Nashville und ein Wechselbad der Gefühle
Mar 6–7, 2024 in the United States ⋅ ☁️ 16 °C
Am Mittwoch wachen wir ganz entspannt auf und gehen mal wieder unserer geliebten Morgenroutine nach. Heute hopst Christian mit Bella an die frische Luft und ich kümmere mich um Kaffee, Umbau und ein bisschen Reinemachen. Als Christian wieder kommt, richtet er sich vorne im Fahrerhäuschen seinen Schreibtisch ein und ich sitze an unserem Esstisch.
Wir legen ungeplant einen richtigen Bürovormittag ein. Die Berichte der letzten zwei Tage werden geschrieben, außerdem sind die Kreditkartenrechnungen des letzten Monats bei uns eingegangen. Diese begleichen wir und Christian bastelt noch an irgendeinem Tool, dass die PDF Dateien der Kreditkartenabrechnungen in eine Exceltabelle umwandeln soll. Ich lade die Fotos von der Kamera runter, sortiere aus und bearbeite, was übrig bleibt.
Nach zwei Stündchen haben wir beide das Gefühl richtig viel "abgearbeitet" zu haben und mit absolut nichts Verpflichtendem im Nacken nach Nashville starten zu können. Immer noch ein ganz besonderes Gefühl für mich und ich führe mir vor Augen, dass ich es die nächsten fünf Monate möglichst immer, wenn ich es fühle, ganz bewusst wahrnehmen möchte.
Auf geht's also in die nächste Großstadt. Tatsächlich in dem Moment mit einem etwas gemischten Gefühl. Ich fühle mich in den letzten Jahren immer weniger wohl in Großstadtschungeln und genieße Natur meist mehr. Andererseits bin ich super neugierig auf die City of Music, die Wiege der Countrymusik und freue mich auf Livemusik und Pubs. Vor einigen Jahren habe ich die Serie "Nashville" gesehen, voll von Musik, Drama, Countrysternchen und Musikproduktion. Ich habs geliebt. Daher bin ich sehr neugierig.
Als erstes geht es darum einen Platz für die Nacht zu finden. Wir fahren zuerst das Nissan Stadion an, hier soll man auf einem Parkplatz übernachten dürfen, leider wird der gerade umgebaut. Weiter geht's nach Downtown. Auch hier ist ein Parkplatz, sofort neben einer Polizeistation, auf dem man für 20$ die Nacht stehen darf. Lustigerweise steht auf dem Parkplatz aktuell nur noch ein weiteres Auto, ein Camper aus: Esslingen. Die ersten Deutschen. Wir planen wiederzukommen, nachdem wir (mal wieder) ein paar Päckchen eingesammelt haben, die an einem Amazon Counter auf uns warten. Um kurz vor drei fahren wir wieder auf den Parkplatz, scannen den QR Code zum Bezahlen des Parkplatzes und machen erstmal ein kleines Nickerchen - ich meine wer hat, der kann, ne?! ;) Wenn man bedenkt, dass wir uns mittlerweile daran gewöhnt haben so zwischen 22 und 23 Uhr schlafen zu gehen (ja auch Christian, man mag es kaum glauben) und um 8 Uhr wach zu werden, ist es wahrscheinlich ganz klug für einen langen Abend ein wenig vorzuschlafen. Hihi, wie als Kinder an Silvester. Ich glaube das ganze nennt man Entschleunigung.
Naja, als wir wieder aufstehen, laufen gerade die beiden aus Esslingen zu ihrem Wagen. Wir kommen ein wenig ins Gespräch. Die beiden (Rentner) sind seit letztem Mai unterwegs und haben eine ähnliche Tour fast hinter sich, wie wir sie geplant haben, nur entgegen dem Uhrzeigersinn. In Halifax angefangen und Ende April geht es dann von Baltimore aus für die beiden zurück. Wir hören heraus, dass wir noch fantastische Landschaften und viel beeindruckendere Natur vor uns haben. Ich freue mich ein wenig, dass wir für uns die Tour genau richtig herum geplant haben. Die beiden erzählen, dass Ihnen Kanada im allgemeinen besser gefallen hat, als die USA...wir sind sehr gespannt. Als wir uns unterhalten saust ein weiteres Wohnmobil auf den Platz und zwei "Cowgirls" vom Schlag Dolly Parton in ihren 50gern steigen mit ihren zwei Hunden aus. Wir begrüßen uns kurz und sie fragen, ob wir auch die Nacht über auf dem Parkplatz stehen bleiben werden. Wir bejahen und die beiden richten sich ein wenig ein. Die beiden Deutschen verabschieden sich und werden heute noch weiter fahren. Wir machen uns auf in die Stadt.
In der Regel sind wir bei Stadtbesichtigungen recht planlos unterwegs und genießen genau das. Manchmal schauen wir im Vorhinein, welche Sehenswürdigkeiten es gibt, wo sich das Zentrum befindet und wo man mit Hund gut hin kann, aber das ist meist auch das höchste der Gefühle. Wir laufen erstmal runter zum Fluss und überlegen, wo wir lang gehen möchten.
Mir fällt recht flugs auf, dass sich mein Magen ziemlich plötzlich, ziemlich laut meldet. Als ich drüber nachdenke fällt mir auf, dass wir bisher die unglaubliche Menge an einer Banane pro Person gegessen haben, jetzt ist viertel nach vier Nachmittags und ich warne Christian vor, dass ich merke, dass ich sehr hungrig bin. Es gibt so einen bestimmten Punkt, den wir beide nicht wollen, dass ich ihn erreiche... ich werde dann leider zu "hangry Hanna" und bin motzig, unzufrieden und quengelig...ganz schön gruselig in solch einer Situation in meiner Haut zu stecken und wahrscheinlich auch nicht gerade das angenehmste in der Situation um mich herum zu sein. Plan A ist also was zu essen zu finden. In diesem Moment kommt übrigens Frust auf mich selbst auf, dass ich heute kein Müsli vorbereitet habe und selbst nicht darauf geachtet habe was zu essen, bevor wir uns aufmachen.
Wir biegen auf den Broadway, die Kneipen-, Restaurant- und Partymeile von Nashville, ab (bei den folgenden Beschreibungen kann man im Hinterkopf haben, dass heute lediglich ein Mittwochabend ist, was muss hier bitte am Wochenende los sein?!). Nach kürzester Zeit merke ich, dass die Kombination aus Lautstärke, Menschengetümmel, Lichtergeflacker, Hunger und die Erwartung, dass ich eine Entscheidung treffe, worauf ich Appetit habe, eine gaaaaaaanz ganz schlechte Kombination sind. Man muss sich den Broadway so vorstellen, dass die Kölner Ringe (oder auch die Zülpicher Straße), gekoppelt mit der Düsseldorfer Altstadt und eventuell auch ein wenig dem Ballermann plus Live-Musik aufeinandertreffen und sich eine Symbiose bildet. In fast ausnahmslos jeder Kneipe wird, auf mehreren Etagen, Live Musik gespielt. Die Pubs sind dicht an dicht gebaut, durch die geöffneten Fenster sieht und hört man die Bands, die mindestens aus Schlagzeug, Bass, Gitarre, SängerIn und manchmal auch einer Geige bestehen. Wenn man dort also vorbei läuft hört man innerhalb von 5 Minuten auch mindestens 10 verschiedene Bands in unglaublicher Lautstärke auf der Straße. Zusätzlich habe ich Bella an der Leine, die an jeder Ampel von den Leuten die hinter uns stehen angeschmachtet, gestreichelt und kommentiert wird (nettes Lächeln aufsetzen, Nicken und höflich bleiben) - in mir fängt sich an latente Verzweiflung breit zu machen. Zusätzlich fahren noch BierBikes über die Straße, auf denen meist 12 Leute noch ihre eigene Party feiern, grölen und deren Musik auch zu uns her plärrt. An einer Ampel sitzt eine Gruppe von 5 Kindern/Jugendlichen vor Eimern auf denen sie mit Drumsticks Melodien trommeln. Ich bin mittlerweile absolut unfähig irgendeine Entscheidung zu treffen und sehe, dass Christian merkt, wie überfordert ich bin und nicht weiß wie er reagieren soll. Ich ärgere mich über mich selbst, dass mir das hier gerade zu viel ist, ich überfordert bin- ich hatte mir das alles ein bisschen anders vorgestellt. Christian trifft eine Entscheidung und wir gehen erstmal zurück zu Freddie, der steht Gott sei Dank nur ungefähr sieben Fußminuten entfernt. Wir wollen Bella wegbringen und erstmal ein paar Cracker in mich reinstopfen, damit wenigstens eine Grundlage besteht mit der wir arbeiten können.
Bei Freddie angekommen, hangel ich mich aufs Bett und muss erstmal ein Ründchen heulen, weil ich das Gefühl habe, Christian und mir den kompletten Abend versaut zu haben, bevor er überhaupt angefangen hat. Als Christian mir Cracker und einen Schluck Whisky hinstellt und eine Melissa Etheridge Playlist anmacht, die ich liebe, brechen bei mir nochmal kurz alle Dämme. Wir verbringen 45 Minuten in Freddie und ich beruhige mich ein wenig. Was habe ich ein Glück, Christian als meinen Partner in Crime an meiner Seite zu haben. Er ist nicht genervt, sondern verständnisvoll und weiß genau, was er tun muss, damit es mir besser geht. Ich schüttle den Frust über mich selbst so gut es geht ab und überlege mit Christian, wie wir den Rest des Abends angehen wollen. Wir lassen Bella in Freddie, es ist kühl genug, die Lautstärke und das Getümmel gefallen ihr sicherlich nicht annähernd so gut, wie der Kauknochen, den wir ihr da lassen und die Ruhe und das Heimatgefühl, dass Freddie ihr bietet. Um kurz vor sechs schließen wir Freddie ab und geben dem Abend eine neue Chance.
Wieder am Broadway angekommen, weiß ich ja nun was mich erwartet und ich kann mich im Vorhinein drauf einstellen. Allein das hilft schon. Wir tauchen in das bunte Treiben ein und schlendern extra langsam an den Kneipen vorbei, um überhaupt hören zu können, welche Band welche Musik spielt. Da wir erstmal etwas Vernünftiges essen möchten, um eine Grundlage für ein paar Bierchen zu schaffen, biegen wir recht flugs in eine Seitenstraße ab und schlendern durch die Straßen. Die Black Tap Burger Bar lacht uns an uns wir treten ein und setzen und in dem Diner- ähnlichen Restaurant ans Fenster. Der Mix an Gebäuden ist ganz anders, hat aber auch einen ganz besonderen Großstadtcharme. Alte Gemäuer stehen vor riesigen Hochhäusern. Wir genießen jeder Bier, Cola und einen wirklich guten Burger. Als Beilage gibt es neben Pommes auch köstlichsten gedämpften Brokkoli an Sesam Teriyaki. Yummi.
Gut gestärkt beschließen wir, dass wir jetzt, (also jetzt auch ich) gut gestärkt und bereit sind, Downtown Nashville zu erkunden. Wir halten uns zunächst noch an die Seitenstraßen und passieren einen Mini Pub, aus dem eine unfassbar schöne Stimme die Straße beschallt. Wir gehen hinein und sind erstmal beide überrascht, dass die Stimme zu einem kleinen schmächtigen Cowboy gehört und gar keine weibliche Stimme ist. Der Sänger begleitet sich selbst mit Hilfe einer Loopstation und seiner Akustik Gitarre. Der Bartender stellt sich als Mike vor und bittet uns unsere Ausweise zu sehen zu dürfen. Wie wir später am Abend merken, werden die Ausweise von ausnahmslos allen Gästen überall kontrolliert, auch von Ü60jährigen - ganz anders als in Deutschland. Wir genießen jeder drei Guinness aus der Flasche und lauschen der wirklich guten Musik. Zwischendurch sprechen wir mit Mike und machen uns dann auf, um doch noch ein wenig in das wahnsinns- Getümmel des Broadway abzutauchen.
Auf dem Broadway angekommen sieht man super viele ganz unterschiedlich aufgemachte Persönlichkeiten. Mindestens die Hälfte läuft mit Cowboyboots und Cowboyhüten durch die Stadt; schillernde Kleidchen, Röcke, Jeans und Flanellhemden schmücken die Menschen. Die Stimmung ist ausgelassen und die Musik, meist gecoverte Country- und nicht-Country-Hits, ist fantastisch. Auf oder neben der Bühne stehen meist große Aufsteller der SängerInnen mit einem scanbaren QR Code, der auf Webseiten oder Instagram-Profile führt. Auf den Bühnen stehen 5 Liter Plastik-Eimer, in denen Trinkgeld gesammelt wird- Mal nicht aktiv und mal durch schick gemachte und aufgebrezelte Backgroundsängerinnen mit wogendem und unbequem hochgebundenem Dekolleté. Wir betreiben Barhopping und sagen uns, dass wir in jeder Bar, die wir betreten mindestens ein Bier trinken. Von urigen Holzeinrichtungen zu luftig sterilen Kneipen (bei denen wir denken, dass die Einrichtung noch von Covid Zeiten so gestellt sein muss) ist alles dabei und die Bands bieten ausnahmslos gute Shows, selbst wenn das Publikum vereinzelt recht unmotiviert wirkt und die Kneipe nicht stark frequentiert wird.
Der Abend wird lang, also sehr lang und wir genießen ihn viel mehr, als ich am Anfang befürchtet hatte. Zurück an Freddie schnappen wir uns Bella, gehen eine Runde mit ihr und hoffen noch irgendwo ein wenig FastFood aufzutreiben. Es stellt sich heraus, dass um zwei Uhr morgens in Nashville nicht mehr wirklich gut FastFood aufzutreiben ist. Wieder daheim angekommen macht Christian schonmal ein Nickerchen, während ich kurzerhand noch Nudeln mit Pesto mache, damit der Kater am morgen eventuell etwas gnädiger zu uns sein wird. Um vier Uhr schlummern wir dankbar ein, dankbar dafür, dass selbst ein Tag, der seine sehr herausfordernden Phasen hatte, sich noch so wundervoll entwickeln kann. Read more













Traveler
Waaaansinn, das wäre meine „Meile“ gewesen 🎸🍻🥩
Traveler
🍺 Ich bin garnicht neidisch, nein, bin ich nicht… grmpf 😒😢😩
Traveler
Total geil, Ich käme da nicht mehr raus