• Über Stock und Stein

    28–29 Mei 2024, Kanada ⋅ ☁️ 8 °C

    Der erste Blick heute Morgen geht natürlich suchend nach draußen, aber weit und breit ist kein Tier zu sehen. Schade, aber damit haben wir natürlich auch ein wenig gerechnet. Während Hanna den Kaffeedienst übernimmt, spaziere ich mit Bella eine Runde am Platz entlang. Die Forststraße ist unregelmäßig befahren, aber die Fahrzeuge kommen dann doch meistens mit einem Affenzahn um die Ecke, und so maximiere ich mit Bella die Runde so gut es geht. Es scheint aber, dass die Gute bei den frischen Temperaturen und der Feuchtigkeit in der Luft so schnell wie möglich zurück in die warme Stube möchte.

    Dort angekommen, wartet auch schon Kaffee auf mich. Wir machen es uns beim einsetzenden Regen gemütlich und verputzen die restlichen Zimtschnecken. Sehr lecker, aber nicht so gut wie die bisherigen in den USA und bei weitem nicht so traumhaft wie selbstgemachte.

    Mitten im Nichts haben wir keinen Empfang mehr, und die vorab geladenen Karten in den verschiedenen Apps enden kurz vor dem Ort Tahsis. Wir sind uns nicht ganz sicher, aber da es scheint, dass man von dort nur mit der Fähre auf einige der Inseln im Südwesten von Vancouver Island gelangt, fahren wir die Strecke in Richtung der Gemeinde Gold River zurück. Dort angekommen, aktualisieren wir unser Kartenmaterial und folgen der Forststraße in Richtung Woss. Zwar warten knapp 60 Kilometer dieser holprigen Piste auf uns, aber der Weg zurück über die asphaltierte Strecke ist nochmal 150 Kilometer länger.

    Die Straße durch den Wald ist mal wieder wunderschön, und wir genießen die abwechselnden Aussichten. Dichter Regenwald wird von großen Flächen für den Holzabbau abgelöst, im nächsten Moment können wir wieder auf schneebedeckte Berge in der Ferne blicken. Ich kriege von dem Ganzen dann aber doch weniger als Hanna mit, weil die Straßenbedingungen mit der Zeit immer schlechter werden und ich mich voll konzentrieren muss. Zum Glück sind die Schlaglöcher mit Wasser gefüllt, sodass das Umfahren etwas vereinfacht wird. Nach gut 15 Kilometern komme ich etwas ins Grübeln, ob es nicht doch besser wäre umzukehren und über den besseren Weg zu fahren. Kurze Zeit später kommen wir an einer Absperrung im Wald zum Stoppen. In einer blauen Kiste liegt ein Walkie-Talkie und ein Schild bittet um einen Anruf auf einer bestimmten Frequenz, damit die Holzfällerarbeiten gestoppt werden und man in Folge die Freigabe zur Durchfahrt erhält. Uns juckt es zwar etwas in den Fingern, aber wir drehen dann doch um. Freddie ist gestern und heute schon gut durchgerüttelt worden und wir wollen es dann auch nicht übertreiben, immerhin hat er ja auch schon 17 Jahre auf dem Buckel.

    Zwei Stunden nachdem wir losgefahren sind, erreichen wir dann (erneut) Gold River und Freddie hat wieder festen Asphalt unter den Rädern. Wir machen erstmal einen kurzen Stopp, um uns um ein „akutes“ Problem zu kümmern. Wir sind beim nächsten Hörbuch von Outlander angekommen, inklusive anderer Sprecherin. Mit dieser werden wir auch nach fast zwei Stunden im Auto nicht wirklich warm, aber zum Glück haben wir noch Audible-Guthaben und so ergattern wir die Version mit der uns vertrauten Sprecherin und fahren weiter.

    In Campbell River angekommen, tanken wir voll und folgen der Route gen Westen. 40 Kilometer vor Woss haben wir ein schönes Plätzchen in der App gefunden und wollen uns auf die nächste Nacht am Kiesstrand einlassen. Davon gibt es hier genug, und bei all der Ähnlichkeit kriegen wir auch nicht genug davon. Auf dem Weg wechseln sich immer wieder starker Regen mit Sonnenschein ab, und wir sind froh, dass das Wetter auf unserer Seite ist, als wir am Platz ankommen. Der Platz ist wunderschön, leider haben das aber auch zwei andere Camper für sich entdeckt und auf der verfügbaren Fläche möchten wir uns dann auch nicht noch dazwischen quetschen. An der nächsten Raststätte machen wir ein kurzes (Nikotin-)Päuschen und gönnen uns noch eine kalte Cola aus der Garage.

    Der nächste Platz ist schnell in der App gefunden und wir machen uns wieder auf den Weg. Zehn Minuten später ist es diesmal Hanna, die wie aus dem Nichts sagt: „Bär!“. Ich bin vollkommen perplex, sehe das halb im Straßengraben mampfende Fellmonster, brauche aber gut eine Minute, bis die Information verarbeitet ist. Da der Verkehr gerade etwas dichter ist, verzichten wir auf das Umkehren – muss ja mit dem Teufel zugehen, wenn das der letzte Bär sein soll, den wir gesehen haben.

    Kurz hinter Woss, inklusive der 150 Kilometer Umweg, die wir am Morgen vermeiden wollten, kommen wir dann an. Unter Stromleitungen führt eine Schotterpiste durch ein kleines Waldstück. Wir zucken zwar kurz, als die ersten Äste an Freddie vorbeischleifen, aber hier sind wir wegen des Alters von Freddie dann auch ziemlich schmerzfrei. Ein kleines Stück fahren wir über Waldboden, der ziemlich viel Ähnlichkeit mit Kopfsteinpflaster hat. Kurz dahinter haben die einzelnen Fahrspuren dann ein unterschiedliches Höhenprofil, aber Freddie meistert auch das ohne Probleme. Wir kommen dann am Kiesstrand an und rollen in die hinterste Ecke direkt neben eine vorhandene Feuerstelle. Direkt beim ersten Anhalten stehen wir fast vollkommen gerade und haben ohne weiteres Rangieren einen Blick auf den Fluss – heute dann der Nimpkish River.

    Heute zaubert uns Hanna mit den kleinen Cherry-Tomaten, Nudeln und Schafskäse ein leckeres Allerlei, das wir - genauer gesagt Hanna - sonst im Alltag häufig kochen. Mit dem Rauschen des Flusses lassen wir den Abend ausklingen und sind beide nach dem wilden Ritt heute ziemlich platt.
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