• Tückische Schlucht und Flitterwochen

    16.–17. jun. 2024, Canada ⋅ ☁️ 7 °C

    Die Kopfschmerzen haben die Nacht nicht überstanden, und so werde ich guter Dinge wach. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich Hanna ruhig noch etwas schlafen lassen kann. Ich schnappe mir das Telefon, lese ein paar Kommentare und Nachrichten aus der Welt. Eine Stunde später klettere ich aus dem Bett und setze schon mal den Kessel auf die Kochstelle. Mein Gewühl im Bus lässt auch Hanna langsam wach werden. Im üblichen Tanz bauen wir Freddie um, und passend zum Glattstreichen der Bettdecke ist auch der Kaffee fertig.

    Nachdem wir beide gestärkt sind, macht sich Hanna auf zu einer kleinen Runde mit Bella, während ich die Thermomatten verstaue und die Keile etwas sauber mache und abtrockne. Ein paar Minuten später sitzen wir alle in Freddie und rollen vom Stellplatz. Für uns geht es an Jasper vorbei zum Maligne Canyon, den wir nach kurzer Zeit erreichen. Der Parkplatz ist trotz des durchwachsenen Wetters gut gefüllt, und wir machen uns mit anderen auf den Weg in Richtung des Einstiegs. Es ist schön, dass hier in den Nationalparks auch Hunde erlaubt sind. Nach den ersten paar Metern stellen wir fest, dass wir auf dem von uns gewählten Weg allein sind. Etwas nervös werden wir dann, als wir einen Haufen passieren, den ein Bär hinterlassen hat. Nach den Begegnungen am Straßenrand in der letzten Zeit wäre eine Beobachtung mitten im Wald natürlich noch mal ein Highlight, aber auch ein Spiel mit dem Feuer. Mir fällt wieder ein, was ich gestern beim Anmelden auf dem Campground gehört habe: Vor zwei Wochen hat ein Bär auf dem Campingplatz ein Elchkalb gerissen. Solche Erzählungen führen dann wieder schnell vor Augen, wie gefährlich diese Tiere doch sein können. Auch wenn die Knopfaugen noch so süß sind.

    Unser Weg läuft in einigem Abstand parallel zur Schlucht, und wir kommen erst auf dem Hauptweg an, als der Fluss den Canyon bereits verlassen hat und sich breit durch den Wald windet. Mal wieder ist es wundervoll blaues Wasser, das unsere Blicke immer wieder gefangen nimmt. Der Weg führt uns zur sechsten Brücke, und nach einer kurzen Toilettenpause kehren wir um. Wir genießen den zum Teil komplett aufgeklärten Himmel und den Sonnenschein, während wir uns langsam auf den Canyon zubewegen. Beim Blick von der fünften Brücke aus kann man in etwas Entfernung erahnen, dass der Fluss aus einer Schlucht kommt. Wir folgen dem Weg, dessen harter Lehmboden kaum einen geraden Schritt ermöglicht. Auch wenn der Weg klar gekennzeichnet ist und der Zugang zum Fluss selbst zum Großteil abgesperrt ist und immer wieder darum gebeten wird, auf dem offiziellen Weg zu bleiben, scheint das für viele Fotobegeisterte nicht akzeptabel zu sein.

    Wir können den Weg und den Ausblick trotzdem genießen und werden immer mehr in den Bann gezogen. Vor uns liegen noch drei Brücken, die alle eine andere Schönheit der Schlucht zeigen. Während die vierte Brücke über eine scharfe Kurve des Canyons errichtet ist, haben wir bei der dritten Brücke den Blick auf einen Wasserfall, der sich zwar schmal, aber trotzdem wild in die Tiefe stürzt. Angekommen bei der zweiten Brücke, müssen wir schon fast ein wenig suchen, bis wir knapp 50 Meter unter uns die Wasseroberfläche ausmachen können. Die Formen im Fels erinnern uns dabei sehr an den Buckskin Gulch, auch wenn hier von den roten Farben weit und breit nichts zu sehen ist.

    Zurück am Auto müssen wir uns erst mal abtrocknen. Der Himmel hat auf dem letzten Kilometer doch noch seine Schleusen geöffnet, aber mal wieder ist das Wetter besser als die Vorhersage. Wie gut es doch mit uns gemeint wird! Bevor wir losfahren, stellen wir fest, dass wir beide ähnliche Gelüste haben: Pizza! Was für ein Glück, dass es in Jasper auch eine Pizzeria gibt. Nach einer Viertelstunde in Freddie erreichen wir das Städtchen und finden schnell auch einen der vielen Touristenparkplätze. Es hat mittlerweile wieder aufgehört zu regnen, aber es ist viel zu frisch, um noch mal so wie am gestrigen Tag draußen zu sitzen, und so bleibt Bella im Bus, und wir spazieren rüber zum Restaurant.

    Wie immer auf unserer Reise werden wir freundlichst begrüßt und haben uns nach ein paar Blicken auf die Karte auch schnell entschieden. Als Vorspeise wählen wir in Parmesan und Knoblauch gewälzte bzw. getränkte kleine Teigknoten. Für Hanna gibt es eine Pizza mit Wildpilzen, Grünkohl, Spargel, Brokkoli mit weißer Soße. Für mich wird es eine Pizza mit Spinat, Zwiebeln, Ziegenkäse, Mozzarella und frischem Dill. Beides eher ungewöhnliche Varianten, aber nachdem wir schon von den Teigknoten verzaubert wurden, heben uns die Pizzen beide kulinarisch noch mal auf ein ganz anderes Level. Wir mampfen beide selig und dankbar vor uns hin. Irgendwann ist die Pizza dann aber doch verputzt, und es geht wieder zurück zu Freddie.

    Bevor es in Richtung des Icefields Parkway geht, der zu den schönsten Straßen der Welt zählen soll, tanken wir Freddie aber noch mal voll. Wir wissen immer noch nicht genau, bei wie viel Restinhalt im Tank die Standheizung nicht mehr mit Diesel versorgt wird, und direkt neben einem Gletscher wird es auch Ende Juni nachts bestimmt noch mal kalt. Unser Stellplatz für die Nacht soll nämlich in der Nähe der berühmten Eisfelder auf einem großen Parkplatz sein. Etwas über eine Stunde Fahrt liegt noch vor uns, und die ersten Kilometer ziehen uns definitiv schnell in ihren Bann. Bei erster Gelegenheit fahren wir kurz rechts ran und befestigen die Kamera wieder auf der Motorhaube.

    Tiere sehen wir entlang der Route erst mal nicht, und nachdem wir schon zwei Campingplätze passiert haben, halte ich knapp 25 Minuten vor dem eigentlichen Ziel am Honeymoon Campground. Dem Namen nach etwas zu früh für unsere Anwesenheit, aber die Lage direkt an einem See, die nischenförmig angelegten Plätze mit wenig Einsicht und vor allem Feuerholz ohne Ende geben dann doch den Ausschlag, die Nacht hier zu verbringen.

    Wir entscheiden uns schnell für einen Platz, an dem unter dem Picknicktisch bereits eine große Menge an Feuerholz liegt, das auch einigermaßen trocken ist. Nachdem wir eine Runde mit Bella über den Platz gedreht und einen Blick auf den klaren See geworfen haben, füllen wir noch schnell die Selbstregistrierung aus. Zurück am Platz schnappe ich mir die Axt und zerteile ein paar der doch großen Holzscheite, und mit einer Zeitung aus einem der besuchten Nationalparks ist dann auch schnell das Feuer entzündet. Was von uns eigentlich nur eine kurze, gemütliche Runde am Feuerchen sein sollte, entwickelt sich dann zu einer ausgiebigen Entspannungsübung und dem Genuss der beiden am Vortag gekauften Biere. Am Feuer genießen wir noch eine Gemüsesuppe und klettern dann gegen halb zehn in Freddie. Durch die neue Zeitzone geht die Sonne hier erst gegen halb elf unter, und so können wir beim Schauen einer Folge „Eric“ auf Netflix noch das letzte Tageslicht genießen. Wie fast immer in den letzten Wochen spähen wir (erfolglos) auf der Suche nach Bärenbesuch aus dem Fenster.
    Læs mere