What "The Heck"
5–6 Jun 2024, Kanada ⋅ ☁️ 12 °C
Hochmotiviert werden wir am Mittwochmorgen wach. Die Wettervorhersage für die nächsten Tage hier am Platz und in die Richtung, in die wir fahren wollen, verheißt nur Gutes. Damit können wir beide sehr gut leben. Während Hanna ihre Siebensachen für die Dusche packt, spaziere ich schon mal den Platz mit Bella ab und kümmere mich dann um den Kaffee und Freddie. Wenig später kommt Hanna sehr zufrieden und glücklich wieder: ein kleiner Schrank in der Damendusche hält wohl alle möglichen kosmetischen Produkte bereit.
Darauf freue ich mich dann ehrlich gesagt auch. Seit knapp drei Jahren bin ich großer Fan der Duschbrocken (wie ein Stück Seife). Auch wenn diese teurer sind, halten sie viel, viel länger, und ich habe früher nicht selten getreu dem Motto „viel hilft viel“ einen sehr hohen Verbrauch an Duschgel gehabt. Trotzdem fühlt sich das Einschäumen mit Duschgel manchmal einfach besser an.
Die Auswahl in der Herrendusche ist dann sehr begrenzt: ich finde Zahnpasta und ein Duschgel der Marke „Old Spice“ vor. Irgendwie ist bei mir der Geruch mit der älteren Generation verknüpft, aber gut: ich werde nächstes Jahr auch schon vierzig. Nachdem der „Loonie“ im Münzschlitz der Dusche verschwindet, schaffe ich es dann auch in zwei Minuten komplett fertig geduscht zu sein. So etwas wäre vielleicht auch mal eine Maßnahme für zuhause.
Frisch geduscht und mit Kaffee gestärkt machen wir uns dann los, entleeren aber vorher nochmal das Abwasser von Freddie und füllen unseren Wassertank auf. Für die drei Nächte haben wir hier jetzt etwas über 60€ bezahlt – ein wirklich guter und fairer Preis.
Da wir am Tag unserer Ankunft Bella Coola nur im Schleier des Regens wahrgenommen haben, fahren wir zunächst die 20 Kilometer wieder in die andere Richtung und halten hinter dem Örtchen an einem Parkplatz bei einem kleinen Wasserkraftwerk. Dort können wir einen Blick auf einen tosenden Wasserfall werfen, der sich seinen Weg durch die Felsen in Richtung des Fjords gefressen hat. Letzterem statten wir dann auch noch einen Besuch ab. Hier finden sich dann wieder Picknickplätze, inklusive Bank, Feuerstelle und einem Plumpsklo. Wir sind gespannt, ob sich dieses Konzept der Nutzungsflächen durch das gesamte Kanada ziehen wird.
Abgesehen von zwei Seehunden in weiter Ferne und einer Ansammlung von Enten entdecken wir keine Tiere auf dem Wasser. So können wir dann ohne „Ablenkung“ die Aussicht auf das Ende des Fjords und die Berge auf der anderen Seite genießen.
Wir fahren danach kurz durch Bella Coola. Fast die Hälfte der Bevölkerung der Siedlung zählt sich zu den Nuxalk, die zu den Ureinwohnern gehören. In der Siedlung selbst gibt es außer einem kleinen Supermarkt und einer Tankstelle nichts, das unsere Aufmerksamkeit erregt, und so machen wir uns auf den Weg gen Osten. Am Supermarkt kurz vor dem Campingplatz der letzten Nächte machen wir Halt und kaufen ehrlich gesagt nur etwas „Alibi“-Gemüse. Der Rest verteilt sich einigermaßen gleichmäßig auf Chips und Schokolade. Heute waren definitiv die beiden 8-jährigen Versionen von uns einkaufen und haben den ein oder anderen Heiermann auf den Kopf gehauen.
Der Heckmann-Pass, mit dem das Bella Coola Tal verlassen werden kann, ist knapp 70 Kilometer entfernt und wir haben uns einen Stellplatz kurz davor herausgesucht. Fast alle Plätze hier sind in unmittelbarer Nähe zum Bella Coola Fluss bzw. dem Atnarko Fluss, wie er weiter östlich genannt wird. Bei den Beschreibungen aller Plätze wird entweder das Übernachten in Zelten komplett oder ab August untersagt: es ist halt Bärengebiet. Die Lachse, die sich in Scharen auf dem Weg zu den Laichgründen machen, ein gefundenes Fressen, locken die Bären an. Da leuchten diese Vorsichtsmaßnahmen auch ein. Der ausgewählte Platz scheint auch ein Garant für Beobachtungen der Bären zu sein – allerdings sind wir vollkommen außerhalb der Lachssaison hier.
Für uns geht es also erstmal entlang des Highways in Richtung des Passes, und wir können uns beide einfach nicht sattsehen. Neben der ein oder anderen Siedlung gibt es nur vereinzelt Wohnhäuser und ansonsten nur Natur. Wobei, „Wildnis“ trifft es einfach besser. Hier dauerhaft wohlfühlen und leben? Ich bin mir sicher, wir könnten es. Nicht ohne die ein oder andere (große) Herausforderung, aber es ginge. Genau darüber philosophieren wir dann auch, als wir uns von einem Parkplatz am Highway auf den Weg zu einem kleinen Aussichtspunkt machen, der einen tollen Blick auf das Tal verspricht. Wir hätten auch die Möglichkeit, daraus eine etwas längere Radwanderung zu machen, entscheiden uns aber dagegen. Das Kratzen im Hals, das gestern Abend angefangen hat, ist nicht verschwunden und setzt sich fest. Mist!
Zurück an Freddie fahren wir weiter und halten an einem kleinen Campingplatz. Hier gibt es eine inoffizielle Beobachtungsplattform, aber von Bären ist weit und breit keine Spur. Auch wenn wir hier sehr wahrscheinlich allein übernachten würden, die neun Stellplätze in Form von simplen Parkplätzen mit Blick auf den Asphalt genügen nicht unseren Ansprüchen. Ob wir, was (nicht nur) das angeht, verwöhnt sind? Definitiv! Aber es ist auch einfach so unglaublich schön hier! Kurz bevor wir losfahren, unterhalten wir uns noch kurz mit zwei Angehörigen der Nuxalk, die in der Funktion als Ranger hier regelmäßig die Plätze abfahren. Die Fahrt nach oben auf den Hügel sollten wir in jedem Fall aufzeichnen, so wild und besonders sei diese. Zusammen mit den Informationen der beiden Deutschen, sind wir wirklich gespannt. Nur Schotterpiste, keine Leitplanke und zum Teil bis zu 18% Steigung. Herausfordernd wird es bestimmt, aber ansonsten kommen da regelmäßig genug Autos runter und schaffen es auch wieder rauf – warum sollte das also für uns anders sein?
Zwei Kilometer später kommen wir dann an unserem ausgewählten Platz an, nur um festzustellen, dass er geschlossen ist und erst Mitte Juni öffnet. Schade! Wir fahren einen Kilometer weiter und halten dann an einem Rastplatz unmittelbar vor dem Pass, der, wie wir gelernt haben, auch einfach nur „The Hill“ genannt wird. Dass es diesen gibt, ist im Übrigen nicht der Provinzialregierung zu verdanken – diese lehnte die lange geforderte Verbindung in der Mitte des letzten Jahrhunderts mehrfach ab. Selbst ist der Kanadier, und so hat sich dann eine Gruppe mit Planierraupen daran gemacht, die Straße selbst zu erschließen: der eine Teil von unten, der andere von oben. Nachdem das Projekt fertig war, wurde es dann wohl offiziell anerkannt und wird seitdem auch regelmäßig gewartet und gepflegt. Wie der deutsche Amtsschimmel damit wohl umgehen würde?
Unschlüssig, ob wir das schöne Tal verlassen wollen oder nicht, frühstücken wir erstmal Müsli. Aber kein gesundes, sondern eine Zuckerbombe, die der 8-jährige Christian im Supermarkt mitgenommen hat! „Gestärkt“ entscheiden wir uns dann für die Fahrt nach oben, klemmen die Kamera auf die Motorhaube und fahren los. Die Piste ist in erstaunlich gutem Zustand, es gibt weder Abschnitte mit Schlaglöchern noch Wellblech und so wird es eine doch recht gemütliche Fahrt. Kurz stoppen wir, weil es in bzw. an Freddie etwas komisch klingt, aber wir identifizieren schnell die Müsli-Löffel in der Spüle als Ursache. Die Aussicht ist gigantisch und wir versuchen, alles in uns aufzunehmen.
Es geht zum Teil wirklich steil hinauf, und wir sind mal wieder froh über unsere Bereifung. Nachdem die ersten beiden Serpentinen überwunden sind, fange ich an, meinen Kopf dauerhaft von links nach rechts schweifen zu lassen und halte nach Bären Ausschau, aber weit und breit ist keiner zu entdecken. Ich werde etwas pessimistisch und komme nach einer halben Stunde zur Behauptung, dass wir heute bestimmt keine Bären mehr sehen werden. Hanna hält optimistisch dagegen und soll (ausnahmsweise) mal Recht haben.
Ein Schwarzbär mit braunem Fell kreuzt keine hundert Meter vor uns die Straße. Dem zimtfarbenen Fell nach könnte es sich auch um einen Zimtbären handeln, einer Unterart der amerikanischen Schwarzbären. Wir stoppen, machen die ersten Fotos und beobachten das Tier erstmal. Es nimmt von uns kurz Notiz, scheint sich aber ansonsten überhaupt nicht an unserer Anwesenheit zu stören und mampft weiter fröhlich vor sich hin. Es ist schwer in Worte zu fassen, was eine solche Begegnung in einem auslöst. Definitiv Ehrfurcht, allein schon beim Anblick der langen Krallen und der großen Zähne. Irgendwie wirkt der Bär auf uns aber auch beruhigend, wie ein Relikt aus längst vergessener und vielleicht besserer Zeit, als der Mensch die Natur noch nicht so bezwungen und sich zu eigen gemacht hatte. Es ist in jedem Fall ein Potpourri aus Eindrücken und Gefühlen, mit dem wir den Bären ein paar Minuten später zurücklassen. Auch wenn wir uns nur schwer von dem Anblick lösen können, wollen wir das Tier dann nicht doch irgendwie stressen.
Es geht also weiter den Hügel hinauf und nach insgesamt einer knappen Stunde gemütlicher Fahrzeit sind wir dann auch oben angekommen. Ohne weiteres hätte man die Strecke auch schneller befahren können, aber noch haben wir ja Zeit. Als Ziel für den Tag haben wir einen Campingplatz direkt am Anahim Lake ausgewählt – von diesem hatten uns auch die beiden Deutschen erzählt und gesagt, dass er noch schöner sein solle. Bis dorthin haben wir aber nochmal etwas über 90 Minuten entlang der Schotterpiste vor uns und halten weiter fleißig nach Bären Ausschau und werden noch zwei Mal belohnt. Diesmal mit zwei Schwarzbären, die ihrem Namen alle Ehre machen. Wobei das erste Exemplar ziemlich zerzaust aussieht und die Wirbel im Fell auch von einem Meerschweinchen stammen könnten. Da beide Bären diesmal auf der Seite von Hanna futtern, haben wir nochmal einen viel besseren Blick auf die Tiere. Beim ersten der beiden Bären sind es vermutlich keine zehn Meter, die uns von ihm trennen, und wir reizen die Zeit der Beobachtung so gut es geht aus.
Dabei macht der Bär es uns auch wirklich einfach: auf dem Bauch liegend verputzt er einen Grashalm nach dem anderen. Der dritte Bär des Tages bietet einen ähnlichen Anblick, auch wenn er gut 30 Meter von uns entfernt ist. Dankbar und richtig beseelt erreichen wir eine halbe Stunde später den Campingplatz. Dieser ist zwar etwas teurer, aber es hält sich noch im Rahmen, und wir stehen direkt am See. Vollkommen ungewohnt im Vergleich zu den letzten zehn Nächten stehen wir etwas erhöht und haben eine fast vollkommene Rundsicht auf die Gegend um uns herum. Weit hinter uns im Rücken leichte Berghänge vor einer weitläufigen Graslandschaft, unmittelbar vor uns der See und dahinter die verschneiten Felsen des Mount Kappan.
Da wir hier am Platz ein wenig WLAN-Empfang haben, nutzen wir dieses und laden die restlichen Folgen der Kanada-Sage herunter und finden zusätzlich noch eine interessante Dokumentation über das Bella Coola Tal. An der ein oder anderen Stelle vielleicht etwas reißerisch, aber für die Interessierten: https://bit.ly/3VCGj4A
Einigermaßen gesund zaubern wir uns ein paar Wraps, während wir die Dokumentation anschauen und uns so auf eine etwas andere Art nochmal den Tag vor Augen führen lassen.Baca lagi






















Pengembara
Traumhaft😌