Das Beste kommt am Ende (des Tages)
25–26 Mei 2024, Kanada ⋅ ☁️ 11 °C
Auch wenn wir den neuen Tag gerne noch nutzen würden, um die Seele baumeln zu lassen, richten wir uns nach dem Aufwachen sehr schnell nach der aktualisierten Wettervorhersage. Für unser Gebiet wird für den Tag doch kein Regen mehr erwartet. Während Hanna trockenen Fußes mit Bella die Waldstraße entlang stampft, säubere ich erstmal Freddie. Der Dreck, den wir sonst nach Gassigängen in unsere große Wohnung zuhause schleppen, verteilt sich hier halt auf viel weniger Fläche.
Zwischendurch blitzt hinter den Wolken die Sonne hervor, sodass es sich während des Kaffeekochens auch gut bei offener Tür aushalten lässt. Ich kann währenddessen zwei Angler beobachten, die in voller Montur über die Kiesbank in der Mitte schlendern, immer wieder die Angel auswerfen und dabei ganz entspannt an ihrem Joint ziehen. Auch eine Art, sich den Samstagvormittag selig zu vertreiben.
Nachdem der Kaffee getrunken ist und wir alle abfahrbereit sind, geht es schnell wieder zurück zum Highway. Den wenigen Müll entsorgen wir in den großen Mülleimern am Rastplatz. Selbst hier ab vom Schuss gibt es Mülleimer in allen Farben zum Recyceln. Nach einer Woche in Kanada fallen uns immer mehr solcher kleinen, aber feinen Unterschiede auf. Das Thema Müll in der Wildnis ist hier stärker ausgeprägt als zuletzt in den USA. Aber das lässt sich nicht an einer einzelnen Nationalität festmachen. Egal in welchem der von uns bisher bereisten Länder, überall dort, wo Menschen waren, findet sich Müll in der Natur. Dafür wird hier in Kanada wesentlich mehr für die Nachhaltigkeit und den Verzicht auf Plastik getan. Ob es nur die aufgestellten Recyclingtonnen sind oder die Verwendung von Pappgeschirr anstelle von Plastik.
Die Straße in Richtung des Pazifiks schlängelt sich entlang eines Flusses – immer wieder können wir einen Blick auf das kristallklare Wasser werfen. An einzelnen Stellen gibt es immer wieder kurze Haltemöglichkeiten, sei es um kleine Stromschnellen, Wasserfälle oder Gedächtnisstätten der First Nations zu besuchen. Diese umfassen über 600 verschiedene indigene Völker in Kanada. Wir entscheiden uns, auf dem Rückweg (die Straße in Richtung des Pazifiks ist eine Sackgasse) an der einen oder anderen Stelle zu halten. Wir passieren die West Coast Wild Zipline. Normalerweise stehe ich dem Preis-Leistungs-Verhältnis immer etwas kritisch gegenüber, aber hier sind im Preis von ca. 90€ insgesamt sechs Seilrutschen enthalten, die durch unterschiedliche Gebiete führen. Vielleicht nehmen wir das Spektakel an einem der nächsten Tage noch mit.
Auf dem Weg nach Tofino passieren wir das Pacific Rim National Park Reserve, welches sich auf verschiedene Gebiete entlang der Küste verteilt. Es ist der Nationalpark mit den drittmeisten Besuchern in Kanada, die sich hauptsächlich auf die Sommermonate verteilen. Wir sind beide ziemlich überrascht von den vielen Touristen und Wohnmobilen, die sich hier in der Ecke tummeln. Damit haben wir nicht gerechnet, aber es verteilt sich doch sehr gut.
In Tofino angekommen, parken wir am Ortsrand und spazieren los. Die kleine Einkaufsmeile ist gesäumt von ein paar Restaurants, und auf einer kleinen Grünfläche findet gerade ein esoterisch angehauchter Kunstmarkt statt. Neben schönen Bildern gibt es dort auch kleine Holzschnitzereien, Schmuck und Senf nach Art von Todd’s Grandma zu kaufen. Es ist eine gemütliche Atmosphäre, die uns wenig später aber auch wieder zurück auf die Straße spült. Das Örtchen ist sehr klein und so sind wir nach nicht mal 2 Kilometern schon wieder an Freddie. Aus dem Augenwinkel entdecken wir ein kleines Café auf der anderen Straßenseite. Wir setzen uns nach draußen in die Sonne, und nach einer kurzen Wartezeit kommen wir in den Genuss von Kaffeespezialitäten und leckeren Humus- und Käsebroten.
Wir machen uns auf den Weg zum Nationalpark und wollen dort zwei kleine Rundwege entlang des Regenwaldes erkunden. Am Parkplatz angekommen, durchsuchen wir aber erstmal eine Viertelstunde unser Auto, ohne Erfolg. Wir haben es geschafft, den Nationalparkpass, den uns die Kongs vermacht haben, zu verbummeln. Auch heute, einen Tag später, haben wir das Papier noch nicht finden können. Gerade als ich die Kreditkarte in den Automaten stecken möchte, um einen entsprechenden Tagesausweis zu kaufen, bietet mir eine deutsche Touristin ihren Ausweis verbilligt an und ich nehme das Angebot gerne an.
Als wir uns auf den Weg zum ersten Rundweg machen, werden wir aber von einer Parkrangerin darauf aufmerksam gemacht, dass kurz vorher ein Puma in dem Gebiet gesichtet wurde und dieser Trail fürs Erste gesperrt ist. So fangen wir dann mit dem anderen Rundweg an.
Dieser führt knapp zwei Kilometer durch den dicht bewachsenen Regenwald. Die Besonderheit hier: der komplette Weg führt über Planken, sodass wir zu keinem Zeitpunkt den Waldboden betreten. Informationstafeln entlang des Rundweges geben Einblick in die Geschichte der Umgebung und des Regenwaldes im Speziellen. In dem auf den ersten Blick stark von Zerfall geprägten Wald lassen sich dann aber unglaublich viele Details ausmachen. Wir schaffen es beide (Bella auf ihre Art), in diese surreale Welt einzutauchen. Nach einem Großteil des Weges kommen wir ins Gespräch mit einem älteren Ehepaar, die im Jahr von Hannas Geburt von der Schweiz nach Kanada ausgewandert sind. Während wir andächtig lauschen, merken wir an der Art und Weise, wie sie von diesem Land berichten, dass sie die Entscheidung zu keinem Zeitpunkt bereuen.
Am Parkplatz angekommen, lernen wir, dass es dieses Jahr auf Vancouver Island feuchter und kälter als in den letzten Jahren ist. Wir sind aber auch um ein paar Reisetipps reicher bzw. haben ein paar unserer Ideen bestätigt bekommen. Da der erste Rundweg immer noch gesperrt ist, verabschieden wir uns. Für uns drei geht es weiter nach Ucluelet.
Wir fahren zuerst durch den Ort, der etwas größer als Tofino zu sein scheint. Die geschulten Augen machen direkt ein Fish & Chips Restaurant aus, das wir uns für später merken. Wir steuern den Parkplatz in der Nähe des Leuchtturms an und spazieren wieder los. Dieser Rundweg führt uns direkt an die zerklüftete Küste und wir genießen den Blick auf das raue Meer. In unmittelbarer Nähe sind kleine, bewachsene Felsen im Meer auszumachen. Wir passieren den Leuchtturm, der eher wie ein kleines Türmchen aussieht. Nach ein paar weiteren Aussichtspunkten führt der Weg zurück in den Wald. Bei diesem handelt es sich auch um einen Regenwald und wir staunen, wie sehr er sich dann doch von dem anderen unterscheidet.
Zurück am Parkplatz angekommen, machen wir uns auf den Weg zu Jiggers, dem Restaurant. Wir bestellen eine dreiteilige Portion Fish & Chips, wobei wir hier natürlich das Upgrade auf Poutine dazu bestellen. Die Restaurantküche ist dabei in einem Foodtruck untergebracht und wir setzen uns in den windgeschützten Innenbereich. Wenig später bekommen wir die „übersichtliche“ Portion geliefert und mampfen fröhlich drauf los. Der Fisch ist richtig gut und kommt dem nahe, den wir vor zwei Jahren an der Ostküste Schottlands gegessen haben – aber auch nur fast.
Gesättigt machen wir uns auf den Weg zu unserem Stellplatz. Hier in der Gegend haben es die Touristen mit dem Übernachten oder eher mit dem Entsorgen von Müll in der Natur in den letzten Jahren wohl übertrieben, sodass es hier keine offiziellen Stellplätze in der Wildnis mehr gibt. Den Campingplätzen in Tofino bzw. Ucluelet merkt man die touristische Lage dann auch anhand der Preise an, sodass wir uns für eine Rückkehr zu unserem Stellplatz der letzten Nächte entscheiden.
Es geht also entlang des Highways zurück, und zu dieser Stunde sind mit uns auch kaum Fahrzeuge unterwegs, sodass es ein ganz entspanntes Fahren wird. Als wir die Einfahrt zur Zipline passieren, nehme ich aus dem Augenwinkel etwas wahr, und es braucht hundert Meter, bis ich mir sicher bin. Während ich bremse, schaue ich Hanna an, sage nur grinsend „Kamera“ und wende Freddie.
Wir biegen in Richtung der Zipline ab und halten an der verschlossenen Schranke, knapp hundert Meter vom Highway entfernt. In vielleicht zwanzig Metern, etwas verdeckt von den Büschen, verdingt sich gerade ein Schwarzbär. Anders als noch im Yosemite Nationalpark müssen wir hier nicht lange überlegen, die Fellfarbe ist eindeutig. Von unserer Anwesenheit nimmt der Bär mit einem Blick Kenntnis, lässt sich aber ansonsten nicht stören. Während wir zunächst den Anblick genießen, versucht Hanna den Augenblick auch auf einem Foto festzuhalten.
Ich schaue aus dem Fenster auf der Fahrerseite und nachdem ich mir sicher bin, keine anderen Bären in der Nähe zu sehen, klettere ich direkt vom Fahrersitz auf unsere Terrasse (es ist definitiv Zeit, dass ich wieder mit dem Bouldern beginne) und lasse mir die Kamera geben. Aus der leicht erhöhten Perspektive habe ich einen etwas besseren Blick auf den Bären, dieser hält seinen felligen Kopf aber mit einer beeindruckenden Beharrlichkeit aus meinem Sichtfeld. Wir lassen das Schauspiel eine gute Viertelstunde auf uns wirken und ja, wir grinsen dabei wie zwei kleine Schulkinder.
Nachdem wir uns wieder auf den Weg gemacht haben, stellen wir fest, dass wir sehr froh darüber sind, eine solche Sichtung aus unserer Blechfestung gemacht zu haben. Einen Bären auf einer der Gassirunden in unmittelbarer Nähe zu sichten, wäre vermutlich auch ein Erlebnis, das es im Nachgang nötig machen würde, frische Unterwäsche anzuziehen. Auf dem Weg zurück zu unserem Stellplatz biegen wir noch einmal vom Highway ab und stoppen auf einem Waldweg, der langsam zuwuchert. Hier können wir zu einem kleinen Wasserfall hinabklettern und schlendern beide ganz andächtig auf den zum Großteil flachen Felsen entlang. Wir nutzen die Zeit, um all die Eindrücke des Tages wirken zu lassen und überlegen, ob wir die Nacht nicht hier verbringen möchten. Möglich wäre es, aber wir haben dann doch ein wenig Sehnsucht nach unserem Platz, dort haben wir einfach die perfekte Aussicht auf den Fluss direkt vor unserer Nase.
Wir verlassen die kleine Ausbuchtung im Wald und sehen in der nächsten Ausbuchtung freundlich grüßende Gesichter, deren Freude im Gesicht noch etwas größer wird, als sie unser Kennzeichen entdecken. Das Dreiergrüppchen ist auch schon seit einiger Zeit unterwegs; die Zeit auf Vancouver Island neigt sich aber langsam dem Ende. Oliver hat seine Freundin Jana für vier Wochen besucht. Sie hat hier bereits ein Jahr mit Work & Travel verbracht und will nun erst einmal der Arbeit den Rücken kehren und sich für die nächste Zeit auf das Reisen konzentrieren. Wie gut wir das verstehen können…!
Um kurz vor acht rollen wir wieder auf unseren Stellplatz und freuen uns sehr, dass sich kein anderer Abenteurer auf diesen verirrt hat. Zum Abschluss des Tages laufen wir noch einmal gemeinsam den Waldweg entlang und ich zeige Hanna einen der anderen Stellplätze. Dieser liegt auch direkt am Fluss und ist durch ein paar Bäume gut vor der Sonne geschützt. Da sich diese hier am Platz aber hinter einem dicken Wolkenkleid versteckt und für den morgigen Tag auf der gesamten Insel Dauerregen angesagt ist, wollen wir auch nicht umparken. Wir sind beide sauer, dass auch an diesem Platz Müll liegt – vor allem, weil es neuer Müll ist, der vorgestern noch nicht da war. Auf dem Weg zurück zu Freddie können wir uns nicht recht entscheiden, ob wir bei der nächsten Runde mit Bella nicht einfach eine Mülltüte mitnehmen sollen oder nicht.
In Freddie kuscheln wir uns ins Bett und schauen noch etwas Outlander, während wir in der Dämmerung immer wieder aus dem Fenster schauen, ob nicht zufällig noch ein Bär an Freddie vorbeiläuft.Baca lagi























PengembaraWahnsinn, oder?