• Vom Winde verweht

    5.–6. apr. 2024, Forenede Stater ⋅ 🌬 14 °C

    Es ist für unsere Verhältnisse doch schon recht spät, als wir gegen halb neun wach werden. Die Sonne wirft schon seit etwas über einer Stunde ihre Blicke auf Freddie, aber eine ziemlich steife Brise hält dagegen. Hier am Campingplatz gibt es keine Duschen, dafür können wir aber Wasser nachfüllen und Abwasser entsorgen.
    Da wir schon seit gut zehn Tagen unseren Zusatzkanister mit Wasser gefüllt haben, nutzt Hanna die Gelegenheit, um dieses Wasser für eine Haarwäsche zu gebrauchen. Am Kanister ist eine kleine Tauchpumpe verbaut, die wir per Zigarettenanzünder einfach einschalten können. Ein kleines Stück Gartenschlauch und eine Gartenbrause und fertig ist die provisorische Dusche.

    Es geht ein kurzes Quieken durch den Bus, als dass doch sehr kühle Nass auf die Kopfhaut von Hanna trifft. Nach dem ersten Befeuchten stellen wir fest, dass das Wasser aus dem Waschbecken nicht abläuft und ich schaue nochmal auf den Abwasserkanister – dieser ist randvoll. Den Füllstand hatte ich bevor es losging, zwar geprüft, mich aber gehörig vertan.
    Während Hanna den Stopfen vom Waschbecken einsetzt, lasse ich das Abwasser in unseren Urinkanister ab und entleere diese an der Abwasserstation auf dem Platz. So müssen wir wenigsten hinterher nicht mehr dorthin rollen. Das Ganze wiederhole ich dreimal und kümmere mich dann auch noch direkt um das Auffüllen unseres Wassers. Der Hahn dazu befindet sich mitten auf der grünen Wiese und so laufe ich – auch dreimal – mit dem Zusatzkanister zwischen Auto und Wasserstelle hin- und her. Während all der Spaziergänge muss ich mich zum Teil gehörig gegen den Wind lehnen. Der Blick ein die Wetterapp zeigt mir eine dunkelrote Warnung vor starkem Wind. Ich schnappe mir Bella und wir drehen eine Runde über dem Campingplatz. Unser Hund kann dem Wind nicht viel abgewinnen und ist bemüht, schnell wieder zu Freddie zu kommen. Muss wohl an der Bequemlichkeit des Alters liegen.

    Unterdessen hat Hanna einen zweiten Geburtstagsplausch mit Emma gehalten und sie haben gemeinsam ihr Geschenk am Telefon ausgepackt. So richtig glücklich ist Emma mit der nur digital vorhandenen Patentante am Geburtstag nicht, aber sie macht einen doch sehr tapferen Eindruck. Der Kaffee, den Hanna nach der Waschaktion gekocht hat, ist mittlerweile nur noch warm und so wird er für die Fahrt in Thermobecher ausgetauscht.

    Heute wollen wir nur knapp 120 Meilen fahren, uns das Monument Valley anschauen, am berühmten Forrest Gump Point vorbei und am Ende des Tages an einer Schlucht inmitten der Wildnis parken. Mit etwas Glück stehen wir da sogar allein.
    Erstmal fahren wir aber die nördliche Strecke am Canyon de Chelly entlang, einem Nationalmonument. Wir haben vorher noch nichts davon gehört und sind gespannt, was uns erwartet. Die Straße führt ein wenig bergauf, links und rechts sind vereinzelt Häuser zu sehen. Während wir am ersten Aussichtspunkt nur vorbei rollen, stoppen wir am zweiten Punkt und laufen zu einer kleinen Plattform. Ein Paar was uns entgegen kommt, rät mir meine Schiebermütze gut festzuhalten, es wird sehr windig. Während uns beiden der Wind so richtig um die Ohren fliegt, sind wir beide erstmal total platt von der Aussicht auf dem Canyon. Damit haben wir nicht gerechnet und saugen die Sicht in uns auf. Die Felswände sind zum Teil bis zu 300 Meter hoch. Als wir uns auf den Fußweg zum zweiten Aussichtspunkt machen, warnt uns ein älterer Herr vor, dass der Wind dort unten noch wilder sein soll. Wenige Meter später wissen wir, was er meinte. Ich habe mich selten in einer windigeren Umgebung bewegt und wir hören zwischendrin immer wieder für kurze Augenblicke das laute Grollen des Windes im Canyon. Während wir bei der ersten Aussicht das Ende des Canyons sehen konnten, haben wir nun einen ziemlichen Blick in Richtung der Länge des Canyons. Mal wieder sind wir begeistert. Wie soll es denn dann erst im Grand Canyon werden? Eines wissen wir beiden jetzt schon: es wird dort definitiv voller!

    Durch den Umweg am Nationalmonument vorbei hat sich unsere Fahrt um gut 20 Meilen verlängert und wir rollen zunächst erstmal wieder ein wenig ins Tal, auf eine weitere kleine Bergkette zu. Diese schimmert uns durch einen leichten, roten Sandnebel entgegen. Was das wohl für eine Sicht bei klarem Himmel ist. Diese Frage wird uns für den Rest des Tages begleiten. Während wir den Highway entlang fahren, weht ein schubartig Wind, der die meisten Zeit auf die Fahrerseite einwirkt. Während zu Beginn nur der Horizont links und rechts durch den roten Sand verdunkelt wird, verlagert sich das Ganze mehr und mehr auch auf die Fahrbahn. Von kleinen roten Dünen weht der Sand über die Fahrbahn und wir sehen die berühmten Heuballen über die Straße wehen.
    Mittlerweile sind hinter dem dichten Sandnebel die Steinformationen nicht mehr in Gänze auszumachen, obwohl sich diese zum Teil nur ein paar Hundert Meter von der Straße entfernt befinden. Der Wind nimmt immer weiter zu und die Sichtweite nimmt den roten Sandstaub auf wenige Dutzend Meter ab. Obwohl wir nur geradeausfahren und der Tempomat die Geschwindigkeit vorgibt, muss das ESP von Freddie ein paar Mal eingreifen. Wir kämpfen uns die nächste Stunde durch dieses andere Unwetter und kommen in der kleinen Stadt Kayenta an. Hier holen wir uns erstmal einen Kaffee und verputzen dann erstmal das Müsli, dass Hanna noch vor der Abfahrt vorbereitet hatte. Durch den wilden Ritt durch den Wind, war es nicht möglich während der Fahrt zu Essen.

    Gut gestärkt entscheiden wir, heute nicht mehr weiterzufahren. Die Wettervorhersage bzw. -warnung gilt bis in den Abend und so würden wir von der Landschaft auch nichts sehen. Wir sind ein wenig hin- und her gerissen, ob wir die einzige Möglichkeit der kostenlosen und legalen Übernachtung in der unmittelbaren Umgebung in Anspruch nehmen und auf einem Burger King Parkplatz übernachten oder die Navajo Nation verlassen, um dann dort außerhalb zu übernachten. Die Entscheidung fällt auf Ersteres und wir machen aus der Not eine Tugend und fahren daher zum ortsansässigen Waschsalon und kümmern uns um die Schmutzwäsche.
    Während Hanna die Wäsche in Freddie verräumt und das Bett frisch bezieht spaziere ich mit Bella durch Kayenta. Im Norden ist noch immer der aufgewirbelte Sand zu sehen. Im Osten erkenne ich dagegen schon wieder einzelne rote Blöcke, die zum Teil von der Sonne hell erleuchtet sind. Im Süden kann ich den Berg Black Mesa ausmachen, in dessen waldigem Gipfel einzelne Schneeflächen auszumachen sind. Im Westen kann ich dagegen den Regen beobachten, der sich so langsam auf den Weg in unsere Richtung macht. Welch ein Glück, dass wir auf unserer Reise durch die USA nicht auf das Aprilwetter verzichten müssen.

    Gegen 18 Uhr ist alles erledigt, wir parken beim Burger King und verspeisen dort einen Salat, der sich zwischen zwei Brötchenscheiben befindet. Dazu gibt es in Salz ummantelte Kartoffelstangen. Wir sind zufrieden mit unserer gesunden Wahl. Am Abend sitzen wir beide mal wieder vor unseren Laptops und schreiben wieder fleißig die Berichte, während Freddie vom Wind geschaukelt wird und Regen, Schneeregen und am auch ein wenig Schnee aushalten muss.
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