• Tolle Menschen im Katzenklo

    31. mar.–1. apr. 2024, Forenede Stater ⋅ 🌬 23 °C

    Ostersonntag, wir wachen zeitig auf, weil wir heute gerne in den White Sands National Park möchten. Es ist ziemlich praktisch, dass wir in der neuen Zeitzone angekommen sind. Wir werden eine Stunde eher als sonst wach und haben so ein bisschen mehr Zeit. Ehrlicherweise ist Ostern bei uns hauptsächlich im Kopf, weil zu Hause unsere Liebsten Ostern feiern und weil im Walmart Gänge über Gänge Plastik Oster Dekoration verkauft wird. Von Ostergras in allen Farben, zu befüllbaren Ostereiern, es ist wirklich eine wildes Auffahren von Wegwerfartikeln.

    Dennoch denken wir natürlich auch mit einem kleinen Stückchen Wehmut an die schönen Ostertreffen im Kreise aller Daheimgebliebenen. Bilder von köstlichen Buffets und Spaziergängen oder Ausflügen mit Fahrrädern und kleinen Ostertänzchen lassen uns aber dankenswerter weise teilhaben. Auf dem Weg zum Nationalpark machen wir noch einen Halt bei Starbucks und schnacken über einen Videoanruf das erste Mal, seit wir unterwegs sind, mit meinen Eltern. Sie berichten von einem richtig schönen Ostertag bei meiner Schwester.

    Wir rollen Kaffee schlürfend zum Visitor Center am Eingang des Nationalparks, um uns anzumelden (das muss man dann aber eine viertel Meile weiter machen) und bestaunen die Sandschlitten (sehr komfortabel aussehende Tellerschlitten), die hier für 20 Dollar pro Stück and den Mann und die Frau gebracht werden. Bevor wir auf den Hof gefahren sind, haben wir einen VW Crafter überholt, der ein Mainzer Kennzeichen hatte. Wieder zurück auf dem Weg zu Freddie sehen wir, dass dieser auch auf den Hof gerollt ist. Wir kommen ins Gespräch mit Alina und Timo, die wir ungefähr auf unser Alter schätzen würden. Beide sind seit 18 Monaten unterwegs und haben ihren Camper nach Montevideo in Uruguay verschifft und sind auf den Spuren der Panamericana unterwegs und seit 3 Tagen in den USA. Ein mega Abenteuer und super spannend. Die beiden sind außerdem Ende offen unterwegs, was wir super interessant finden. Während wir schnattern stößt Kristin zu uns, die uns ebenfalls auf Deutsch anquatscht und lustigerweise mit ihrem amerikanischen Mann Phil (beide Anfang 40) sowie ihren beiden kleinen Töchtern sofort neben unserem Sprinter steht. Gut getarnt, da ihr Sprinter ein New Yorker Kennzeichen hat. Nach kurzer Zeit eisen sich Alina und Timo los, sie haben aktuell ein wenig Zeitdruck, da sie in zwei Tagen in L.A. von Familie besucht werden. Sie haben ordentlich Meilen zu fahren.

    Kristin, Phil, Christian und ich verquatschen uns richtig, wir bekommen super viele Flyer von National- und State-Parks von den beiden. Sie sind in der Zeit in der ihre große Tochter Ilsa, die dieses Jahr in die Schule kommt, noch kleiner war ziemlich lang am Stück durch die USA getourt. Dadurch das Phil in Amerika geboren ist und die beiden so viel rumgekommen sind, sind die Tipps der beiden Gold wert. Kristin hat super viele Ideen, was wir während unserer Tour mitnehmen könnten und wie wir sie evtl. anpassen können. Wir könnten noch ewig weiter quatschen, aber Ilsa und Hallie Mae haben sich sowieso schon über 45 Minuten geduldet und aufs Sandschlitten fahren warten müssen. Wir halten locker fest, dass wir uns ja vielleicht später nochmal sehen (da wir alle ja sowieso noch in den Nationalpark fahren, in den nur eine einzige Straße mit ein paar Parkplätzen am Rand führt).

    Wir fahren los und nach ein paar Minuten verschwindet die Vegetation immer mehr und Freddie ist umgeben von weiß. Der White Sand National Park ist ein 712km² großes Gipsfeld. Durch Abtragungen über Jahrtausende durch Wind und Wetter sind riesige Dünen aus Gipssand entstanden. Das ganze Gebiet liegt knapp 1200 Metern Höhe und ist die größte Gipssandwüste der Erde. Auf dem Dünengebiet um den heutigen Nationalpark, war eine Zeitlang eine alternative Landebahn für das Space Shuttle. Auch wurde der erste Kernwaffentest der Geschichte auf einem heutzutage gesperrten Teil des Geländes durchgeführt, während das Manhatten-Projekt die Entwicklung der Atombombe vorantrieb (na, jemand Oppenheimer gesehen? 😉). Heute liegt die Holloman Air Force Base sehr nah bei den Dünen. Der Nationalpark macht nur einen kleinen Teil des Ganzen Gebietes aus und die Fläche um ihn herum wird von der AirForce als Missile Range genutzt. Im Nationalpark selbst sind 2009 menschliche Fußabdrücke entdeckt worden, die nach einigen Studien ergaben, dass sie ca. 23.000 Jahre alt sind. Durch diesen Fund konnte die bisher gesicherte Datierung des Menschen in Nordamerika um 10.000 Jahre vorverlegt werden. Ein geschichtsträchtiges und super interessantes Gebiet.

    Nachdem wir einige Kilometer auf der Gipsstraße bis zum Ende dieser gefahren sind, stellen wir Freddie auf dem Parkplatz ab und bekommen von einer Gruppe Jungs einen Schlitten geschenkt, den sie vorher genutzt haben und nun nicht mehr brauchen. Bevor wir diesen einweihen, möchten wir aber eine Runde wandern gehen.

    Es gibt eine 8km Rundwanderung durch die Dünen. Die Strecke heißt „Alkali Flat Trail“, ist aber alles andere als flach. Die Bewertungen in unserer Wander-App beschreiben diese als super anstrengend, leicht zu unterschätzen und Garanten für Sonnenbrand. Gut, dass wir gestern aus dem Amazon Locker die hässlichste aber wahrscheinlich effektivste Art an Sonnenhut abgeholt haben. Außerdem bin ich sehr froh, dass es sehr bewölkt und windig ist, so fällt es leichter lange Klamotten anzuziehen. Ob wir den ganzen Rundweg gehen oder nach einer bestimmten Zeit umdrehen, lassen wir für uns offen und nehmen uns so von vornherein den Druck.

    Fertig angezogen, eingeschmiert und mit Wasser bewaffnet, stapfen wir mit einigen anderen Wanderlustigen los. Der Sand ist die meiste Zeit fein und weich und die Dünen folgen in kurzen Abschnitten und mit unterschiedlich steilen Aufstiegen. Der Trail ist durch sehr lange rote Pfeiler markiert, von denen man meist nur den nächsten, entweder in einer Senke oder oben auf der nächsten Düne, ausmachen kann. Die Menschen, die sich am Anfang um uns herum gefühlt noch gehäuft haben, verlieren sich vor oder hinter uns in dieser wirklich unbeschreiblich verrückten Dünenlandschaft. Nach kurzer Zeit fühlen wir uns wie die einzigen Menschen und Bella sich wahrscheinlich wie der einzige Hund in dieser irren Weite. Nur selten können wir Fußabdrücke unserer Vorgänger ausmachen, da diese häufig verweht sind, sobald wir dort entlanglaufen. So weit wir schauen können, sehen wir weißen Sand in Hügeln aufgetürmt, teilweise mit einem bis zu einer Schneide aufgehäuftem Grad, den man entlang stapfen kann, dann wieder in feinsten Wellen aufsteigend oder abfallen. Ganz weit hinten am Horizont kann man grün braune Berge ausmachen. Wie atemberaubend der Kontrast zum weißen Sand bei blauem Himmel sein muss, bleibt unserer Fantasie überlassen.
    Wir kämpfen uns die Dünen hoch und rennen sie wie die Wilden nach unten und gackern dabei wie kleine Kinder – das macht ganz schön Spaß. Immer mal wieder machen wir Bella los, die Sand sowieso über alles liebt, und bestaunen wie viel schneller und leichtfüßiger als wir diese Flauschkugel die Dünen hoch und runter wetzt. Am Horizont tauchen aus verschiedensten Senken zwischenzeitlich kleine schwarze Punkte auf, die sich gefühlt in Zeitlupe nach vorn gelehnt voran kämpfen und dann wieder in das nächste Dünental verschwinden. In den Senken zwischen den Dünen ist der Boden teilweise hart, wie Gips halt. Nach guten zwei Kilometern sehen wir im weiteren Verlauf der Wanderung am Horizont viel Sandstaub in der Luft, es erinnert fast an einen Sandsturm. Dadurch, dass es so windig ist, kann man in wenigen Kilometern wahrscheinlich nicht mehr so gut sehen und auch hier merke ich, dass trotz viel trinken Rachen und auch Nase ordentlich trocken und staubig sind.
    Wir entscheiden uns umzukehren, wie sagt Christian so schön, er erwartet jetzt nicht, dass sich die Landschaft noch groß verändern wird. Trotzdem kitzelt es bei mir ein bisschen und bei Christian ein bisschen mehr in den Fingern und Füßen den Trail doch ganz zu gehen. Im Endeffekt war es wahrscheinlich klug, dass wir umgekehrt sind.

    Insgesamt gibt es zu wenige Worte um diese Erfahrung, die sich für mich so sehr wie nicht von dieser Welt anfühlt, zu beschreiben. Christian spricht zwischendurch von einem übergroßen Katzenklo. Mit gefühlt drei Kilo Sand in unseren Schuhen kommen wir wieder auf dem Parkplatz an. Als wir zu Freddie latschen sehen wir, dass die Familie Kong (Name des Instagram Accounts von Kristin, Phil, Ilsa und Hallie Mae ist @thevankongs) auch ihren Weg auf den Parkplatz gefunden haben. Sie stehen quer auf der anderen Seite und haben in den Dünen ihren Spaß. An Freddie angekommen, kommt Ilsa barfuß bei uns angeflitzt und fragt, ob wir uns einen ihrer Schlitten ausleihen wollen. Ich sichere ihr zu, dass wir gleich gerne rüberkommen und auch sogar schon einen Schlitten haben. Sie blubbert noch kurz stolz weiter, dass sie auch schon viel Schlitten gefahren seien und gerade Drachen steigen lassen, ob ich den Bienen-Drachen sehen würde (was ich tue) und dass als nächstes der Hai-Drachen ausprobiert wird.
    Wir sortieren uns kurz, während wir Schuhe auskippen, ein paar Nüsse naschen und uns von Hüten und Sonnenbrillen und Jacken befreien. Wir fühlen uns trotz der langen Klamotten wie frisch panierte Schnitzel, die Haut spannt und die Lippen schmecken salzig. Aber das war es wert. Ich creme mich nochmal ein und dann schultern wir unseren Schlitten, lassen Bella im Auto (durch Wolken und Wind sind es in Freddie angenehme 24°C), ich gehen nochmal auf die öffentliche Toilette und dann sind wir auch schon bei den Vieren angekommen. Kristin sitzt mit ihrer Kamera am Rande einer Düne, aktuell sind Ilsa und Phil oben auf der Düne, wickeln den Drachen ab und versuchen ihn in die Luft steigen zu lassen und Hallie Mae sitzt mit ihren eineinhalb Jahren im Sand, und bedient sich herzhaft an diesem, um zu schauen, ob er ihr nicht vielleicht doch schmeckt.

    Wir verbringen zauberhafte zweieinhalb Stunden zu sechst und quatschen, fahren mehrfach die Dünen runter (und klettern sie notgedrungen auch nach oben), bestaunen die Drachen, quatschen noch mehr, schäkern mit den Kids und lauschen mit leuchtenden Augen den Abenteuern der Familie. Wenn wir vorher schon dachten, dass wir paniert seien, waren wir es um kurz nach drei auf jeden Fall. Wir besprechen mit Kristin und Phil, dass wir uns einfach gemeinsam an den Stellplatz stellen können, an dem die vier bereits davor die Nacht waren. Wenn die Chemie schon so passt, dann sollte man das doch nutzen. Christian und ich wollen vorher aber nochmal zum Amazon Locker (gestern wurden nicht alle Sachen geliefert, die wir bestellt hatten), unser Abwasser entsorgen und Wasser auffüllen. Außerdem hopsen wir nochmal zum Walmart und können den Kongs von dort auch Müsli mitbringen. Ein wenig hoffen wir auch auf eine Dusche, aber der Planet Fitness hat wegen des Osterfestes verständlicherweise schon um 13 Uhr zu gemacht.

    Als wir um sechs auf den Stellplatz fahren, kommt Ilsa auf uns zu gelaufen und gibt uns erstmal zu verstehen, dass wir ja schon ganz schön lange gebraucht haben. Dann hilft sie uns noch einen guten Platz neben dem Van der vier zu finden und Christian und Phil durchdenken ebenfalls, wie wir uns am besten ausrichten könnten. Als wir geparkt haben und uns mit einem Keil immerhin in eine Richtung gerade ausrichten konnten, hüpfen wir aus Freddie, geben die Müsli-Cheerios ab und machen uns daran alle Gummibänder, die eine Doppelsicherung für unsere Schubladen während der Fahrt sind abzumachen. Währenddessen hopst Ilsa zu uns in Freddie und unterzieht ihn einem genauen Vergleich mit ihrem Van. Sie beschreibt ganz genau, wo ihr Kleiderschrank ist, fragt wie das bei uns ist und inspiziert (natürlich nachdem sie nachgefragt hat, ob sie darf) Schubladen und Schränke aufs genaueste. Ihr Fazit ist auf jeden Fall, dass Freddie richtig cool und auch gemütlich ist. Drüben im Kong-Haushalt wird gerade ein Chili vorbereitet und Stühle werden zum Essen aufgebaut. Christian schnackt ein wenig und kommt dann in Freddie und beginnt das Essen vorzubereiten. Es soll mal wieder unser aktuelles Lieblingsgericht - Reis mit Gemüse und Erdnusssoße - werden. Ilsa ist hellauf begeistert und will unbedingt beim Kochen helfen. So machen wir uns zu zweit daran beim Schnibbeln zu helfen und Ilsa befüllt nach und nach den Wok mit dem vorbereiteten Gemüse. Wir schieben unseren Toilettenhocker so zurecht, dass sie perfekt im Stehen das Gemüse im Wok rühren kann. Als das Gemüse schon brutzelt fällt Christian und mir auf, dass es ja schon recht klug gewesen wäre, zuerst den Reis zu kochen. Also wird das Gemüse-Gebrutzel unterbrochen und der Wok zum Auskühlen mit Untersetzer aufs Bett gestellt. Das Reis waschen übernimmt zu 80% Ilsa und Christian geht nach draußen und baut unsere Stühle auch schonmal auf. Als der Reis auf dem Herd steht und nicht mehr all zu viel zu tun ist, lässt sich Ilsa von Kristin überreden, etwas von dem Chili zu essen, das Hallie Mae, Phil und Kristin draußen schon essen. Vorher war Ilsa aber einfach zu sehr beschäftigt. Nachdem Ilsa fertig gegessen hat, hilft sie mir beim restlichen Zubereiten unseres Gerichtes. Phil beginnt draußen mit Hallie Mae Holz für ein Feuerchen zu hacken (Hallie Mae ist hierbei stolze Holzhalterin) und Kristin hat ihre Kamera gezückt und bestaunt die Farben des Sonnenuntergangs. Christian und ich setzen uns mit unseren Stühlen mit Blick zum See, den Bergen am Horizont und der Sonne, die gerade mal wieder dabei ist, die schönsten Farben an den Himmel zu zaubern. Ilsa holt flugs ihren Schmetterlingsklappstuhl dazu und kurze Zeit später gesellt sich auch Kristin neben uns. Die Erwachsenengespräche interessieren Ilsa nicht so sehr, also hilft sie Phil und Hallie Mae beim Feuer vorbereiten.

    Als alle satt und zufrieden sind, bringt Christian unser Geschirr zu Freddie und ich drapiere unsere Stühle zu denen der anderen ums nun schon leicht knisternde Feuer. In den nächsten Stunden gibt es Smores (Marshmallows mit Schokolade umkleidet von zwei Keksen), Nachos, Bierchen, und viele Schnattereien. Nachdem Hallie Mae und Ilsa von Phil und Kristin ins Bett gebracht wurden, trinken wir zu dritt (Kristins Geschmack ist es nicht) noch ein paar kleine Whiskys und sowohl Phil als auch Christian machen sich immer wieder auf, um nach kleinen bzw. auch etwas größeren Stöckern zu suchen, damit wir immer noch ein bisschen länger gemeinsam am gemütlichen Feuerchen sitzen können. Wir reden über Alles und Nichts, Politik, Träume, unsere Leben, Kinder, Berufe, Familien, Geschwister, Eltern, Freundschaften, das Leben der Vier zwischen zwei Kontinenten und Kulturen, über Vergangenheit und Zukunft.

    Es ist wirklich so herrlich auf Leute zu treffen, die ähnlich denken wie wir, die politisch eine gesunde Einstellung haben und die ein so spannendes Leben, mit zwei zauberhaften Wilden Seelen als Kindern, bemerkenswert zu meistern scheinen. Weit nach Mitternacht machen wir vier uns nach Rauch stinkend und beseelt, aber hundemüde auf in unsere beiden rollenden Heime. Da es richtig gut zeitlich passt, rufe ich in Deutschland an und halte mit Emma (bei der es grad 10 Uhr morgens ist) einen Osterschnack, bevor dort der Besuch zum Frühstücken eintrifft. Währenddessen spült Christian dankenswerterweise, telefoniert noch mit seiner Oma und kurze Zeit später fallen wir hundemüde, ein bisschen angeschwipst und reich an Eindrücken dieses fantastischen Tages, ins Bett.
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