• Hello Big Easy

    Mar 16–17, 2024 in the United States ⋅ ☁️ 26 °C

    Samstagmorgen, wir wachen mit einem zauberhaft lauten Vogelkonzert auf. Der Campingplatz ist wie eine Schlaufe aufgebaut, im Wald, nah an einem Fluss und auch sehr nah am Natchez Trace Parkway, doch dieser ist kaum befahren und somit umgibt uns herrliche Ruhe und Naturgeräusche. Außer einem wirklich sauberen Klohäuschen sind in großzügigen Abständen Seitenbuchten am "Straßenrand" neben denen je Tisch, Feuerstelle, Grill und meist auch ein Mülleimer im Grünen angelegt sind. Alles etwas in die Jahre gekommen, aber super gepflegt, obwohl es so verlassen wirkt. Ich wundere mich, dass man hier umsonst stehen darf, aber es ist ganz klar am Eingang auf einem Schild geschrieben. Außer uns übernachten vereinzelt andere hier, der Platz wird aber scheinbar hauptsächlich als Übernachtungsplatz während der Durchreise genutzt, so ja auch von uns.

    Wir stolpern heute ganz entspannt in den Tag. Unser großes Tagesziel ist es, bis nach New Orleans zu kommen. Das sind noch ungefähr drei Stündchen Fahrt. Gut machbar also, trotz unserer Rest-Husterei. Ansonsten wird Christian, während ich mit Bella unterwegs bin, unser Seitenfenster provisorisch abkleben. Dieses hat sich ja teilweise ordentlich gelöst und ist auch leider mittlerweile sehr zuverlässig wasserdurchlässig. Wie war das? Es gibt immer was zu tun. Ich pelle mich also aus dem Bett und mache mich mit Bella auf zu einer Gassi Runde, während Christian Kaffee und Tee für die Fahrt vorbereitet, Freddie für den Tag fein macht und sich um unser Seitenfenster kümmert.

    Bella und ich laufen die Zufahrtsstraße in Richtung der historischen, verlassenen Stadt hoch. Bis zu dieser ist der Wanderweg allerdings mit 6,4 km ausgeschildert, eventuell ein bisschen viel für den restlichen Plan des Tages. Nach kurzer Zeit macht sich mein Handy bemerkbar; Christian hat mir ein Bild eines Kaffee-Unfalls geschickt. Der ganze Boden in Freddie ist mit Pulver dekoriert, inmitten ein schicker, perfekter Fußabdruck von Christian. Sowas passiert eigentlich hauptsächlich und mit ziemlicher Treffsicherheit eher mir als Christian, von daher freue ich mich, dass er mich teilhaben lässt, wenn ihm auch mal sowas passiert ;).

    Nach ungefähr eineinhalb Kilometern stolpern Bella und ich über eine Steintafel, auf der "The Old Natchez Trace" ausgeschildert ist. Von hier aus sieht es aus, wie ein Trampelpfad der in den Wald hineinführt. Wir schlagen den Weg ein und wandeln ab dem Zeitpunkt auf einem verwunschenen Waldweg, der von 1800 bis 1820 die am meisten begangene "Straße" im alten Südwesten Amerikas war. Die Vorstellung gefällt mir und vor meinem inneren Auge entstehen Bilder von berittenen Reisenden und Fußvolk, die sich begegnen und ihres Weges ziehen. Uns begegnen lediglich Grauhörnchen, Schmetterlinge und Vögel, die uns mit ihrer Gegenwart den Gassigang verschönern. Auf meinem Handy sehe ich, dass der Trail sofort am Campingplatz vorbeiführt und so kommen wir nach drei Kilometern von dem Trampelpfad sofort gegenüber von Freddie heraus und sind ganz beseelt von dieser schönen Runde.

    Das schwarze Aluband, das Christian verklebt hat, passt sich recht unauffällig an und nach kurzer Zeit sind wir abfahrbereit und rollen gegen Mittag los über den Natchez Trace Parkway, der sich als wunderschöner Zufallsfund herausstellt und der die "Great River Road" um Längen "aussticht". Auf dem Weg nach New Orleans sind wir mehr als einmal dankbar dafür, dass wir wieder recht frisch die Natur genießen können, dass wir uns fit genug fühlen wieder zu verschiedensten Abenteuern rollen zu können, auch wenn aktuell unsere Vorfreude auf die quirlige Großstadt nur vorsichtig und ein wenig verhalten zum Vorschein kommt. Also versteht uns nicht falsch, wir sind super neugierig auf New Orleans, die Wiege des Jazz und die Stadt, die für absolute Lebensfreude, Mystisches und köstliche Küche steht. Aber nachdem wir beide uns immer noch anhören, als wäre wir seit 30 Jahren Kettenraucher, wenn wir tief einatmen, sind wir eventuell noch ein bisschen unsicher, was super Gewusel, Menschenmengen, Quirligkeit und Erkundungstouren von mehreren Kilometern angeht. Aber wir nehmen uns vor: Alles in unserem Tempo, was wir nicht fühlen, machen wir nicht und wir lassen uns einfach treiben.

    Auf dem Weg nach New Orleans halten wir noch an einem Sonic und genießen einen dicken Burger mit Pommes zum "Frühstück", danach ist es auch nicht mehr allzu weit und nach kurzer Zeit finden wir uns auf dem Highway wieder, der die letzten Kilometer vor dem "Big Easy" auf Stelzen durch das Marschland gebaut ist. Am Horizont taucht die Skyline auf und es ist kaum vorstellbar, dass vor 19 Jahren diese gesamte, riesige Stadt nach dem Hurricane Katrina, ewig komplett unter Wasser stand, etliche Leute ihr Leben verloren haben und all das, was wir heute sehen können, wieder aufgebaut ist.

    Christian hat im Vorhinein geschaut, wo wir über Nacht gut stehen können und hat einen Parkplatz gefunden, den wir anfahren. Als wir hierauf rollen, sehen wir schon ungefähr 5 andere Camper, die ein 24 Stunden Ticket gekauft und sich für die Nacht eingerichtet haben. Da fühlt man sich doch gleich sicher und gut aufgehoben. Nach einem 20 Minuten Nap (manchmal frage ich mich ehrlich, wie man so viel Schlaf benötigen kann und wie ich bitteschön nach den 6 Monaten wieder in einen Arbeitsalltag einsteigen soll?!) machen wir uns zu Fuß auf, um das weltbekannte French Quarter zu erkunden.

    Es ist Samstagabend und zuätzlich noch einen Abend vorm St. Patricks Day. Die Stadt bebt also schon von Weitem. Ganz kurz: St. Patricks Day ist ein irischer Feiertag, das stimmt, aber dieser wird innerhalb von Amerika in riesiger Manier und mit Paraden, grünen Kostümen, Literweise Alkohol und Parties exzessiv gefeiert. Wir dachten halt erst Sonntags, aber nach einem knappen Kilometer stolpern wir über eine Parade , die im entfernten an einen Rosenmontags-Umzug erinnert. Ein wenig verwirrt sind wir von all den italienisch geschmückten Wagen. Nach kurzer Recherche wird klar, dieser Umzug ist ein Mix aus einem St. Patricks Day Umzug und einem Umzug zu Ehren des italienischen Heiligen Saint Josephs. Es ist verwirrend, auch die Personen am Rand des Umzuges scheinen nur für den Saint Patricks Day "geschmückt" zu sein. Aber welcher Heilige nun genau für den Umzug, bei dem leere Plastikbecher und bunte Plastik-Perlenketten durch die Gegend geschmissen werden, verantworlich ist, scheint den Feierwütigen egal zu sein. Hauptsache das Leben feiern, den Wagen zujubeln, Tanzen, Trinken und janz wichtig, Perlenketten fangen und sich um den Hals hängen. Ich fühle mich ein wenig wie im falschen Film. Bisher ist noch nicht viel von der "Wiege des Jazz" zu erkennen, aber wer weiß, vielleicht kommt das ja noch. Wir watscheln weiter, immer in die Richtung aus der die Parade kommt, damit wir eventuell irgendwann die Straßenseite wechseln und ein wenig tiefer in das French Quarter vordringen können.

    Während wir an der Parade entlang laufen, gehen wir durch, normalerweise wahrscheinlich eher verschlafene Gassen, die von Häusern gesäumt sind, die uns an den Baustil in Charleston erinnern. Wunderschön, meist über mehrere Stockwerke, mir verschnörkelten Eisen-Balustraden an Balkonen, auf denen die Feierwütigen stehen und sich das bunte Treiben von oben anschauen und bejubeln. Am Ende der Parade stehen wir auf einer mehrspurigen Straße, die die Grenze des French Quarter zum Central Business District markiert. Hier stehen wir in einer ganz anderen Welt, auf der anderen Straßenseite beginnt der Skyscraper Dschungel und wir wenden dem Viertel ganz schnell wieder den Rücken zu und erkunden weiter das French Quarter, fernab von der Parade. Mit einem Iced Kaffee in der Hand sind wir bestens ausgestattet. Es sind 24°C und die Luftfeuchtigkeit ist ordentlich, wir befinden uns halt einfach in einer komplett anderen Klimazone. Nach kurzer Zeit kommen wir am Mississippi an, hier liegt ein altes Steamboat, es ist ein schöner Park angelegt, in dem mehrere Gruppen und Pärchen entlang wandeln. Wir kommen am Jackson Square an, einer Open-Air Galerie, an der tagsüber bis zu 200 Künstler Freiluftkunst produzieren. Auch finden sich hier neben einer wunderschönen Kathedrale, in den anliegenden Gassen unglaublich viele Ateliers mit zauberhaft bunten Gemälden.

    Wir lassen uns Treiben und stolpern, nachdem wir staunend durch einige Gassen mit Voodoo-Geschäften, Ateliers, WahrsagerInnen und Seance-Anbietern und an unzähligen Nacht-Führungen durch New Orleans vorbei gelaufen sind, über das "Market Café", aus dem von einer Live-Band gerade Johnny B. Good auf die Straße schallt. Mega, da setzen wir uns doch und bestellen ein kühles Nass und beobachten das Treiben. Nach kurzem Überlegen lassen wir uns auch die Essens- Karte geben und entscheiden uns für eine Portion "The Taste of New Orleans", ein Probierteller mit vier verschiedenen Gerichten. Es gibt Gumbo, Crawfish Etouffe, Jambalaya und Red Beans mit Reis. Gumbo, Jambalya und die roten Bohnen schmecken uns köstlich, das Crawfisch Etouffee schmeckt und ein wenig zu krebsig, aber allgemein sind wir begeistert von dem würzigen Schmackofatz.

    Nachdem wir zwei Bierchen genossen haben, wandern wir weiter in Richtung Bourbon Street. Dem New Orleansischen Äquivalent zum Broadway in Nashville. Auf Bar-Hopping haben wir zwar keine Lust, aber einfach mal schauen und das bunte Treiben auf uns wirken lassen ist eine gute Idee. Als wir auf die Bourbon Street biegen ist es suuuuper wuselig, bunt und alles riecht nach Marihuana. Aus den Läden klingen Sounds der aktuellen Charts, HipHop und alte Soul und Blues Schinken, ein wirklich wilder Mix. Die Feierwütigen sind sehr freizügig gekleidet, tragen teilweise Masken und auch hier sitzen auf der Straße in wenigen Metern Abstand HellseherInnen, die ihre Dienste anbieten. An uns vorbei wandelt ein junger Mann mit einem Tablett, auf dem mehrere bunte Sträuße an Joints verkauft werden, aus einem Club stolziert ein sehr knapp bekleideter Stripper, um nach seiner Aufführung frische Luft zu schnappen. Die Bourbon Street ist einersetits ähnlich verrückt und andererseits so ganz anders als der Broadway. Viel zu sehen gibt es allemal und wir lassen uns durch die Straße schieben, bis wir am Ende der Partymeile wieder auf eine normale Gasse "gespuckt" werden.

    Nach den gut 6 Kilometern durch die Stadt, schlagen wir so langsam den Rückweg zu Freddie ein. Es ist noch recht früh, gern würden wir uns noch in eine Kneipe setzen und den Abend ein wenig genießen. Als wir aber keiner Bar über den Weg laufen, die uns anspricht, setzen wir uns einfach bei offener Tür in Freddie, schnacken ein wenig, trinken bei uns noch ein Bierchen und mummeln uns dann gegen 00 Uhr gemütlich ins Bettchen. Was ein verrückter Tag. Wie zauberhaft bunt sich New Orleans uns gezeigt hat. In Freddie lesen wir jeder für sich noch ein paar spannende Artikel über New Orleans, die Friedhöfe, Migrationsgeschichten, geographische Infos, da können wir uns zum Teil richtig gut drin verlieren.

    Kurz überlegen wir, ob wir all den Großstädten eventuell viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken, bzw. dass wir auf die Art und Weise, wie wir die Städte erkunden, jeweils nur an der Oberfläche der "richtigen Stadterfahrung" kratzen. Wir würden uns nicht annähernd anmaßen zu sagen, dass wir das "echte New Orleans" kennen gelernt und gesehen haben. Irgendwie fühlen wir beide es aber auch nicht, in jeder Stadt mehrtägige Sightseeing Touren zu machen und uns vorher ewig zu belesen, was man gesehen haben sollte. Wir machen das hier so wie wir es fühlen und genau so soll es sein. Es ist okay zwischendurch Phasen der Unsicherheit zu haben, ob wir auf die Art nicht eventuell das ultimative Erlebniss verpassen, aber ganz ehrlich: Wir haben schon so so viel erlebt, das alles passt ja jetzt schon auf keine Kuhhaut und wenn wir im Nachhinein eine Stadt noch genauer in uns aufsaugen wollen oder wir das Gefühl haben, etwas verpasst zu haben, dann kommen wir einfach nochmal her. Es gibt nicht die richtige Art zu Reisen und schon garnicht die falsche. Wir machen das bisher ganz gut finde ich und ich bin so dankbar für alles was wir bisher aufsaugen durften. Ich bin tierisch gespannt auf alles was noch kommt und bin mehr als dankbar mit meinen beiden Musketieren die Welt genau so, wie wir es für richtig halten, erkunden zu dürfen.
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