• Alle Wege führen zum Aussichtspunkt

    3–4 Jun 2024, Kanada ⋅ ☁️ 11 °C

    Das Erste, was wir an diesem Tag hören, ist Stille. Das Erste, was unsere verschlafenen Augen durch die Dachluke zu Gesicht bekommen, ist ein Streifen blauen Himmels, der hinter dem Nadelbaum zu erkennen ist. Diese Gelegenheit nutzen wir sofort und machen uns mit Bella auf den Weg, das kleine Stück Wald auf der anderen Seite des Platzes zu erkunden.

    Nachdem wir zwischen Fluss und Wald spaziert sind, gelangen wir zu einer riesigen Wiese, über die einsam ein Baum wacht. Wir bekommen beide recht schnell nasse Schuhe, aber zum Glück nicht, weil plötzlich Regen einsetzt, sondern wegen des nassen Grases. Außer dem Rauschen des Flusses ist nichts zu hören – wir sind beide ganz beseelt von diesem zauberhaften Start.

    Zurück an Freddie warten wir, bis der Kaffee fertig ist, und laufen dann die wenigen Meter mit dem Kaffee zur Aussichtsplattform. Die Aussicht ist traumhaft, und wir lassen beide immer wieder unseren Blick über den Fluss, die dahinter liegende Wildnis, die steil aufragenden Berghänge und die gelegentlich auftauchenden Gipfel dieser Berge schweifen. Es ist ein sehr schön gelegener Campingplatz, der mit viel Liebe zum Detail, aber auch einfach durch seine besondere Lage, zu begeistern und zu verzaubern weiß. Nach fast einer Stunde, der Kaffee ist schon lange leer, wird es uns dann im leichten Nieselregen doch etwas frisch und wir gehen zu Freddie zurück.

    Dort räumen wir ein wenig auf und um und warten, bis das Wetter sich wieder von seiner besseren Seite zeigt, und laufen erneut zum Aussichtspunkt. Natürlich hoffen wir beide, dass wir auf der anderen Seite des Flusses Bären sehen, wissen aber auch, dass dies so außerhalb der Saison eine Utopie ist. Dafür treffen wir den älteren Herrn von gestern und seine – wie sich später herausstellt – Schwester. Wir kommen schnell ins Gespräch, und in der nächsten dreiviertel Stunde erzählen wir von unserer Reise, wie das alles in Form eines Sabbaticals möglich ist, und kommen von Hölzchen aufs Stöckchen. Im Gegenzug erzählen die beiden uns von ihrem Leben auf Vancouver Island und ihren Reisen. Nachdem wir beide das Gespräch beobachtet haben, muss ich nachfragen, und ich lag mit meiner Vermutung fast richtig. Die ältere Dame ist 89 Jahre alt, ihr Bruder immerhin stolze 86 Jahre, und einmal nach Bella Coola zu fahren, wollten sie unbedingt. Wir haben beide nicht den Eindruck, dass es ihre letzte Reise sein soll. Das ist sehr beeindruckend und macht hoffentlich nicht nur uns Lust aufs Altwerden bzw. aufs Reisen im höheren Alter.

    Die traute Viersamkeit wird wenig später von einem weiteren Paar unterbrochen, mit dem wir dann auch kurz ins Gespräch kommen. Ein deutsches Paar, vermutlich leicht jenseits der 60 Jahre, aus der Nähe von Bielefeld ist gerade auf dem Campingplatz angekommen und erkundet wie wir gestern den Platz. Die Erzählungen über Bärensichtungen auf dem Weg nach Bella Coola machen uns beiden Mut für die Weiterfahrt. Die beiden finden es super, dass wir unseren Freddie verschifft haben, würden dies mit ihrem Wohnmobil auf Fiat-Basis aber nicht wagen – dafür sei der Wagen wohl zu mürrisch und die Ersatzteilversorgung auf dem amerikanischen Markt zu ungewiss. Für die kurze, knapp vierwöchige Reise im Westen Kanadas würde sich die Verschiffung ohnehin nicht lohnen, obwohl die Mietkosten für diesen Zeitraum bei knapp 4000 € liegen. Das Gespräch zeigt uns mal wieder, dass wir eine wirklich gute Entscheidung getroffen haben.

    Zurück an Freddie entscheiden wir uns für eine neue Runde Kaffee, diesmal mit einer Zimtschnecke. Und natürlich: wir laufen wieder zum Aussichtspunkt, der hat es uns wirklich angetan. Bella trottet zum dritten Mal am heutigen Tag mit uns mit und scheint dem Aussichtspunkt auch einiges abgewinnen zu können. Zum Großteil schweigend genießen wir den Kaffee sowie das süße Teilchen. Es ist einfach wahnsinnig schön. Ob man sich jemals daran sattsehen könnte? Wir bezweifeln es beide.

    Zu Abend gibt es eine leckere Portion Nudeln in einer herzhaften Tomatensoße, bei der wir uns weitere Teile der Dokumentationsreihe "Die Kanada-Saga" anschauen. Die Geschichte der USA wurde bei uns beiden im Schulunterricht behandelt, Kanada ist dabei aber nur am Rande vorgekommen. Dank der Dokumentation bekommen wir beide dann doch noch genug Wissen vermittelt (zu finden übrigens in der Mediathek via https://mediathekviewweb.de/#query=kanada saga).

    Bevor es ins Bett geht, zieht es uns beide aber noch ein weiteres Mal zum Aussichtspunkt. Diesmal sind wir mit wärmendem Whisky und Sitzkissen bewaffnet und verbringen noch eine Stunde in der untergehenden Sonne. Dankbar für einen weiteren Tag in dieser wunderschönen Natur, dem tollen Gespräch und dem schönen Wetter, fallen uns dann spät am Abend die Augen zu.
    Baca lagi