhafter Holzbauweise untergekommen sind, ihre Nasen an die frische Luft. Hier sieht man keine riesigen Hotelbauten, das spricht schonmal für Key West. Es gibt mehrere kleine Frühstückscafés, eines lacht uns an und heißt auf einem Schild bereits Hunde willkommen. Auf Nachfrage sagt uns die nette Dame, dass wir uns auf die andere Straßenseite stellen können und sie uns in ungefähr einer viertel Stunde dort einsammeln wird. Wir fragen, ob wir auch noch was herumlaufen können, das bejaht sie. 

    Also machen wir uns auf - zum Southernmost Point sind es nur 900 Meter, den könne wir doch noch ansteuern. Als wir dort ankommen steht eine kurze Menschenschlange vor der riesigen Boje, die den südlichsten Punkt der USA markiert. Von hier aus sind es noch 90 Meilen bis Cuba, wenn man Adleraugen hätte, könnte man Havanna sehen. Wir verrückt ist es bitte, dass wir gerade einfach am Golf von Mexiko stehen? Wir stellen uns nicht in die Schlange, uns reicht die Boje, da müssen wir nicht mit auf dem Bild sein. 

    Auf dem Weg zurück zum Restaurant merken wir, dass wir natürlich länger gebraucht haben als 15 Minuten...wir sehen schon von weitem dass die Schlange vor dem Laden um einiges länger geworden ist. Unser Tisch ist bestimmt weg, aber gut, es gibt ja nicht nur diesen einen super hippen Laden über den wir zufällig gestolpert sind. Wir möchten nicht so viel zu spät aufschlagen und vorne hin gehen, um zu fragen, ob der Tisch noch frei ist und noch mal anstellen möchten wir uns auch nicht. Nach dem kindlichen Motto "weg gegangen, Platz vergangen" suchen wir uns ein anderes Café. Wir stolpern über ein Cafe/Restaurant/Bar (was es sein will ist nicht ganz klar, aber das Frühstück sieht lecker aus). Wobei die ersten sich auch schon um 10 Uhr morgens ein kleines Cocktaileimerchen teilen (die sehen ein bisschen aus wie die Kreideeimer mit Straßenkreide und Henkel).

    Auf dem Weg hierhin haben wir schon super viele freilaufende Hühner und Hähne gesehen. Wie selbstverständlich sind sie in Gärten, auf der Straße und auch in Restaurants im Außenbereich. Auf der Insel ist das Schlachten und Verzehren der hier ansässigen Hühner, Hähne und auch deren Eier strengstens verboten. Klar gibt es Eier und Hühnerfleisch zu essen, das wird aber vom Festland importiert. Die Hühner werden hier Gipsy Chicken oder auch Eagles of Key West genannt und sind selbstverständlich coexistent mit den Bewohnern und Touristen. Allerdings steht auf jedem Tisch im Restaurant ein "Chicken Repellent", eine Tube mit Wasser, um neugierige Gipsy Chicken abzuwehren. Wir genehmigen uns ein Omelett und Frühstücks Tacos und genießen dazu Kaffee.

    Danach schlendern wir durch das doch sehr touristische aber auch sehr charmante Städtchen. Die meisten Häuser sind in Pastellfarben gehalten, es gibt Zebrastreifen aus Regenbogenflaggen und  selbst das Hard Rock Cafe ist in einer babyblauen viktorianischen Holzvilla untergebracht. Viele Hippie Läden und unzählige Bars und Restaurants säumen die Straßen. An Stegen am Meer ankern Yachten, Motorboote und Jetskis. Es wirkt ein bisschen wie ein Zuckerwatte Städtchen.

    Vollkommen überwältigt von all den Eindrücken machen wir uns auf den Rückweg und genießen zum zweiten Mal am heutigen Tag die Fahrt in dieser tollen Kulisse. Es ist gut, dass wir Tagebuch führen. Die Eindrücke sind nach 20 Tagen bereits schon so überwältigend, wie soll das erst nach der vollen Zeit sein?

    Wieder auf dem Festland angekommen, halten wir zunächst an einer Tankstelle und füllen das zweite Mal unsere Wasservorräte auf. Der Wasserfilter hat sich wirklich gelohnt und wir sind froh, dass wir an die Qualität des Wassers keine großen Gedanken mehr verschwenden müssen. Zudem tanken wir noch einmal nach - die 400 Kilometer haben wir mit einem Verbrauch von knapp 8,8 l/100km bewältigt. In Anbetracht der neuen Bereifung und Beladung ist das großartig.

    Wir wägen kurz ab, ob wir noch einen Campground in den Everglades für heute buchen, entscheiden uns dann aber doch gegen weitere 90 Minuten Fahrt und steuern den nächsten CrackerBarrel an, essen hier zu Abend und machen uns Gedanken über mögliche Ziele und unsere Route in den nächsten Tagen. Es ist nach wie vor schwierig, ein Gefühl für die Distanz und die Zeit bekommen.

    Wieder in Freddie machen wir einen längeres Nickerchen und klettern dann nochmal um kurz vor zehn aus dem Bett und schreiben die Berichte der letzten Tage - vier sind es an der Zahl. Jetzt um kurz vor zwei werden die Augen dann aber doch wieder schwer und wir freuen uns auf den nächsten Tag: Gemütliches Fahren entlang der Everglades.
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