• General Sherman Tree

    3.–4. maj 2024, Forenede Stater ⋅ ☀️ 17 °C

    Voll mit Vorfreude auf den Besuch im Sequoia National Park werde ich wach und flitze dann auch direkt mit Bella los. Ein schlechtes Gewissen ist vorhanden, immerhin geht es nur entlang des riesigen Einkaufszentrums über die großen Bürgersteige. Bella ist das aber vollkommen egal und es wird jeder noch so kleine Strauch beschnuppert. Mit einer erleichterten und zufriedenen Bella können wir uns dann auch aufmachen. Natürlich nicht ohne uns beim Starbucks für die Fahrt noch einen Kaffee zu holen. Die Bequemlichkeit siegt zur Zeit etwas.

    Nach einiger Zeit erreichen wir dann auch die Straße, die zum Nationalpark führt. Diese schlängelt sich entlang der Three Rivers aufwärts und wir genießen den Ausblick auf das glasklare Wasser, dass sich genährt von der Schneeschmelze auf den Weg ins Tal macht. Die Natur wird zunehmend grüner und waldiger. Genau auf solch eine Szenerie hoffen wir auch in Kanada in Kombination mit einem einsamen Stellplatz. Am Eingang des Parks angekommen, stellen wir erfreut fest, dass es das Glück heute gut mit uns meint.
    Im letzten Jahr ist ein Teil der Straßen von Schlammlawinen beschädigt worden und zurzeit finden Reparaturarbeiten statt. Die Zufahrt zur Hauptattraktion ist von Dienstag bis Donnerstag von 8 Uhr morgens bis 18 Uhr am Abend nicht möglich, montags und am Freitag nur vor diesen Zeiten und zwischen 12 Uhr und 13 Uhr. Jetzt gerade ist es kurz nach Zwölf an einem Freitag und so hören wir auch auf die Rangerin und fahren direkt los. Die Sperrung beginnt nach etwas mehr als der halben Strecke und bis zum dahinterliegenden Giant Forest benötigen wir in etwa 45 Minuten.

    Gute 25 Kilometer lang schlängelt sich die Passstraße kontinuierlich aufwärts in die Berge der Sierra Nevada und es ist ein wirklich wilder Wechsel aus Links- und Rechtskurven die immer wieder von kompletten Spitzkehren unterbrochen werden (mitlesende MX5-Fahrer hätten hier auch Spaß ohne Ende). Die Aussicht in die Schlucht und der Blick ins weitläufige Tal ist der absolute Wahnsinn. Während wir am Besucherzentrum einen einzelnen, riesigen Felsen auf dem Bergkamm nur als verschwommene Struktur ausmachen konnten, wird dieser immer größer und größer.
    Es ist schon verrückt, dass sich in dieser Bergkette der größte Berg der USA (ohne Alaska) befindet und auf der anderen Seite der Berge der tiefste Punkt der USA – das Death Valley mit dem Badwater Basin.

    Nach einer der vielen Kurven geht ein lautes „wow“ unisono durch die Fahrerkabine, als wir die ersten Bäume der Gattung Sequoiadendron Giganteum erblicken. Diese hier heimische Baumart heißt im Deutschen Bergmammutbaum und gehört zu den größten Bäumen der Welt. Die Exemplare die wir nahe der Straße erblicken sind senkrecht emporgewachsen und auf den ersten gut 30 Metern sind fast keine Seitenwüchse auszumachen. Schmerzen im Nacken werden wohl vorprogrammiert sein. Kurz danach erreichen wir den Parkplatz am Giant Forest Museum, hier fahren schon knapp sechs Fahrzeuge alá Reise nach Jerusalem im Kreis und wir fahren eine Runde mit, aber auch nur, weil wir das Schild mit dem zusätzlichen Parkplatz zu spät sehen und nicht mehr rechtzeitig abbiegen können. Dort unten parken wir abseits im Schatten normaler Bäume und machen erstmal eine kleine Pause.

    Heute schlägt bei mir Migräne voll durch und bis die Tablette wirkt, halte ich ein kurzes Schläfchen und werde dann mit einem leckeren Müsli mit frischen Erdbeeren geweckt. Mit neuer Energie und fast ohne die Kopfschmerzen machen wir uns auf in Richtung eines kurzen Spazierganges. Bella schaut ziemlich betroffen drein, aber die Regeln lassen sich halt nicht ändern.

    Nach ein paar Metern – zum Teil noch über Schnee – erreichen wir den Big Trees Trail. Dieser ist um eine Wiese angelegt, die nach großen Regenfällen oder nach der Schneeschmelze komplett unter Wasser steht. Am Rundweg selbst sind in regelmäßigen Abständen Informationstafeln angebracht, die die Besonderheiten der großen Bäume beschreiben, aber auch die negativen Auswirkungen des Menschen auf eben diese. Neben einem Restaurant, das direkt zwischen zwei großen Sequoias stand, war es möglich den Fußweg – damals noch eine kleine Straße – mit dem Auto zu befahren. Zum Glück steht mittlerweile der Fokus ganz auf dem Schutz der gigantischen Bäume. Auch wenn diese je nach Standort sehr, sehr schnell wachsen können, sind die ältesten Exemplare hier im Nationalpark zum Teil über 2000 Jahre alt. An einem einzelnen Baum legen wir beide auch kurz die Hand auf die zentimeterdicke Rinde und sind sofort von Ehrfurcht ergriffen. Wenn dieser Baum Geschichten erzählen könnte, wir würden sofort zuhören. Schade, dass hier in so viele Bäume Herzen, Daten und Namenskürzel hineingeritzt wurden.
    Da diese Bäume so massiv sind, schaffen sie es aber diese Markierungen und auch Waldbrände zu überstehen, sofern diese in nicht allzu regelmäßigen Abständen stattfinden. Diese Brände brauchen die Bäume auch, damit sich der Boden im richtigen Zustand befindet, damit die Samen aus den Zapfen gedeihen können. An einer Stelle entlang des Weges stehen vier sehr große Exemplare, die auf das gleiche Alter geschätzt werden. Es wird daher angenommen, dass diese nach einem entsprechenden Waldbrand fruchtbaren Grund gefunden haben.

    Leider sorgen Waldbrände auch dafür, dass ein Teil der Population vernichtet wird. So wurden 2020 zwischen 10-15% der Bäume beim sogenannten Castle Fire vernichtet, unter anderem auch der neuntgrößte seiner Art, der „King Arthur Tree“. Bei den Waldbränden im Jahr danach fielen weitere 3-8% der Bäume den Bränden zum Opfer. Gründe für die Waldbrände sind Blitzeinschläge, die in den in den letzten Jahren immer trockeneren Wäldern Feuer entzünden, die sich rasend schnell ausbreiten können. Ironischerweise sind dagegen kontrollierte Waldbrände das beste Mittel, um die Bäume zu schützen, auch wenn diese Waldbrände nach aktuellen Studien viel, viel häufiger durchgeführt werden müssen. Unabhängig von den Schutzmaßnahmen ist klar, dass durch die Brände in den letzten Jahren das Ökosystem in Kalifornien nachhaltig gestört wurde.

    Mit all diesen Eindrücken und Informationen machen wir uns wieder auf in Richtung Parkplatz. Dank der klugen Uhr finden wir einen Weg, der uns von hinten zum Parkplatz führt und so kommen wir in den Genuss eines Flusses, der wild und zum Teil steil nach unten führt. Ein Mammutbaum, der über diese kleine Schlucht gefallen ist, liegt im Wasser und aus dem Stamm heraus plätschert ein kleiner Wasserfall. Als wenn dies nicht schon beeindruckend genug ist, überqueren wir wenig später diese Schlucht über einen ebenfalls gefallenen Baum, der als offizielle Brücke fungiert.
    Während der Fluss sich nun rechts sehr steil und tief durch die Landschaft frisst, folgen wir dem Weg zurück zu Freddie. Der Geruch von Wald, Erde und Natur verzaubert mich in Kindheitserinnerungen an Wanderungen im Odenwald mit meinen Großeltern zurück, während bei Hanna die Erinnerungen an den Wald in und um Happerschoss geweckt werden. Dort hat sie früher mit Geschwistern und Freunden wie Biber Staudämme im Bach gebaut und im so gestauten Wasser Kaulquappen gesammelt. Zumindest so lange, bis die Kirchenglocken läuteten und der Gang nach Hause angetreten werden musste.

    Nachdem wir Bella mit einer Runde über den Parkplatz wieder etwas beschwichtigt haben, erreichen wir den Parkplatz in der Nähe des General Sherman Tree. Dieser ist dem Stammvolumen nach dem größten Baum der Welt, wenn auch nicht der höchste. Insgesamt befinden im Nationalpark fünf der zehn größten Sequoias. Überhaupt ist Kalifornien ein Ort der Superlative für Bäume.
    Sowohl der größte, höchste und älteste Baum sind hier beheimatet. Der älteste Baum befindet sich im Inyo National Forest, sein genauer Ort wird aber geheim gehalten – vermutlich, damit er noch für lange, lange Zeit der älteste Baum bleiben kann. In ein paar Tagen werden wir im Redwood National Park sein, wo sich der höchste Baum der Welt befindet. Dieser wurde erste 2006 entdeckt und auch hier wird der genaue Standort nicht veröffentlich. Da es aber zu genüge Abenteurer gibt, die sich auf die Suche nach diesem Baum machen, dabei querfeldein wandern und für Schäden im Wald verantwortlich sind, ist das Erreichen das Baumes mittlerweile unter Strafe gestellt – neben einer gehörigen Geldstrafe droht hier auch Haft. Begrüßenswert.

    Zurück zum Tag. Der Spaziergang vom Parkplatz führt uns über einen asphaltierten Weg abwärts in Richtung des General Sherman Trees. Dieser ist bereits aus der Entfernung auszumachen, weil er für seine kahle Spitze bekannt ist. Auf dem Weg dorthin lernen wir, dass der größte aller Bergmammutbäume, der „Vater des Waldes“ schon vor Jahrhunderten gefallen ist – wohl vollkommen unabhängig von menschlichen Einflüssen. Er soll über 130 Meter hoch gewesen sein.
    Beim General angekommen, ist dieser mit seinem gigantischen Stammdurchmesser und knapp 84 Metern Höhe nur schwer zu greifen. Sich vorzustellen, dass es einen Baum gegeben haben soll, der nochmal 50 Meter höher gewesen sein muss – mit einem ähnlichen Durchmesser – ein Ding der Unmöglichkeit. Auf einem der Fotos ist auch ein Stamm zu erkennen, der vom General abgebrochen ist und sich in den Asphalt gegraben hat. Unvorstellbar, was dies für einen lauten Knall gegeben haben muss.

    Zurück am Auto machen wir uns langsam auf den Weg aus dem Nationalpark. Wir suchen uns ein Plätzchen für die Nacht im Sequoia National Forest und werden nach einiger Zeit fündig. Die ersten Plätze lagen noch auf über 1800 Höhenmetern und da ab den frühen Morgenstunden in Höhenlagen vor einen Schneesturm gewarnt wird, wollen wir dann doch auf Nummer sicher gehen.
    Während ich in der Dämmerung mit Bella die Gegend um den Platz erkunde, zaubert uns Hanna eine leckere Kartoffelpfanne. Satt, zufrieden aber vor allem zutiefst beeindruckt verbringen wir den Abend und schlafen dankbar ein.
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