• Nashville - der Tag danach

    Mar 7–8, 2024 in the United States ⋅ ☁️ 20 °C

    Am Donnerstagmorgen werde ich, Christian, das erste Mal gegen 9 Uhr wach und stelle freudig fest, dass ich fast katerfrei in den Tag starten kann. Dann gilt es nur noch, etwas Schlaf nachzuholen. Wobei knapp fünf Stunden Schlaf in einer Zeit vor dem Sabbatical doch mehr als genug für mich waren. Aber es ist zugegeben auch noch sehr gemütlich im Bett.
    Das Grummeln und das Verschwinden des Kopfes unter der Bettdecke neben mir, deutet an, dass der Katerkelch nicht an uns beiden vorbei gegangen ist. Ein wenig dösend, ein wenig den gestrigen Tag Revue passieren lassend vergeht die Zeit bis zwölf Uhr recht entspannt. Nashville, der Broadway und die Partyszene haben doch etwas den von uns erwarteten Rahmen gesprengt. Die von uns unterbewusst erwartete große Schwester von Galway in Irland, ist dann doch eher ein ganz anderer Familienzweig.

    Das Wetter draußen wirkt sehr einladend und irgendwie schaffen wir es dann verhältnismäßig zügig uns auf den Weg zu machen. Hanna hat den Stadtteil Germantown erwähnt und so ist das erstmal das Ziel des heutigen Tages. Die beiden Ladies von gestern haben ihr Wohnmobil immer noch neben uns stehen, das Offroadfahrzeug mit Schweizer Kennzeichen, das gestern Nacht als wir heimkamen neben Freddie stand, ist aber schon verschwunden. Wir laufen ein Stück am Broadway entlang: es herrscht schon wieder reges Treiben, die Lokale sind gut gefüllt und das Stimmengewirr wird von einer Kakophonie aus Livemusik überlagert. Zwei Straßenblöcke westlich ist alles bereits deutlich entzerrter und wir laufen gemütlich an den Häuserschluchten entlang. Nach einer halben Stunden laufen wir am Tennessee State Capitol vorbei und machen erstmal eine kurze Pause und nutzen die örtlichen Trinkwasserspender. Gut, dass es diese wirklich in fast jeder größeren Stadt zu geben scheint (zum Teil sind diese aber noch wegen des Winters abgesperrt). Entlang eines kleinen Parks, der ähnlich wie die National Mall in Washington D.C. angelegt ist, bewegen wir uns weiter auf Germantown zu und sind dann auch wenige Minuten später angekommen.

    Als ich Hanna nach den Sehenswürdigkeiten frage, wird klar: Hanna hat Germantown wegen des Namens erwähnt und abgesehen davon, dass es der älteste Stadtteil Nashvilles ist, gibt es dort keine besonderen Sehenswürdigkeiten. Das hält uns aber nicht davon ab, trotzdem etwas durch das Viertel zu laufen – dafür sieht es dann mit den Vorgärten und den kleinen Häusern doch zu schön aus. Von Spuren deutscher Einwanderer ist aber natürlich nicht mehr viel zu erkennen, wenn man mal von den Nashviller Stadtmusikanten absieht. Die Möglichkeit, ein Laib echtes Brot für knapp 15 $ zu erwerben, nehmen wir nicht wahr. Das Geld investieren wir dann lieber in zwei sehr leckere Kaffees, die Hanna im Library Cafe kauft. Das Konzept dort ist richtig schön: eine alte Bibliothek, die ein wenig wie ein Wohnzimmer eingerichtet ist, in der man Bücher lesen, arbeiten oder einfach nur entspannen kann. Dazu gibt es guten Kaffee und auch ein paar Snacks. Unter anderen Umständen könnten wir dort vermutlich auch gut unsere Berichte schreiben 😊

    Als die Benachrichtigung auf dem Handy eintrifft, dass der 24 Stunden Parkschein abläuft, verlängere ich diesen kurzerhand um einen weiteren Tag. Der preisliche Unterschied von vier zu 24 Stunden ist minimal und so können wir dann immer noch später entscheiden. Wir laufen mit dem Kaffee in der Hand langsam zurück und schauen in einem anderen Viertel in der Nähe von Freddie, ob es hier ein hundefreundliches Restaurant gibt, wo es für mich ein normales und für Hanna ein Katerfrühstück gibt. Ein Taco-Laden hat geschlossen, das andere Lokal das mit Schwein, über Schwein und Schwein wirbt, weckt bei uns beiden kein großes Interesse und so gehen wir erstmal zurück zu Freddie. 100 Meter Luftlinie vor dem Parkplatz, verdeckt durch eine Häuserfront, landen wir an einer Moonshine Distillery mit Essen und Außenbereich und müssen beide erstmal lachen: das Gute ist manchmal so nah. Wir treffen dort auf unsere Nachbarn vom Parkplatz, Beth und Sheila mit ihren beiden Hunden Bentley und Toby und ehe wir uns versehe, haben wir uns auch schon verquatscht. Nach ein paar Minuten besorge ich uns Tacos, ein Wasser und ein echtes amerikanisches Kölsch und nach ein paar weiteren Minuten wird klar, wir verquatschen uns gerade so richtig. Die Frage, ob wir heute noch weiter Fahren, hat sich also selbst beantwortet.

    Nach einer kleinen Geschmacksprobe am Kölsch, beflügelt von den Tacos und der Gesellschaft entscheidet Hanna sich dann doch auch für ein Kölsch und später noch ein zweites. Die nächsten drei Stunden unterhalten wir uns über alle möglichen Themen. Mir wird immer wieder eingeschärft, wie gut ich auf Hanna aufpassen soll und wie glücklich ich mich schätzen kann, einen solchen Fang gemacht zu haben. Die Bekanntgabe unserer Verlobung sorgt dann für große Freude und ein lautes Yee-Haw der beiden. Das authentische Freuen der Amerikaner gefällt uns beiden wirklich sehr. Die beiden verabschieden sich gegen 19 Uhr und wollen den Tag noch etwas in Ruhe am Parkplatz ausklingen lassen – immerhin gab es schon zum Lunch den ersten Moonshine. Wir trinken noch in Ruhe unsere Biere aus, wollen Bella dann an Freddie abliefern und nochmal etwas Essen gehen – am Parkplatz angekommen, sehen wir die beiden Ladies neben ihrem Camper auf den Campingstühlen sitzen, doch noch etwas trinken und auch etwas rauchen. Nullkommanichts setzen wir die Unterhaltung fort. Zum Ende ist das Gespräch dann doch sehr Politik lastig geworden und beide sind festen Auffassung, dass es Donald J. Trump beziehungswiese seine Politik benötigt, um das Land wieder großartig zu machen. Weder mir noch Hanna gelingt es die Politik von der Person zu entkoppeln, gerade wenn es sich dabei um jemanden wie Donald Trump handelt. Wir sind gespannt, wie sich die nächsten 8 Monate bis zur Wahl entwickeln werden und ob bzw. welche Gespräche wir zu diesem Thema noch führen werden.

    Mittlerweile sehr hungrig, schaffen wir den Absprung, und machen uns auf die Suche nach einem Restaurant. Am Broadway machen wir nur wieder die Musikkneipen aus und ein Food-Court in der Nähe der Arena des lokalen Basketballteams, der Nashville Predators, lädt mit der Vielfalt der ganzen Welt ein, überzeugt uns dann aber doch nicht. Zu laut, zu wuselig. Am Ende landen wir im gleichen Restaurant wie gestern. Anstatt Burger gibt es aber heute gesunden Salat, aber auch Pommes und Chicken Tender. Gut gesättigt überkommt uns beide das Gefühl, dringend auf die Couch zu müssen und so machen wir uns wieder auf den Weg zurück zum Parkplatz und spazieren dabei nochmal am Broadway entlang. Die Läden sind noch voller als gestern, ab donnerstags fängt hier das Wochenende an und zudem haben die Nashville Predators auch gespielt. Wir bleiben aber beide bei unserer Couch-Bekenntnis und ich drehe noch eine große Runde mit Bella und sauge Nashville in der letzten Stunde vor Mitternacht in mich auf. So intensiv und schön die Stadt und die Leute sind: ich freue mich auf etwas Ruhe in der Natur!
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