• Wo Bären und Elche sich guten Tag sagen

    6–7 Jun 2024, Kanada ⋅ ☁️ 12 °C

    Ich wache um acht Uhr auf und schaue auf das Thermometer. Brrrr, 10° in Freddie, da bleibt einem gar nicht viel anderes übrig, als noch unter der Decke zu bleiben, oder?! Ich drehe mich also nochmal für ein Stündchen um und genieße die Wärme des Bettes. Dann müssen wir uns aber so langsam bewegen, da wir unseren Platz hier am See um 11 Uhr freigemacht haben müssen, wenn wir nicht noch um einen Tag verlängern wollen. Ich ziehe mich an und bereite eine ordentliche Portion heißes Wasser für Tee und Kaffee vor, stelle unseren Kocher auf den Herd und hopse nochmal zu Christian unter die Decke, während die Gasflamme ihre Arbeit tut. Als das Wasserpfeifen ertönt, macht Christian alles für den Tee bereit und ich mahle im Bett die Kaffeebohnen. Die letzten Stunden auf dem Platz vergehen mit Käffchen und mit der Zeit wärmt die Sonne Freddie auf 20° auf. Kurz überlegen wir, ob wir noch um eine Nacht verlängern sollen. Hier ist es herrlich ruhig, außer uns stehen in einiger Entfernung nur zwei weitere Camper und man könnte einen richtig ruhigen Tag hier genießen. Allerdings sollen die Temperaturen in der kommenden Nacht unter null Grad fallen und so machen wir uns dann doch weiter auf Entdeckungstour.

    Wir wollen heute nicht allzu weit fahren und schauen uns auf der Karte die ungefähre Richtung aus, in die es als Nächstes gehen soll. Zunächst wollen wir aber eine nette kleine Runde mit Bella gehen und dafür ein Stück in die Richtung fahren, aus der wir gestern gekommen sind. Hier sind wir an einigen Schildern für Wanderungen und Aussichtspunkten vorbeigerollt, also sollte sich dort doch auch eine nette Hunderunde finden lassen. Wir rollen an „Eagles Nest Trailhead“ vorbei und stellen uns auf den Wanderparkplatz. Der Trail liegt am Anahim Lake und führt über teilweise sehr sumpfige Wiesen und entlang morscher Bäume. Auch hier ist es zauberhaft ruhig und wir stapfen eine kurze Weile durch die Gegend. Für eine lange Runde ist uns das Gelände aber ein wenig zu unwegsam. Ich bin seit Ewigkeiten das erste Mal mit nur knöchelhohen Schuhen unterwegs und stakse wie ein Storch durch die Gegend und passe auf jeden Tritt auf. Naja, in kleinen aber sicheren Schritten voran, was?!

    Nach der Runde juckt es Christian und mich in den Fingern, vielleicht noch ein kleines Stückchen weiter in die Richtung des Heckman Passes zu fahren. Vielleicht könnte man ja nochmal über einen Bären stolpern. Die Dame, die den Campingplatz betreibt, hat mich gestern gefragt, ob denn einer der drei gesichteten Bären ein Grizzlybär gewesen sei. Angeblich würden zwei bekannte Grizzlys auf der Anhöhe des Heckman Pass leben, die sich auch häufig zeigten und wo die Möglichkeit groß sei, sie ein wenig in ihrem natürlichen Habitat beobachten zu können. Also fahren wir in die Richtung, aus der wir gestern gekommen sind, wieder entlang dieser wunderschönen Natur. Wälder, Weite, weiße Bergspitzen, Steppe und auch einige Bereiche, in denen nur noch verbrannte Baumstümpfe stehen. Zusätzlich Wasser in Fluss- und Seeform an allen Ecken und Enden. Alleine für die Natur lohnt es sich schon.

    Nach einer knappen Viertelstunde stehen an einem Abzweig plötzlich zwei Elche auf dem Weg. Schon damals in Schweden fand ich diese staksigen Riesen faszinierend. Wir bleiben stehen, schalten den Motor ab und schauen den beiden zu, wie sie ins Unterholz verschwinden und immer zwischendurch stehen bleiben und Freddie mit Argusaugen beobachten. Ein paar Fotos kriegen wir sogar in den Kasten und sind ganz beflügelt.

    Weiter geht’s und nach kurzer Zeit sitzt auf einer Wiese nahe des Straßenrandes ein Schwarzbär, der sich den Bauch mit Löwenzahnblüten vollstopft. Auch hier bleiben wir stehen und verhalten uns so ruhig wie möglich. Der (oder die?) Gute lässt sich überhaupt nicht stören, schaut zwischendurch zu uns, steht auf, um die Position zu wechseln und mampft zufrieden weiter. Es ist total schön, den Bären in seinem natürlichen Umfeld zu sehen, wie zufrieden er sich seinen Salat des Tages zusammensucht und auch, wie wenig ihn Menschen stören. Das lässt darauf schließen, dass der Bär keinerlei schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht hat, sie nicht als Bedrohung sieht und wir ihm schlicht und einfach vollkommen egal zu sein scheinen. Da wir gestern auf ähnlicher Höhe auch einen Bären gesehen haben, gehen wir davon aus, dass es sich wahrscheinlich um das gleiche Tier handelt und er oder sie hier im Umkreis unterwegs ist und sich die Tage vertreibt.

    Von der Sichtung gepusht, machen wir uns noch ein kleines Stück weiter in die Richtung, aus der wir gestern gekommen sind, und stolpern wenig später auf einen weiteren Schwarzbären, der dem zweiten Bären von gestern verdächtig ähnlich sieht. Auch er schaut kurz auf, lässt sich dann auf seinen Pöppes plumpsen und legt sich schließlich hin. Was haben wir doch für ein Glück und was sind das für besondere Marmeladenglasmomente, die wir gerade sammeln dürfen.

    Wir rollen weiter in eine Straßenbucht, die von dem Bären einen knappen Kilometer entfernt ist, und Christian holt seine Drohne raus, um die Landschaft einmal von oben auf die Linse zu bekommen. Dann drehen wir wieder um und fahren in die Richtung, aus der wir heute Morgen gestartet sind. Am Straßenrand haben wir vorhin einen Abzweig passiert, an dem die „Hotnarko Falls“ ausgeschildert sind, zu denen es von hier aus 10 Kilometerchen sind. Naja, Wasserfälle sind ja immer ganz schön und so entscheiden wir uns dazu, die Aussicht mitzunehmen. Es geht über eine ordentliche Schaukelpiste, wir ziehen eine ganz schöne Staubwolke hinter uns her. Angekommen am Trailhead sehen wir, dass es zwei Aussichtspunkte zur Auswahl gibt. Wir steuern beide an und sind mit Kamera, Drohne, Bärenspray und Hund bewaffnet 😉. Die Aussicht ist auch hier mal wieder bombastisch, von beiden Aussichtspunkten hat man einen Blick auf ein Tal, das sich weit unter den Steilwänden befindet, auf denen wir gerade stehen. Ein Wasserfall rauscht in die Tiefe und in der Ferne kann man mit dem Blick dem Verlauf des Flusses folgen. Der Abstecher hat sich auf jeden Fall gelohnt.

    Wir merken, dass wir außer ein paar Nüsschen heute noch nichts zu uns genommen haben und dass wir mittlerweile schon viel länger unterwegs sind, als wir eigentlich insgesamt fahren wollten. Vom Campingplatz der letzten Nacht sind wir dabei höchstens 10 km entfernt. Das kann auch echt nur uns passieren. Auf der Karte sieht der Fahrtverlauf von heute wahrscheinlich gigantisch konfus aus. Also schauen wir uns auf der Karte ein nettes Plätzchen aus, das wir nun anfahren werden, um dort ein Picknickpäuschen zu machen. Falls es uns gefällt, können wir ja bleiben und wenn wir danach noch Lust haben, weiterzufahren, können wir das ja auch machen. Mal sehen, was der Nachmittag bringt. Eine 10 Kilometer lange Hoppelpiste später kommen wir an der Kappan Lake East Recreation Site an. Der See ist toll, hier ist nichts los, es gibt Toiletten und wie so oft Feuerstellen und Picknicktische. Ein Sandwich-Wrap später beschließen wir hierzubleiben und richten Freddie für die Nacht aus, isolieren das Fahrerhaus mit Thermomatten und machen es uns gemütlich. Ich schreibe Berichte, Christian daddelt Zelda und Bella lässt ihre Hundeseele baumeln.

    Es wird langsam Abend und wir genießen es in den letzten Tagen total, dass es erst nach 21 Uhr dunkel wird. Die Temperaturen sind zwar frisch, aber im Gegensatz zum Nachmittag liegt der See spiegelglatt da, weil keinerlei Wind geht. Zwischendurch kreist mal wieder ein Weißkopfseeadler über dem Wasser herum und man kann einzelne Fische in die Luft hüpfen und die Mücken des Abends fangen sehen. Wir machen uns auf zu einer kleinen Runde mit Bella und watscheln am Ufer des Sees entlang mit Ausblick auf die Berge, die ein malerisches Bild abgeben.

    Wieder zurück an Freddie überlegen wir, wie wir den Abend gestalten wollen. An der Feuerstelle liegen noch einige Holzscheite, sie wirken so einladend, dass wir uns für ein Feuerchen entscheiden. Breit grinsend geht Christian an den Kofferraum von Freddie und in dem Moment, wo ich mich frage, was er wohl im Schilde führt fällt mir ein, dass wir ein „rundum-sorglos-Smores-Paket“ gekauft haben. Kekse, Schokolade und Marshmallows. Uiii, yummi, unser Essverhalten der letzten Tage ist wirklich unter aller Kanone, aber gut Sabbatical is ja auch nicht alle Tage. Kurze Zeit später sitzen wir zufrieden schnösend am Feuer, es ist schön warm und die Aussicht ist einfach zauberhaft. Wir bleiben allerdings nicht ewig am Feuerchen, da wir uns auf Kuscheligkeit und Standheizung in Freddie freuen. Wir machen schonmal mittels App die Standheizung an und löschen dann das Feuer. Drinnen angekommen, machen wir uns langsam aber sicher bettfertig und wenden uns ordentlich eingekuschelt dem Lesen und der Switch zu.
    Baca lagi