• Deutsche Vorfahren

    Mar 23–24, 2024 in the United States ⋅ ⛅ 21 °C

    Fast wie erwartet, haben wir beide ziemlich lange geschlafen und so stolpern wir gemeinsam mit Bella gegen halb elf aus Freddie. In der Nähe ist ein Starbucks und da keiner so recht Lust hat, den Kaffee selbst zu kochen, wird er heute halt gekauft.
    Beim Starbucks gibt es auch eine gemütliche und schattige Sitzecke und so schlürfen wir dort in Ruhe den Kaffee und machen uns ein paar Gedanken, was wir nach Fredericksburg noch in Texas besuchen wollen. Zwischendurch melde mich noch bei meiner Oma. Diese kriegt zwar zwischendurch immer mal wieder die Berichte von ihren Kindern vorgelegt, aber ist es für mich auch wirklich schön, immer kurz mit ihr zu schnacken.

    Gegen zwölf Uhr rollen wir vom Parkplatz, tanken erstmal voll und machen uns dann auf den Weg zur 1693 Distillery im Texas Hill Country. Letzteres ist ein Landstrich in Texas, der als geografische Grenzen zwischen dem Südosten und Südwesten der USA gilt, gleichzeitig aber auch der Mittelpunkt der texanischen Weinindustrie ist. Es geht entlang des Highways und vorbei an ein paar verschlafenden Nestern. Nach gut einer Stunde fahren wir rechts ran, der Kaffee treibt etwas. Kurz bevor wir losfahren wollen, kommt uns ein Auto entgegen und jemand winkt uns wild zu. Ein paar Augenblicke später unterhalten wir uns mit einem älteren Deutschen, der seit knapp 60 Jahren in Texas lebt. Er hat sichtlich Spaß daran, dass wir unseren Camper verschifft haben, und wünscht uns eine großartige Reise. Wir merken: ein guter Norddeutscher Akzent überlebt auch mehr als ein halbes Jahrhundert im texanischen Exil.

    Die Landschaft ändert sich kaum, aber mit der Zeit fahren wir an immer mehr Winzern und „Weinkellern“ vorbei. Wir sind im Zentrum besagter Weinindustrie angekommen, grübeln aber schon beim Blick auf die ersten sehr zarten Weinreben, wie daraus bloß Wein gewonnen werden soll. Zum Teil ist das wohl nur „Show“, der Wein selber wird in anderen Gebieten produziert. Aha.

    Gegen halb drei Rollen wir auf den Parkplatz der 1693 Distillery und parken Freddie hinter dem Gebäude auf einer großen Wiese, wo bereits ein paar andere Camper stehen. In weiser Vorrausicht bestellen wir beim mexikanischen Foodtruck auf dem Gelände erstmal Burger zum Frühstück und trinken eine Cola. Auch hier dauert es keine zwei Minuten und wir sind schon im Gespräch mit einem jungen Paar vertieft, die beide sehr angetan von Bella sind. Die weibliche Hälfte von Beiden kann auch ein paar Brocken deutsch, ihre Großeltern sind nach dem zweiten Weltkrieg in die USA übergesiedelt und sprechen wohl bis heute fast kein Englisch. Nach zwanzig Minuten des Austausches verabschieden sich die beiden auch und steigen in einen Shuttlebus. Für 40$ am Tag pro Person kann man diese Shuttle nutzen, die im 15 Minuten Rhythmus vorbeibekommen und sich von einer Location zur nächsten fahren lassen. Clever gemacht.

    Wir genießen die Livemusik und ich hole uns Getränke: Ein Bier für mich und eine Hill Country Lemonade für Hanna. Mal wieder ist es Bella, die ein paar Minuten später Aufmerksamkeit auf sich zieht und so gesellt sich Jacob zu uns und streichelt Bella ausgiebig, natürlich nicht ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Als dieser merkt, dass Bella aus Griechenland und wir aus Deutschland kommen, holt er sein Getränk und setzt sich zu uns: „A dumb american question – has everybody been friendly to you so far?“.
    Er ist sichtlich beruhigt, dass wir mit den Amerikanern bislang nur gute Erfahrungen gemacht haben und die negativste Erfahrung ein Mittelfinger eines LKW-Fahrers war, der etwas länger hinter uns herschleichen musste. Wie verquatschen und vertrinken uns mit ihm und seiner Frau Amber. Stolz zeigt uns Jacob das Tattoo mit dem Namen seiner deutschen Vorfahren: Heesch.
    Ich bekomme kurzerhand von einem seiner Freunde ein Bier ausgegeben und unser Versuch diesen Gefallen etwas später zu revanchieren scheitert kläglich. Statt die beiden auf ein Bier und ein Cocktail einzuladen, bezahlt Jacob zweimal das Whiskeyprobierset mit 3 Gläsern für je 30 Dollar für Hanna und ich mich. Wir sind perplex, nehmen das Geschenk aber trotz komischem Gefühl gerne an. Es gibt ja immer noch die nächste Runde.

    Wir unterhalten uns lange und intensiv über alle möglichen Themen und auch ein wenig über die Politik. Auch hier wieder ein schwieriges Unterfangen und wir stimmen einander zu, dass es andere, leichtere Themen gibt, die an einem Samstagnachmittag mit Live-Musik und guten Getränken wohl besser diskutiert werden können. Wir tauschen Nummern aus und werden zu den beiden und ihren Freunden für eine Party am Abend eingeladen, die Ferienwohnung hat auch ein Whirlpool. Wir sind nicht ganz abgeneigt, aber die Unterkunft ist mit 11 Meilen Entfernung dann doch etwas weit ab vom Schuss. Gegen 18 Uhr macht sich die Gruppe vom Hof und wir sehen aus der Entfernung das Jacob selber fährt. Ich schaue sicherheitshalber nach und ja, auch in Texas darf man nicht mit Alkohol am Steuer fahren.

    Mittlerweile haben sich die meisten Leute verabschiedet und so sitzen am Ende noch drei andere Gruppen zusammen und lauschen dem zweiten Musiker. Dieser spielt ebenfalls Countrymusik und sammelt die Lieblingsmusikrichtungen der Gäste ein. Es braucht die Hilfe der anderen Gäste, damit wir verstanden werden (Rock & Metal), am Akzent hat es nicht gelegen lernen wir später.

    Nachdem ich nochmal Wasser für uns beide hole, werde ich – zum dritten Mal am heutigen Tage – auf Deutsch angesprochen und verquatsche mich mit Karl Kellner und seiner Frau Michelle. Zwanzig Minuten später winke ich Hanna rüber und für den restlichen Abend tauschen wir uns mit den beiden Rentnern aus Michigan aus. Die Bar schließt gegen 20 Uhr und wir merken etwas später, dass wir mittlerweile auf dem Trockenen sitzen. Ein Glück, dass wir als Camper immer etwas im Bus haben. Während Karl, Michelle und Hanna zu diesen laufen, trage ich unsere Sachen zu einer Feuerschale und lege ein paar Holzscheite nach. Es ist mittlerweile dunkel und windig geworden: eine kühle Nacht kündigt sich an.
    Bis weit nach Mitternacht unterhalten wir uns mit den beiden über wirkliche alle Themen, lauschen gespannt der Lebensgeschichte und haben eine wirklich fantastische Zeit mit Michelle und Karl. Beide laden uns ein im Juli nach Michigan zu kommen und sie zu besuchen (ein Zettel den wir am nächsten Morgen an Freddie finden, bekräftigt die Einladung nochmal und macht klar, dass es nicht nur eine „Schnapsidee“ war).

    Gesättigt von viel sozialer Interaktion machen wir uns auf den Weg zu Freddie und zaubern uns noch ein paar Spiegeleier und futtern einen Gemüsewrap dazu. Auch wenn wir es dem Kater mit dem heutigen Tag recht leicht gemacht haben, wollen wir uns nicht kampflos ergeben.

    So schön die Partymeile in Nashville auch war; eine kleine Open-Air-Kneipe mit Live-Musik und einer Feuerschale ist definitiv mehr nach unserem Geschmack.
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