• Bella, Bella Bella und Bella Coola

    2–3 Jun 2024, Kanada ⋅ ⛅ 9 °C

    Um 2:30 Uhr geht mein Wecker, den ich gestellt hatte, weil wir ja um 3 Uhr ankommen sollen. Es ist alles dunkel, kein Geräusch außer dem Motor des Schiffes und Christians leisem Schnarchen zu hören. Ich gehe auf die Toilette und lege mich dann nochmal hin. Christian fragt verschlafen, was ich denn täte. Eine Viertelstunde später gibt es eine Durchsage, dass wir in ungefähr einer halben Stunde anlegen werden, weitere Informationen würden beizeiten durchgegeben.

    3:30 Uhr: Nach einer ziemlich langen halben Stunde haben wir angelegt, und es wird durchgegeben, dass wir bald Bescheid bekommen, wenn wir zu unseren Fahrzeugen dürfen. 15 Minuten später sitzen wir in Freddie. Bella freut sich, uns zu sehen, ist aber noch völlig verschlafen. Ein Blick auf das Zeitraffer-Video, das Christian aufgenommen hat, während wir mit der Fähre unterwegs waren, bestätigt uns mal wieder, dass wir den tiefenentspanntesten Hund haben, den man sich nur vorstellen kann. Bella hat die ganze Zeit geschlafen und ist nur zwischendurch mal aufgestanden, um etwas zu trinken. Zurück zum Thema: Es ist 3:41 Uhr und wir sitzen im Bauch der ersten Fähre in Freddie und warten darauf, dass wir herausfahren dürfen. Wir erinnern uns, die Anschlussfähre soll um 3:55 Uhr ablegen. Innerlich bin ich schon angespannt, aber bestimmt wartet der Anschluss. Die Rampe wird heruntergefahren und wir werden von strömendem Regen begrüßt. Es regnet wirklich wie aus Kübeln und die Mitarbeiter der Fährfirma tun mir ganz schön leid. Wir fahren die Rampe herunter und werden auf einen kleinen Parkplatz gelotst. Nachdem wir eine Mitarbeiterin gefragt haben, wo wir hin müssen, wenn wir den Anschluss nach Bella Coola nehmen wollen.

    Da stehen wir also auf einem kleinen Parkplatz mit ein paar anderen Fahrzeugen, hinter uns ist die Fähre zu sehen, mit der wir gekommen sind. Ein anderes Schiff ist weit und breit nicht zu sehen, und ich habe Sorge, dass uns die Dame falsch verstanden hat und wir hier ganz falsch sind. Christian geht netterweise noch einmal zu der Dame (ja, im strömenden Regen) und fragt, ob es einen Plan gibt. Dass wir aktuell nur unser altes Schiff sehen, liegt daran, dass es hier in Bella Bella nur eine einzige Anlegestelle gibt. Die Fähre nach Bella Coola kann also erst anlegen, wenn unsere Fähre komplett entladen ist und wieder abgelegt hat. Hätten wir das gewusst, hätten wir uns keine Gedanken gemacht. Wir sollen mal nicht damit rechnen, dass wir früher als in eineinhalb Stunden auf der Anschlussfähre sind.

    Damit lässt sich arbeiten. Christian schnappt sich Bella (der Regen wird gerade ein bisschen weniger) und dreht eine Runde, ich sortiere unsere Duschsachen wieder zurück in die Schubladen und trockne Bella ab, als die beiden wieder an Freddie ankommen. Danach hüpfe ich aufs Bett und mache mich an einen Bericht, der noch geschrieben werden will. Während ich tippe, meldet Christian uns schon mal für die Fähre an und trackt auf FindPenguins unsere erste Fährroute, dies ging aufgrund von fehlendem GPS nicht automatisch während der Überfahrt.

    Die Zeit verstreicht, und bis wir rückwärts (Chapeau an Christian) auf die neue Fähre einparken, ist die Sonne aufgegangen und es ist 6 Uhr morgens. Bella bekommt die zweite Hälfte ihres Essens, und wir machen uns diesmal mit Kissen, Rucksack und Getränken bewaffnet auf den Weg nach oben. Auf dieser Fähre passen 35 Autos und 150 Passagiere. Es gibt keine Kabinen oder Lounges, sondern lediglich ein kleines Café (das natürlich um 6 Uhr morgens noch geschlossen hat) und eine große Sitzecke.

    Wir suchen uns zwei Plätze und machen es uns zunächst in einer gemütlichen Sitz-/Liegeposition bequem und machen nochmal ein wenig die Augen zu. Eine gute Stunde später wachen wir auf und saugen erstmals die Natur durch die Fenster in uns auf. In der Cafeteria gibt es warmes Frühstück und Kaffee, damit starten wir in diesen ganz anderen, aber irgendwie richtig schönen Morgen.

    Nach dem Frühstück geht Christian mit Kamera bewaffnet eine Runde aufs Deck, und ich wende mich wieder dem iPad und somit unseren Berichten zu. Was soll ich sagen… Wir haben mittlerweile 11:15 Uhr, und ich sitze immer noch hier. Zwischendurch war ich auch eine Runde an Deck, währenddessen hat Christian noch einen Bericht von sich beendet und döst gerade irgendwo hinter mir vor sich hin, oder er spielt Switch oder liest. Ich sitze hier mit Musik auf den Ohren und einem Ausblick auf eine Landschaft, die so schön ist, dass einem die Spucke wegbleibt. Dieser Meeresarm ist gesäumt von Bergen, die größtenteils bewaldet sind. Ja, das Wetter kann man nicht als schön bezeichnen, die Wolken hängen tief, und es ist ganz schön mystisch da draußen, aber ganz ehrlich: Überall, wo ich aktuell hinschaue, ist absolute Wildnis, da wohnt niemand. Wer weiß, ob und inwieweit dieses Gebiet jemals vom Menschen erschlossen wurde. Es sieht nicht so aus, als wäre es gut zu erschließen, da das Ufer hauptsächlich aus Bäumen und meterhohen Felsen besteht. Straßen gibt es nicht, das hatte ich vor der Fahrt schon mal nachgeschaut. Es ist einfach gigantisch. Ich lasse immer wieder meinen Blick durch die Cafeteria schweifen und beobachte meine Mitreisenden. Eine Frau sitzt die meiste Zeit mit einem Fernglas am Fenster und macht ihren Mann auf Kleinigkeiten aufmerksam, die sie entdeckt hat. Ein anderes Paar hat sich neben mir über Appartements in Ocean Falls (unserem Zwischenstopp) unterhalten. An zwei Tischen werden Karten gespielt, und immer wieder laufen draußen an Deck einzelne Mitreisende vorbei, bleiben stehen, staunen und machen Fotos. Hinter mir im Sitzbereich dösen die Menschen vor sich hin, und die Dame aus der Cafeteria räumt auf, wischt Tische und kümmert sich um das leibliche Wohl.

    Auch wenn Christian heute im Verlauf des Morgens nicht so sicher war, ob das mit der Fähre die richtige Entscheidung war: Ich liebe gerade alles an dieser verrückten Fährverbindung. Ich bin tierisch gespannt auf Bella Coola und freue mich schon, wenn wir angekommen sind.

    Der Rest der Fährfahrt vergeht wie im Flug, wir entdecken noch ein wenig gemeinsam die zwei Decks, die im Sommer und bei gutem Wetter wahrscheinlich bei den Überfahrten gut gefüllt sind. Die Aussicht vom Schiff auf beide Seiten hin zu den Bergen, die diesen zauberhaften Fjord säumen, ist einfach wunderschön.

    Um 13 Uhr Ortszeit legen wir langsam an und dürfen zurück zu Freddie. Hier freut sich Bella sichtlich uns wiederzusehen und bekommt erstmal eine ordentliche Kuschelung. Kurze Zeit später dürfen wir von der Fähre rollen und bestaunen schon auf den ersten Metern die zwar aktuell wolkenverhangene aber zauberhaft schöne Natur. Der Hafen ist winzig, und auch Bella Coola selbst ist klein und schnuckelig. Wir steuern als erstes einen kleinen Gemeinschaftsplatz an, hier gibt es Picknickplätze, einen Baseballplatz, eine Grillhütte und Toiletten. Hier parken wir, um unsere erste Runde mit Bella nach der Fährfahrt zu drehen. Es geht vorbei an Lupinen, die die Straße säumen, riesigen Grundstücken mit großen Pferdekoppeln und entlang unter Bäumen, die im Wind rauschen. Wunderschön ist es.

    Wieder in Freddie angekommen sind wir ein wenig nass geworden, aber damit hatten wir schon gerechnet. Die nächsten drei Tage ist auch hier in der Gegend nicht das beste Wetter gemeldet. Also ist unser Plan erstmal, auf einem Campingplatz unterzukommen… Heiße Duschen und schlechtes Wetter passen halt einfach gut zusammen. Wir steuern den Rip Rap Campingplatz an. Ein Hoch auf unsere IOverlander App. Wir kommen auf dem Weg, der nur ca. 20 Minuten in Anspruch nimmt, an einigen Campingmöglichkeiten vorbei, doch der Platz ist sehr häufig und gut bewertet worden.

    Dort angekommen sind wir wirklich super begeistert. Die Anmeldung ist im Wohnhaus selbst untergebracht, und der Besitzer kommt hinter dem Raumtrenner hervor an die Theke, während im Hintergrund ein Feuer im Kamin prasselt. Er erzählt, dass er heute Angeln war und ein bisschen Wärme brauchte, um wieder aufzutauen. Wir dürfen ganz frei entscheiden, auf welchen Platz wir uns stellen, und zahlen sofort für zwei Nächte, da wir so das schlechte Wetter hier gut aussitzen können.

    Als wir über den Platz rollen, fällt uns sofort auf, wie viel Liebe ins Detail die Betreiber hier stecken. Mit Freddie am Platz Nr. 1 angekommen, sind wir happy. Es handelt sich um eine Nische in der hintersten Ecke des Campingplatzes. In der Mitte der Parzelle steht ein riesiger Nadelbaum, der dafür sorgt, dass Picknicktisch und der Platz vor Freddie im Ausstiegsbereich nicht sofort super nass geregnet werden. Wir schnappen uns Bella und drehen ein Ründchen. Hierbei bleiben wir an der Aussichtsplattform kleben, die die Besitzer errichtet haben. Ein paar Stufen führen auf die Veranda ähnliche Erhebung über den Bella Coola River hinauf. Hier stehen drei Bänke, und die Aussicht ist gigantisch. Im Hintergrund des Flusses erheben sich massive Berge, deren Spitzen mit Schnee bedeckt sind. Der Fluss rauscht ungefähr 3 Meter unter uns an uns vorbei, und in einem guten Monat kann man hier Bären dabei beobachten, wie sie sich die Bäuche mit Fisch vollschlagen. Schade, dass wir ein wenig zu früh im Jahr hier sind, das hätten wir natürlich gern gesehen. Wir passieren eine große Campingwiese, ein paar Plumpsklos und liebevoll errichtete Kabinen, die das ganze Jahr über vermietet werden. Es gibt überdachte Feuerstellen und eine Schlechtwetter-Kabine, die mit Büchern, einem schweren Holztisch, Spielen, einer antiken Nähmaschine und Sofas bestückt ist.

    Wir fühlen uns total wohl und hopsen nach der Runde zufrieden in Freddie. Den Abend über schauen wir die ersten zwei Folgen der Kanada-Saga. Hier geht es um die Entstehung und Besonderheiten Kanadas und dessen Geschichte. Dazu gibt es einen Weinchen und Süßkartoffel Curry.

    Der wenige Schlaf der letzten 24 Stunden macht sich recht schnell bemerkbar, und wir schlummern glücklich und zufrieden mit Regenprasseln in den Ohren ein.
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