• Wir kommen einfach nicht los...

    23.–24. jun. 2024, Canada ⋅ ☁️ 20 °C

    Mit dem Öffnen der Schiebetür am Sonntagmorgen ändern wir spontan unsere Pläne: Wir bleiben noch einen weiteren Tag in unserem Idyll. Obwohl wir hier schon seit mehreren Tagen sind, haben wir uns noch nicht sattgesehen und fühlen uns immer noch sehr wohl. Zwar wäre bald ein Einkauf nötig, aber wir sind auch noch mit allen wichtigen Dingen versorgt!

    Mit jeweils einer Tasse Kaffee bewaffnet setzen wir uns vor die Tür. Heute sind wir erstaunlich früh aufgestanden, sodass der kleine Privatstrand noch fast komplett im Schatten liegt. Während wir die Sonnenstrahlen beobachten, die sich nach und nach durch die Nadelbäume schleichen, verrichtet Bella mit bestem Blick auf das Wasser und die Berge ihr Geschäft. Nachdem der Haufen eingesammelt ist, bekommen wir Besuch von den unfreiwilligen Schwimmern von gestern, die sich noch einmal bei uns für die Unterstützung bedanken.

    Mehr als ein paar beherzte Handgriffe, warmen Tee, Handtücher, offene Ohren und ein Fell zum Streicheln haben wir zwar nicht zur Rettung beigetragen, aber als Betroffener nimmt man so etwas vermutlich doch anders wahr. Wir erfahren von der Mutter, dass die Familie gestern nach unserer Empfehlung noch zur Polizei nach Radium Hot Springs gefahren ist und dort Meldung gemacht hat, damit nicht unnötigerweise ein Rettungstrupp losgeschickt wird, falls das gekenterte Kanu gefunden werden sollte. Ich hatte gestern im kurzen Gespräch mitbekommen, dass es sich bei der Familie nicht um Franko-Kanadier aus Quebec handelt, sondern um eine Familie, die nach Kanada ausgewandert ist. Auf meine Frage, ob die Einwanderung „abgeschlossen“ sei, erzählt die Mutter lachend, dass sie die Aufenthaltsurkunde letzte Woche offiziell erhalten habe, diese aber gerade in einer wasserdichten Tasche irgendwo auf dem Kootenay River schwimme.

    Wir spinnen in fast jedem Urlaub im Ausland (ja, ist ja gut: zuhause auch!) herum und können uns sowohl ein dauerhaftes Leben in Schweden, Schottland oder Irland vorstellen. Die gleichen Gedanken hatten wir zwischendurch auch über die USA, aber bei all der Schönheit findet unsere Kontra-Liste dort kein Ende. Während wir es auf Vancouver Island „nur“ richtig, richtig schön fanden, hat uns der Rest von British Columbia und der 50 Kilometer breite Streifen Albertas in den Rocky Mountains bislang jeden Tag aufs Neue von den Socken gehauen. Wir sind beide – jeder für sich und aus leicht unterschiedlichen Gründen – schwer verliebt in diese Gegend und nutzen daher die Gelegenheit, einen kurzen Erfahrungsbericht von jemandem zu bekommen, der die ganze Einwanderungsprozedur vor Kurzem hinter sich gebracht hat.

    Passenderweise ist die Französin Lehrerin und dem Ruf des Lehrermangels in Kanada gefolgt. Als Französischlehrerin in einem Land, in dem Französisch Amtssprache ist, natürlich eine sichere Bank. Aber auch Lehrer mit anderer Spezialisierung werden händeringend gesucht. Auf Bundesebene gibt es im Internet entsprechende Tools, mit denen geprüft werden kann, ob der im Ausland ausgeübte Beruf in Kanada anerkannt ist. Solche Berufe werden mit Punkten gewichtet und zusammen mit den Punkten anderer Faktoren (Sprache, Alter, Nationalität, Einkommen etc.) zusammengerechnet. Vereinfacht gesagt, ist eine Teilnahme an einer Lotterie für einen Aufenthaltstitel wohl bereits jenseits der 450 Punkte möglich. Wir sind überwältigt von einer Vielzahl von weiteren Informationen, als sich die Franzosen 20 Minuten später von uns verabschieden und uns viel Erfolg bei der Einwanderung wünschen.

    Wenig später gesellen sich dann Emillie und Sierra zu uns. Nach dem gemütlichen gestrigen Abend und zwanglosen Austausch fühlt es sich fast wie der Besuch einer Freundin an, die man schon länger kennt. Da die beiden die Fahrt aus dem Osten der Rocky Mountains schon ein paar Mal gemacht haben, bekommen wir noch ein paar Tipps für Stellplätze und Anregungen für die Reisepläne. Hanna erkundigt sich, ob der Yoho Nationalpark – der letzte, der uns hier in den Bergen noch fehlt – einen Besuch wert sei. Dies wird uns dann sehr deutlich bestätigt, und dank der Übersichtskarte im Nationalparkmagazin planen wir dann zu dritt noch schnell die Route um. Wir sind uns schon fast sicher, dass wir diese Änderung umsetzen, als wir dann noch von einem kleinen Geschäft an der Straße in Richtung Norden erfahren, bei dem es neben einer Vielzahl von Honigprodukten auch unglaublich gutes Eis geben soll. Anstelle den direkten Weg zurück über Banff nach Jasper zu nehmen, werden wir daher nochmal durch Radium Hot Springs fahren und dann für knapp 100 Kilometer in nördlicher Richtung. Ohne die Existenz des Yoho Nationalparks hätten wir diesen Umweg vermutlich auch nur für das Eis in Kauf genommen.

    Nachdem wir uns noch etwas länger verquatscht haben, verabschieden sich die beiden und machen sich auf den Weg nach Hause – die Wäsche wartet. Wir tauschen noch unsere Kontaktdaten aus und sind dann alsbald wieder allein in unserem Idyll. Auch wenn sich wenig später die Wolken vor den Himmel schieben, können wir beide die Zeit wie in den Tagen zuvor sehr genießen und schaffen es dann beide nochmal, in das furcht- bis wunderbar kalte Wasser zu hüpfen. Den restlichen Tag lassen wir ganz gemütlich ausklingen und freuen uns schon ein wenig auf die Erlebnisse der nächsten Tage!
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