• Icefields Parkway im Regen

    17.–18. jun. 2024, Canada ⋅ ☁️ 9 °C

    Als ich heute Morgen die Thermomatte am Heckfenster runterklappe, sehe ich dicke Flocken vom Himmel purzeln. Es ist Mitte Juni, wir stehen „nur“ auf 1400 Metern Höhe und es schneit. In Freddie hat es knackige 10° und ich denke mir: „Och nöh.“ Versteht mich nicht falsch, Schnee ist wirklich zauberschön, aber im Juni?! Wir schalten die Standheizung ein und starten mit Kaffee und Umbauzeremonie in den Tag. Danach geht Christian ein kleines Ründchen mit Bella und ich bereite Freddie auf die Abfahrt vor.

    Wir müssen wieder um elf Uhr vom Platz sein, das macht das Aufstehen und den Morgenablauf zwar etwas straffer, aber so sind wir früh auf der Straße und kommen meist auch früher an unseren Zielen des Tages an. Der Honeymoon Campground hier am See hat uns wirklich gut gefallen. Die Plätze sind großzügig angelegt, jeder hat seine eigene Nische und es gibt Feuerholz ohne Ende. Zusätzlich gibt es Toiletten, Wasserzugang zum See, der perfekt für Stand Up Paddle wäre, das noch unbenutzt im Kofferraum liegt, und außerdem sind hier zwei „Schlecht-Wetter-Häuschen“ angelegt, die mit einem Ofen und Sitzbänken für Regentage ausgestattet sind. Hätten wir heute Abend keinen Campground im Banff Nationalpark reserviert und bereits bezahlt, wären wir vielleicht bis zum nächsten Schönwettertag hier geblieben.

    Vielleicht kommen wir ja nochmal her. Christian hat die Idee, dass wir hier entlang über Norden und dann Richtung Osten weiterfahren könnten. Ich bin zunächst ein wenig skeptisch. Bei mir entwickelt sich aktuell ein bisschen Angst, etwas zu verpassen. In diesem zweitgrößten Land der Welt gibt es bestimmt noch so viel zu entdecken, daher bin ich unsicher, ob ich 300 km zweimal die gleiche Strecke fahren möchte. Andererseits ist diese Kulisse der Rocky Mountains einfach nicht von dieser Welt. Die Aussichten, die wir die letzten beiden Tage genießen durften, sind nicht zum Sattsehen gemacht. Viele Leute, die wir bisher getroffen haben, haben uns erzählt, dass östlich der Rockies „nur“ Prärie wartet und die Landschaft ok sei. Ich kann mir nur schlecht vorstellen, dass es von hier aus bis zur Ostküste „nur langweilig“ sein soll.

    Wir rollen los und haben heute den Icefield Parkway vor uns, der die Nationalparks Jasper und Banff verbindet. Es handelt sich um eine 266 km lange Straße, die durch die Rocky Mountains führt. Er schlängelt sich entlang mehrerer Flussläufe, Wasserfälle und Seen, bietet eine spektakuläre Aussicht auf die Bergmassive und führt am Columbia Icefield vorbei, dem größten Gletscher der Rockies südlich des Polarkreises. Wir haben uns sehr auf die Strecke gefreut, die als eine der weltweit schönsten szenischen Routen bekannt ist. Allerdings fahren Schnee und Regen mit uns, die Sicht reicht meist nur bis zu den ersten Wipfeln der die Straßen säumenden Bäume und so verfestigt sich auch in meinem Kopf Kilometer für Kilometer die Idee von Christian, dass wir diese 300 Kilometer in den nächsten Tagen oder Wochen wohl wahrscheinlich bei besserer Aussicht nochmal fahren werden.

    Die Stimmung an Bord von Freddie ist heute genauso schlecht wie das Wetter und wir kämpfen uns durch Misskommunikation, Missverständnisse, Frust und den Wunsch, vom anderen besser verstanden zu werden. Es gibt so Tage, an denen Miss und Mister Interpretation im Vordergrund stehen und egal was man sagt, über einen Kanal gesendet und empfangen wird, der ein paar Betonungen anders setzt und dann zu heißen Diskussionen führt. Für uns beide sind solche Tage super anstrengend und nach einiger Zeit suchen wir verzweifelt den Punkt oder die Gründe, woran sowas liegen kann. Die Erklärungsmöglichkeiten sind endlos. Von Hormonen, über Müdigkeit, Sorge, dass uns die Zeit durch die Finger rinnt, unterschiedliche Wünsche, intensivstes 24/7 Beisammensein bis hin zu ungewisser Zukunftsgestaltung im Sinne von Aussteigerwünschen und anderen Träumereien spielen neben bestimmt noch anderen Dingen hier mit ein.

    Mit gedrückter Stimmung erreichen wir Banff im Regen und hopsen in den Supermarkt, um ein wenig Frischzeug einzukaufen. Wir fühlen uns, als seien wir in einen Ameisenhaufen gefallen und atmen erstmal tief durch, als wir wieder in Freddie sitzen. Auf all diese Menschen gibt es erstmal einen Schokoriegel.

    Wenig später erreichen wir den Campingplatz und rollen zu dem uns zugewiesenen Stellplatz, der einer von 612 Plätzen ist. Draußen wird aus Regen wieder Schnee und wir sind in absoluter Verkriech-Stimmung. Nach einem Schläfchen schalten wir die Standheizung ein und wurschteln nebeneinander her. Zum Abendessen gibt es Gemüse mit Dips und Brot und Christian wagt sich mit Bella raus ins Schneegestöber. Wie dankbar ich ihm bin, dass er auch diese Runde übernimmt, kann ich in Worten nicht ausdrücken. Der Abend wird nicht allzu lang. Ich schaue eine Folge Germany's Next Topmodel und Christian tippt fleißig Berichte.
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