• Nicht sauber, sondern rein

    14.–15. jun. 2024, Canada ⋅ ☀️ 11 °C

    Obwohl es gestern Abend am Feuer mit dem leckeren Whisky spät geworden ist und wir noch einen Film geschaut haben, werden wir beide gut erholt wach und sind bester Dinge. Wir werden zwar nicht von Sonnenschein begrüßt, aber vereinzelt schaut etwas Himmel zwischen den Wolken hervor, die immer wieder kleine Schauer über uns abwerfen. Das Wasser für Tee und Kaffee ist schnell aufgesetzt, und wir bauen in der Zwischenzeit das Bett um und machen mit ein paar Handgriffen Freddie wieder schick für den Tag.

    Mit einem Kaffee bewaffnet, geht es vor die Tür, und ich spaziere den Kiesstrand entlang und sauge die herrliche Kulisse in mich auf. Bella spaziert auch ein wenig ihr Gebiet vor der Haustür entlang und freut sich dann umso mehr, als ich mich mit ihr auf den Weg mache. Während Bella ständig und überall schnüffelt, halte ich Ausschau nach Tierspuren in der durch den Regen weich gewordenen Erde. Aber abgesehen von den beiden Bibern und einer Unmenge an Vögeln scheinen wir diesen Platz wirklich ganz für uns allein zu haben bzw. gehabt zu haben.

    Gegen 11 Uhr machen wir uns auf den Weg zurück in die Zivilisation. Dafür müssen wir erstmal die knapp 40 Kilometer über die Forststraße zurück zum Highway fahren. Unterwegs kommen uns diesmal tatsächlich ein paar Fahrzeuge entgegen, aber auch hier ist von Tieren weit und breit keine Spur. Als wir nach einem Großteil der Strecke wieder Empfang haben, halten wir kurz am Rand, schalten einen Bericht frei und lesen die eingetroffenen Nachrichten.

    Zurück auf dem Highway machen wir bei erster Gelegenheit Halt an einer Raststätte und entsorgen unseren Müll. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass uns immer an Stellplätzen ohne Mülltonne eine Gasflasche leer wird. Die Strecke Richtung Jasper-Nationalpark ist im Wechsel von dichten Wäldern und Flüssen gesäumt. Letztere sind dabei mal schmal, mal breit, mal tief, mal flach und variieren zwischen matschigem Braun, Gebirgsblau und häufig auch glasklar. Wir sind keine halbe Stunde auf dem Highway unterwegs, als wir den Goat River passieren. Auch wenn ich fünf Minuten vorher noch gesagt habe, dass wir heute noch ein paar Kilometer zurücklegen sollten, bin ich im Nu Feuer und Flamme und versuche Hanna spontan für einen Stellplatz an diesem wunderschönen Fluss zu begeistern. Wir kommen dann beide aber doch schnell überein, dass heute ein Stellplatz mit Dusche und der Möglichkeit der Wasserver- und -entsorgung wichtiger sei.

    Von der Vernunft getrieben, erreichen wir dann am frühen Nachmittag das Örtchen McBride und parken erstmal an der Hauptstraße. Für unser Frühstück bestellen wir in der lokalen Pizzeria, die sich im gleichen Ladenlokal wie ein Trödelgeschäft befindet, eine Gemüsepizza und warten bis zur Fertigstellung dieser in Freddie. Dabei haben wir einen Blick auf die Teilnehmer eines Farbenlaufs durch den kleinen Ort. Bei diesem gibt es entlang der Straßen immer wieder kleine Hindernisparcours, die es zu überwinden gilt. Aus diesen geht man dann zumeist besprüht und verziert mit Farben hervor. Das Ganze ist an das indische Holi-Fest, das „Fest der Farben“, angelehnt. So vergeht für uns die Zeit im Flug und wir setzen die Beobachtung beim Futtern der Pizza fort. Dazu nutzen wir die gute Internetverbindung, um Bilder und Videos zu synchronisieren und ein paar Informationen über die vor uns liegenden Nationalparks zu beschaffen.

    Mit ziemlich vollem Bauch verlassen wir McBride, tanken mal wieder voll und erreichen dann keine zehn Minuten später einen der Campingplätze, die auf dem Weg liegen. Bei keinem war eine Vorabreservierung möglich, und so betreten wir guter Dinge das kleine Büro. Begrüßt werden wir von einem stämmigen Mann, der mit einem Deutschland-T-Shirt bekleidet ist und sich als Niederländer entpuppt, der vor 28 Jahren nach Kanada ausgewandert ist und vor vier Wochen den Platz gekauft hat. Seine Fingerfertigkeit am Computer erinnert mich zwischenzeitlich an ältere Mitglieder unserer Familien, aber nach ein paar Minuten verlassen wir mit einem Platz für die Nacht, Münzgeld für die Waschmaschinen und um einen Schnack reicher, das Büro.

    Das Wetter meint es gut mit uns und so genießen wir bei offener Tür den mittlerweile fast blauen Himmel, während wir aus Freddie die dreckige Wäsche hervorzaubern. Während Hanna unter die Dusche hüpft, mache ich mich mit WD-40 und Zange an unser Sitzkissen und schaffe es nach kurzem Kampf, beide Reißverschlüsse zu lösen – hurra! Nachdem auch ich wieder wie aus dem Ei gepellt aus der Dusche komme, laufen wir zum Waschraum. Die beiden Waschmaschinen scheinen weit über 30 Jahre alt zu sein (dafür hat alles aber auch einfach einen wundervollen Charme). Den Hinweis, die beiden Maschinen nicht zu überladen, nehmen wir beide zur Kenntnis, aber mangels einer Markierung der Füllgrenze stopfen wir beide Maschinen optimistisch voll. Eine knappe halbe Stunde später verteilen wir die Wäsche auf die Trockner um.

    Eine weitere halbe Stunde später schauen wir beide ziemlich überrascht aus der Wäsche bzw. in die Wäsche, als uns diese zum Großteil noch feucht entgegenlacht. Hanna macht sich auf die Suche nach dem Besitzer und im zweiten Anlauf ist dieser auch aufzufinden und versorgt uns aus der Mittelkonsole seines Autos mit einer großzügigen Menge an Vierteldollarstücken als Wechselgeld. Wir müssen beide Trockner noch je zweimal anwerfen, bis auch die letzten Stücke trocken genug sind, um sie in unseren Schränken zu verstauen.

    In einem frisch nach Wäsche duftendem Freddie zaubert Hanna noch eine Restepfanne mit den Nudeln von gestern, während ich mich um den Abgleich unserer Kreditkartenabrechnungen mit unserer Ausgabeliste kümmere. Nach dem Essen macht es sich Hanna auf dem Bett bei einer Folge der Topmodels gemütlich, während ich mit etwas Glück je einen Stellplatz im Jasper-Nationalpark und im Banff-Nationalpark für die nächsten Nächte buchen kann. Verständlicherweise ist in beiden Parks das Übernachten nur auf offiziellen Plätzen gestattet. Allerdings finde ich die Tatsache, dass pro Campingplatz eine Reservierungsgebühr von 11,50 C$ erhoben wird, schon happig, wobei das Ganze bei Buchung für nur eine Nacht natürlich viel deutlicher ins Gewicht fällt. Hinzu kommt, dass bei Plätzen, sofern diese über einen Feuerring verfügen, auch noch eine Genehmigung für das Lagerfeuer von 11 C$ entrichtet werden muss – pro Nacht und unabhängig davon, ob tatsächlich ein Feuerchen entzündet wird. Immerhin fließt das ganze Geld in den Erhalt und Schutz der wundervollen Natur und dient so einem guten „Zweck“.

    Wir verkriechen uns beide dann recht früh am Abend ins Bett. Frisch geduscht und ins frisch bezogene Bett – das gab es nur zweimal im Urlaub. Direkt nachdem wir Freddie abgeholt haben und danach erst vor einem Monat in Washington. Welche Freude doch die kleinen Dinge bringen können.
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