• Once in a lifetime ❤️

    6–7 Apr 2024, Amerika Serikat ⋅ 🌬 7 °C

    Wir haben gestern Abend glücklicherweise mit dem Heck in Richtung Osten geparkt und so profitieren wir direkt von den ersten Sonnenstrahlen, die sich auf Freddie legen. Der Schneeregen und der konstante Wind haben Freddie in der Nacht gut abgekühlt und so sind wir froh, dass es doch schon 15 °C sind, als wir uns aus dem Bett pellen.

    Es kommt wirklich selten vor, dass ich Dinge vor mir herschiebe. Aus den letzten Jahren kommen mir da nur drei Dinge in den Sinn: das Schneiden eines Hochzeitsvideos, ein versprochener Arztbesuch und der Einbau der Standheizung für Freddie.

    Letztere habe ich bereits im Oktober 2020 gekauft, aber bis Ostern 2022 gebraucht, um diese dann unter dem Fahrersitz zu installieren. Nochmal 1,5 Jahre später und zumindest die Pumpe ist am Dieseltank angeschlossen (danke nochmal an Papa und Kugelfisch für die Unterstützung). Ich bin aber guter Dinge, diese dann doch noch vor der Rückkehr aus dem Sabbatical betriebsfertig zu haben. Gerade seitdem wir flach gelegen haben, gab es ja gute Gründe, warum es seitdem noch nicht geklappt hat: entweder war das Wetter zu schlecht oder wir haben uns mitten in der Natur befunden, und ich möchte diese nicht aus Versehen durch eventuell tropfenden Diesel verunreinigen.

    Während Hanna sich um Freddie und vor allem den Kaffee kümmert, laufe ich nochmal eine Runde mit Bella durch Kayenta. An der Wäscherei von gestern werden aus einem PKW heraus Frühstück-Burritos verkauft, auf der anderen Straßenseite kann ich ein paar der Straßenhunde herumlaufen sehen. Meine Blicke verweilen aber mehr in der Ferne. Die Regen- bzw. die Schneeschauer haben auch den letzten Sand aus der Luft zu Boden gedrückt und in der Distanz lässt sich heute morgen so viel mehr ausmachen als gestern. Ich bin gespannt, was uns heute wohl an Eindrücken erwartet.

    Zunächst rollen wir in Richtung des Monument Valley, jener Ebene auf dem Colorado-Plateau, dass die meisten entweder aus „Zurück in die Zukunft“ oder aus dem Westernklassiker „Spiel mir das Lied vom Tod“ kennen. Auf dem Weg dorthin sehen wir dann aber doch immer wieder kurz ein ähnliches Bild wie gestern. Gesteinsformationen links und rechts der Fahrbahn und immer wieder, heute aber kurze, Sandstürme. Auf den letzten Metern zum Monument Valley ist davon zum Glück nichts zu erkennen und so steigt die Vorfreude auf die Aussicht.

    Die Informationen auf der Internetseite haben schon angekündigt, dass Camper auf der malerischen Route nicht gestattet sind und so haben wir uns darauf eingestellt, dass wir uns für je 8$ pro Person nur die Ausstellung über die Navajo anschauen und das Valley auf uns wirken lassen werden. Vom Parkplatz müssen wir nur ein paar Meter in Richtung einer Aussichtsplattform gehen und zu unseren Füßen liegt dann direkt das Panorama mit den vier Spitzkuppen: Sentinel Mesa, West Mitten Butte, East Mitten Butte und Merrick Butte. Die klare Sicht und die Weite in Kombination sind wahnsinnig beeindruckend und kaum in Worte zu fassen. Wie lange und intensiv Wind, Regen und Temperaturen gearbeitet und gewirkt haben müssen, um diese Ansicht zu kreieren überschreitet meine Vorstellungskraft.

    Im Besucherzentrum schauen wir uns die kleine Ausstellung an, die sich den Navajo Code Talkers widmet. Während des Zweiten Weltkrieges wurden knapp 400 Angehörige der Comanche, Hopi, Meskwaki und Navajo von der US-Armee rekrutiert. Diese kleine Gruppe war damit beauftragt militärisch sensible Informationen unter der Verwendung der eigenen Sprache zu übertragen. Durch ein zweimal erweitertes Vokabular waren sie in der Lage jedwede Informationen zu übertragen. Es wird davon ausgegangen, dass eine der bekanntesten Schlachten des zweiten Weltkrieges, der Kampf um Iwo Jima, nur aufgrund des geheimen Codes der Code Talker für die Alliierten siegreich war. Bis zur Veröffentlichung des Codes im Jahre 1968 durch das US-Militär konnte diese nicht dechiffriert werden – ein Novum.

    Nach der Ausstellung haben wir uns dann noch in den Souvenirshop begeben, konnten uns aber weder für T-Shirts, Traumfänger, Bilder oder Flachmänner begeistern. Angetan waren wir beide von den Zimtschnecken im Restaurant, von denen wir dann zwei als Frühstück mitgenommen haben.

    Ermutigt durch einen anderen Sprinter auf dem Rundweg, habe ich es mir dann doch nicht nehmen lassen diesen auch zu befahren. Eine etwas perplex dreinschauende Hanna konnte ich auch schnell davon überzeugen, dass wir mit Sicherheit die ersten 2-3 Kilometer der Strecke ohne Probleme befahren können. Die ersten paar hundert Meter windet sich die nicht asphaltierte Strecke recht steil nach unten und ich musste zunächst ordentlich mit der Bremse spielen. Ein Sportwagen mit recht wenig Bodenfreiheit hatte die Herausforderung ebenfalls angenommen und musste viel vorsichtiger als wir taktieren.

    Unten, am ersten Aussichtspunkt angekommen, gab es dann die letzten Tropfen unseres Kaffees und die leckeren Zimtschnecken. Sehr lecker, aber kein Vergleich zu denen, die wir sonst aus familiären Quellen gewohnt sind.

    Der Touristeninformationskarte entnehmen wir, dass in knapp 3 Kilometern der malerische Rundweg in Form einer Einbahnstraße beginnt. Bis dorthin wollen wir noch fahren, um vor allem die Felsformation der Three Sisters betrachten zu können. Diese sind dann aus der Nähe auch sehr spannend anzuschauen und wir wundern uns beide, dass diese Formation noch nicht in sich zusammengekracht ist. Wir müssen mit Freddie schließlich anhalten, weil vor uns ein Fahrzeug sichtlich Probleme hat, eine kleine Steigung mit sandigem Untergrund zu überwinden. Während wir warten, steigt die Beifahrerin aus und informiert uns akzentfrei: „Wie häf sam trabbel gedding ab sähr.“ Nach ein paar weiteren Versuchen ruft die Beifahrerin laut „Stopp, Stopp! Du musst rückwärts“ und wird in der folgenden Rückwärtsfahrt fast noch im Sand begraben. Das Auto wird schließlich gewendet und die Flucht nach hinten angetreten. Während wir gewartet haben, kamen mir auch kurze Zweifel, ob Freddie es schafft. Das schlimmste Szenario, das Festfahren im losen Sand, war mir dann den Versuch aber doch wert. Gas geben, einkuppeln und wir sind oben. Ziemlich euphorisch, innerlich musikalisch untermalt von Wagners Walkürenritt, fahre ich weiter. Auf dem weiteren Weg zum nächsten Aussichtspunkt ist der Untergrund ebenfalls sehr sandig und Hanna holt mich dankenswerterweise wieder etwas auf den Boden der Tatsachen zurück. So kommt es dann weder auf der Fahrt zum Aussichtpunkt noch auf dem Rückweg zu irgendwelchen testosterongeschwängerten Zwischenfällen.

    Vollkommen beeindruckt von Monument Valley rollen wir zurück auf den Highway und schon kurze Zeit später weiter auf den Forrest Gump Point zu. Bereits ein paar Meilen bevor wir diesen erreichen, wird schon vor Fußgängern auf der Straße gewarnt – diese wollen die berühmte Szene aus dem Film mit Tom Hanks nachstellen. Am Anfang sind wir verwirrt, weil wir diesen Punkt ganz anders in Erinnerung haben, aber ein Perspektivwechsel in Form eines nicht nur flüchtigen Blickes aus dem Rückspiegel hilft. Es ist wenig Verkehr und so nutzen wir die Gelegenheit uns auch einmal wie Tom Hanks einst auf diese Straßen zu stellen, schaffen es aber nicht, das ganze gut auf einem Foto festzuhalten. Auch wenn gerade keine Autos fahren, sind wir nicht die einzigen, die das Foto nachstellen wollen. Die Erinnerung kann uns aber keiner mehr nehmen.

    Weiter geht es in Richtung des Dorfes Mexican Hat, benannt nach der gleichnamigen Felsformation. Statisch ist diese beeindruckend, wir sind aber nach den monumentalen Eindrücken von Vorhin noch etwas reizüberflutet. Vor ein paar Wochen hatte ich auf unserer Google-Karte schon einen Stellplatz markiert, der sich in der Nähe vom Mexican Hat befindet. Beim Abgleich dieses Stellplatzes mit einer unserer App, habe ich dann gestern noch einen anderen Platz gefunden, der zuletzt mit „Once in a lifetime spot“ kommentiert wurde. Genau richtig also für uns drei + Freddie. Ein paar Meilen hinter dem Mexikan Hat nehmen wir also die Abzweigung in Richtung Westen in Richtung des Muley Points. Die neu asphaltierte Straße ist mit einem Warnschild versehen, dass diese nicht für schwere oder überlange Fahrzeuge geeignet sei. Wir gehören keiner der Kategorien an und düsen drauf los.

    Unser Navi weist die verbleibende Wegstrecke zum Muley Point mit knapp 14 Meilen aus, während wir uns zielsicher auf die Klippen desselbigen zubewegen. Mit nur noch knapp 10 verbleibenden Meilen beginnen Hanna und ich zu rätseln, wie denn der weitere Verlauf der Straße zum Stellplatz sein soll. Vor den Klippen ist bei all der Weitsicht keine Straße mehr sichtbar und wir können uns nicht wirklich vorstellen, dass die Straße die Fortsetzung in den Steilklippen selbst hat. Eine Meile später hat sich diese Frage dann von selbst beantwortet, als die asphaltiere Straße sich in einen breiten Kiesweg verwandelt, der sich in engen Serpentinen an den Klippen nach oben windet.

    Mit der optimistischen Einstellung, dass wir notfalls schon wieder nach unten kommen, kämpfen wir uns die nächsten 2,5 Meilen knapp 500 Höhenmeter nach oben. Während Freddie gemütlich im zweiten Gang mit etwas Gas nach oben rollt, kämpfen wir beide etwas mit der Anspannung. Es geht dicht am Abgrund nach oben und mit jedem Meter wird die Aussicht auf das Tal vor uns imposanter. Wir halten einmal an, werfen einen Blick auf das Tal der Götter und können verstehen, warum dieses diesen Namen trägt. Oben angekommen, wird aus dem Kiesweg sofort wieder eine asphaltiere Straße. Wir biegen aber direkt davor ab und folgen den letzten Meilen einer roten Schotterpiste, die sich nach starken Regenfällen mit Sicherheit in eine matschige Lehmpiste verwandelt und das Passieren so gut wie unmöglich macht. Gut, dass es bis morgen nicht regnen soll.

    Am Muley Point angekommen, sind wir beiden absolut sprachlos von der atemberaubenden Aussicht, die die Schönheit der umliegenden Landschaft offenbart. Wenn man sich an den Rand des Plateaus wagt und über die Felsen hinunterblickt, breitet sich eine Szenerie von epischer Größe und gefühlt unendlicher Weite aus. Die Weite des Horizonts zieht sich in alle Richtungen, scheinbar endlos und unberührt. Unmittelbar unter uns breiten sich Schluchten aus, die über Jahrtausende ausgewaschen wurden. An ein oder zwei Stellen lässt sich der San Juan River ausmachen, der sich durch einen Teil ebendieser Schluchten windet. In der Ferne erheben sich die majestätische Felsformationen, die wir früher am Tag aus der Nähe betrachtet haben. Durch die klare Luft sind die Konturen scharf und markant und es wirkt nicht so, als sei das Monument Valley knapp 30 Kilometer entfernt. Auf dem Plateau selbst wirkt die Vegetation auf den ersten Blick eintönig, aber mit jedem, selbst einem flüchtigen, Blick, lässt sich auch hier so unglaublich viel ausmachen.

    Wir parken Freddie für die Nacht am Muley Point und drehen in der Abenddämmerung eine Runde mit Bella. Hätte ich den Antrag nicht bereits vor der Reise gemacht, wäre dies der Ort geworden. Mit weitem Abstand ist dies der für mich schönste Stellplatz, den wir in den letzten fünf Jahren genießen können. Once in a lifetime.
    Baca selengkapnya