• Gloria, Victoria wide-wide-witt, juch-he

    18–19 Mei 2024, Kanada ⋅ ☀️ 10 °C

    Es ist Samstag und wir werden am Parkplatz an dem Hundepark wach. Unser Plan für heute ist es, weiter nach Victoria zu fahren, der Hauptstadt von British Columbia, die hier auf Vancouver Island verortet ist. Es ist noch nicht zu mir durchgedrungen, dass wir jetzt wirklich in Kanada angekommen sind. Es warten so viele neue Eindrücke auf uns und gleichzeitig arbeiten all die wundervollen Erlebnisse aus den USA bestimmt noch eine ganze Zeit lang in uns nach.

    Christian hopst mit Bella aus Freddie und nutzt noch einmal ordentlich diesen riesigen Dog Park, der so schön angelegt ist und es ermöglicht, dass Bella eine große Runde auf einer riesigen Rasenfläche unangeleint herumtollen und Bekanntschaften mit anderen Fellnasen schließen kann. In der Zeit in der die beiden unterwegs sind, mache ich Freddie abfahrtbereit; unseren Morgenkaffee wollen wir nach Victoria verlegen und uns bald nach der Rückkehr von den Gassi-Gängern aufmachen. Gestern Abend haben direkt neben uns noch lautstark Deutsche geparkt, die sich gerade in dem Moment aufmachen wollen, als Christian mir schreibt, dass er sich gleich auf den Rückweg zu Freddie machen möchte. Wir haben beide recht wenig Lust auf einen Schnack und so schreibe ich ihm, dass er damit rechnen muss in ein Gespräch verwickelt zu werden, wenn er jetzt zu Freddie kommt. Kurz überlegen wir via Signal, ob Christian sich Freddie über die Fahrerseite nähern und unbemerkt einsteigen sollte und ich dann nach der ersten Wegbiegung nach vorne klettere 😂. Stattdessen dreht Christian ein extra Ründchen und wartet, bis die lautstark schnatternde Gruppe abgefahren ist. Ob unsere Gesprächsoffenheit Deutschen gegenüber wohl gerade im Keller ist?!

    Wir fahren bald darauf los und suchen uns nach kurzer Zeit einen kleinen Parkplatz, weil wir ein recht spontanes Telefondate mit Holungen haben. Ernst und Petra holen dieses Wochenende Ida ab und wir ergreifen die Gelegenheit beim Schopf. Ernst ist im WLAN und so ist die Videoverbindung besser, als vor zwei Wochen als Hans-Dieter und Karin unten waren. Es ist schön Luise, Ida, Ernst und Petra kurz zu sehen und sich ein paar Minuten auszutauschen. Familie fehlt und so genießen wir immer wieder eine Leitung nach Hause.

    Danach geht es weiter in Richtung Stadt und als wir durch die ersten Straßen Victorias fahren, hält sich meine Lust auf einen ausgiebigen Stadtbummel zunächst noch in Grenzen. Aber unsere Neugier siegt, wir strecken unsere Fühler aus und machen uns zunächst auf die Suche nach Kaffee. Nur einen kurzen Fußmarsch von unserem Parkplatz am Straßenrand aus schlendern wir an den ersten Cafés vorbei. Die Bewohner Victorias sind so ganz bunt durchmischt, von bunten Haaren, Tattoos und Piercings bis hin zu schick gekleideten Männeken mit Mini Hündchen ist alles dabei und der Flair hat uns schnell in seinen Bann gezogen. Aus einem der Cafés besorgt Christian uns zwei to go Becher schwarzen Glücks und wir stiefeln weiter. Recht schnell gelangen wir nach Downtown und sind in Wassernähe. Wir passieren Irish Pubs, Restaurant, Buchläden und Malls; ich muss ein wenig an Edinburgh, Bonn und Christian an Stockholm denken. Viele Städte die wir wirklich gern mögen sind mit einzigen Bereichen dieser Stadt vergleichbar. Auch wenn hier einige hohe Häuser ihr Spitzen in den Himmel recken, sind es nicht solche, wie in Miami, Las Vegas oder L.A., die eine Stadt für mich zu einem Großstadtdschungel werden lassen, in dem ich mich eher nicht wohl fühle. Victoria scheint „luftiger“ und der Geruch von Meeresluft punktet bei mir sowieso immer sofort. Wir erreichen den Hafen (bzw. einen der vielen kleinen Häfen der Stadt) und machen eine kleine Toilettenpause. Während Christian auf Toilette ist und ich mit Bella warte, spricht mich ein netter Security Mann an und fragt ob er Bella hallo sagen dürfe; ich habe davor schon beobachtet, wie er sich von Hund zu Hund durch die Hafengegend streichelt. Er ist neugierig, wo wir herkommen, gratuliert uns zu der klugen Idee nicht in der touristischen Hochsaison herzukommen und wünscht uns ganz viel Spaß bei unserer weiteren Reise. Nach der Toilettenpause halten wir auf ein Gebäude zu, das dem Kapitol in Washington ähnlich sieht. Vor diesem wird heute scheinbar eine Veranstaltung ausgerichtet. Aus der Ferne hört man eine Sängerin, die nach der kanadischen Nationalhymne einige Popsongs zum Besten gibt und eine kleine Menge an Leuten auf dem Rasen des Gebäudes unterhält. Auf unserem Weg am Hafenbecken entlang sehen wir einige Wasserflugzeuge landen und abheben, was mich ganz schön in den Bann zieht. Außerdem schippern von verschiedenen Haltepunkten der Bucht Wassertaxis los, die wie ein Bus unterschiedlichste Haltestellen auf dem Inselstädtchen ansteuern. Als wir das Hafenbecken hinter uns lassen, flanieren wir über den Rasen der Veranstaltung und beobachten Kinder beim Herumtollen, Pärchen mit Hunden, die es sich auf dem Rasen gemütlich gemacht haben, und einige zu der Musik im Takt wippende und tanzende Menschen.

    Wir lassen die Menschen hinter uns und watscheln immer an der Wasserlinie weiter entlang in Richtung Fishermans Warft, einem als Highlight angepriesenen Ausflugsziel der Stadt. Auf dem Weg wir Bella von einigen Einheimischen gestreichelt, die Aufmerksamkeit ist ihr, wie immer, sicher. Wir passieren einen kleinen Park am Wasser, einige Hotels und ziemlich schicke Häuser. Die Aussicht auf die Buchten ist wirklich traumhaft, teilweise ragen riesige bewachsene Felsen aus dem Wasser, die bemoost und grasig sind und hinter denen schicke Häuser in Holzbauweise hervorlugen. In dem Bereich von Fishermans Wharft angekommen sind wir gefangen von dem Anblick dutzender knallbunter Hausboote, die an mehreren Stegen das zu Hause von einigen Insulanern bilden. Hier ist es recht voll und die Touristen und auch wir schlendern an der Essensmeile entlang hin zu offenen Ateliers, Kanuverleihen und kleinen Souvenirgeschäften. Dahinter beginnen die Privathäuser und ich denke darüber nach, wie stressig ich es empfinden würde in einem dieser Häuser zu wohnen, wenn ich mir vorstellen wie viele Touristen in der Hochsaison (mir würde ja schon der Pulk reichen, der hier heute rumläuft) an meinem Wohnzimmerfenstern vorbei flanieren würden. Aber die Aussichten von den Dachterrassen sind wahrscheinlich wirklich wundervoll. Wir ziehen uns von dem Steg der Privathäuser zurück und steuern den Bereich an, in dem es einige Restaurants und Imbisse gibt. Nach kurzem Überlegen, was wir „brunchen“ wollen, entscheiden wir uns für einen Fischladen, bei dem es allerlei frisch gefangene Leckereien gibt. Kurze Zeit später stehen ein Heilbutt-Fischbrötchen, ein Lachs-Chowder (Eintopf) und ein Fischtaco vor unserer Nase und uns läuft das Wasser im Mund zusammen. Wir genießen das Essen und die Aussicht auf das Wasser.

    Nach der Stärkung gönnen wir uns noch ein Nachtisch Eis uns schlendern durch verschiedenste Straßen wieder zurück in Richtung Downtown. Es ist superschön ohne Plan durch die Straßen zu flanieren und zu schauen, was so hinter der nächsten Ecke auf uns warten wird. Wir machen Halt in einem Buchladen, um uns nach einem Buch zu erkundigen, dass nicht nur als Straßenkarte, sondern auch als Campingplatz- und Wanderweghelfer auf Vancouver Island fungieren könnte. Christian hatte von dieser Buchreihe gelesen und wir wollten einen Blick hineinwerfen. Dadurch, dass wir nicht wissen, wie gut sich hier Campingplätze mit unserer App iOverlander finden lassen (neues Land und andere Sitten und so – ist halt noch alles unbekannt). Beim Eingang schauen wir, ob an der Tür irgendetwas gegen die Mitnahme von Hunden spricht. Da dem nicht so ist, nehmen wir Bella also mit rein und hoffen, dass wir nicht als unhöflich empfunden werden. Kaum passieren wir den Kassenbereich, der in altem, schwerem, dunklem Holz vorne im Eingangsbereich prangt, werden wir von einem Mitarbeiter darauf angesprochen, dass Bella aber ja wirklich ganz wundervoll sei und ob er ihr ein Leckerchen geben dürfe. Gut, dann ist also auch die Frage geklärt, ob Hunde erlaubt sind. Er holt hinter dem Tresen eine riesige Box voller Hundeleckerlies raus und versetzt Bella in absolute Glücksseligkeit. Danach hilft er uns die richtige Regalreihe zu finden und führt uns in den hinteren Teil des wunderschönen, antiken Ladens. Auch im hinteren Teil lösen sich Mitarbeiter wie Schatten aus verschiedensten Bereichen und lassen Bella eine ordentliche Portion Streicheleinheiten zukommen. Ich glaube Queen B. würde sich hier sofort als Bücherei Hund anstellen lassen. Nach ausgiebigem Blättern in dem Reiseführer finden wir diesen großartig aufgebaut aber entscheiden uns dazu erstmal zu schauen, wie weit wir mit unseren USA erprobten Apps hier in Kanada wohl kommen werden. Danach stöbern wir noch ein wenig durch die verschiedenen Belletristik Abteilungen und ich erinnere mich daran, wie sehr ich Bücher liebe. Gerade seit dem Arbeitseinstieg lassen sich die Zeiten, in denen ich auch im Arbeitsalltag gelesen habe, fast an einer Hand abzählen. Jetzt hier im Sabbatical erinnere ich mich aber immer mehr daran, wie sehr ich in Bücherwelten versinken kann und wie viel ich früher immer gelesen habe. Ich liebe auch „echte Bücher“, allerdings ist es auch so praktisch einen Kindle zu haben, der so leicht und handlich ist und auf dem ich so viele Bücher gleichzeitig transportieren kann. Trotzdem, Buchhandlungen sind toll 😍.

    Nach unserer Stöberei steuern wir dann ein Einkaufszentrum an. Christian hat sich im Vorhinein über mögliche Telefonanbieter Kanadas schlau gemacht, die für unsere SIM-Karte für den Router in Freddie in Frage kommen. Hier sind Hunde allerdings nicht erlaubt und so mache ich es mir mit Bella auf einer Bank in der Sonne bequem. Ich beobachte Busse beim Kommen und Gehen, genauso wie verschiedenste Menschen beim Vorbeieilen, Innehalten und Warten. Um eine SIM-Karte reicher stößt Christian nach einiger Zeit wieder zu uns und verlängert dann spontan noch die Parkuhr per App um eine weitere Stunde, denn wir möchten in einem Pub gern noch ein Guinness genießen, bevor wir uns dann im Laufe des späten Nachmittags auf „in die Wildnis“ machen wollen. Wir genießen das Guinness in einem kleinen Biergarten vor einem Pub und unterhalten uns dort noch nett mit einem Paar, das hier in Victoria wohnt und deren Hund, als wir mit Bella an ihm vorbeigelaufen sind, kurz lautstark sein Revier verteidigt hat. Ein kleiner Teil von uns überlegt, ob wir nicht doch eventuell eine Nacht mit Freddie hier in der Stadt stehen bleiben und einen Kneipentour genießen wollen. Allerdings ist die Stellplatzsituation hier in Victoria nicht ganz so einfach und bei nahezu jedem Übernachtungsplatz der App steht, dass sehr nette Polizisten an die Vans geklopft und um Weiterfahrt gebeten haben. Also machen wir uns nach 6 Stunden Stadterkundung mit Freddie auf zur Weiterfahrt.

    Bevor wir die Stadt verlassen, machen wir noch Halt an unserem ersten kanadischen Supermarkt und stocken unsere Frischeabteilung in Freddie auf. Außerdem besuchen wir noch eine Tierhandlung und besorgen eine neue Ladung Futter für Bella. Der Tag bis jetzt schon so ereignisreich gewesen, dass wir uns beide aufs Ankommen freuen. Gerade jetzt beim Rückblick merke ich, wieviel wir erlebt haben. Vor unserem Halt in Victoria hatte ich heute Morgen zwei mögliche Plätze markiert, die allerdings beide mehr als eine Fahrtstunde entfernt sind. Wir fahren in die Richtung der Stellplätze, überlegen aber, dass wir einige Campingplätze, die auf dem Weg liegen ansteuern könnten, die weniger Fahrtzeit erfordern. Wir fahren an insgesamt vier Campingplätzen vorbei, an deren Einfahrt allerdings bereits je ein großes Schild hängt, das zeigt, dass der Platz voll belegt ist. Verrückt, das sind wir aus den USA nicht gewohnt. Scheinbar ist die Campingsaison hier definitiv schon gestartet. Naja, kein Problem, dann rollen wir doch die Plätze zum Freistehen an, die wir uns ausgeguckt hatten. Unser Weg führt an der Küste entlang, die teilweise mit schönsten Häusern an Klippen, Stränden oder auch dichter Bewaldung aufwartet.

    Noch vorm Sonnenuntergang erreichen wir den ausgeguckten Platz, der in der Beschreibung nicht zu viel versprochen hat. Wir stehen auf ca. 100 Meter über dem Meer an einem kleinen Trampelpfad. An einem Abhang unter uns ist eine große Fläche mit Schösslingen, dann schaut man auf Nadelbäume, die sofort am Meer stehen und durch unsere erhöhte Lage haben wir einen wundervollen Meerblick. Am Horizont sieht man die Berge der Olympic Halbinsel, auf der wir vor drei Tagen noch unterwegs waren. Der Stellplatz liegt gegenüber von unserem Spaziergang von vorgestern, an der „Devils Punchbowl“, nur halt auf der anderen Seite des Meeres in Kanada. Zwischen Vancouver Island und Washington ziehen Kreuzfahrtschiffe langsam ihre Bahnen und wir genießen die absolute Ruhe, die uns umgibt.

    Christian geht noch ein Ründchen mit Bella und ich mache uns einen Ramen zum Abendessen. Dazu gibt’s eine Folge Outlander und danach wird noch gelesen und gedaddelt. Auf Christians Empfehlung hin habe ich gestern mit der Buchreihe „Silo“ angefangen, nachdem ich meinen Abschiedsschmerz von meiner letzten Leseerfahrung überwunden habe 😉. Was ein schöner, voller, aufregender und toller Tag. Ist das Leben gut zu uns.
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