• Mann und Frau über Bord

    22.–23. jun. 2024, Canada ⋅ ☁️ 21 °C

    Der Samstag fängt ähnlich entschleunigt an wie die letzten, mittlerweile bereits 4, Morgen. Wir klappen beim Aufwachen hinten die Thermomatten vom Fenster und bestaunen die reißende türkisgrüne Wassermasse, die hinter unseren Heckfenstern in kürzester Entfernung hinter Bäumen vorbeirauscht. Es ist einfach so unfassbar und unbeschreiblich schön hier.

    Im Bett wird noch etwas gelesen und gedaddelt und nachdem sich mal wieder Christian aufrafft, führen wir unseren Umbau-, Wasser- und Kaffeetanz auf. Wir genießen das Käffchen an dem Tisch, der bereits von der Sonne geküsst wird. Bella stromert am Wasser entlang, ist mutig genug, trotz der Wasserbewegung etwas zu trinken und markiert fleißig ihr neues und liebgewonnenes Revier. Nachdem der Kaffee nachgefüllt ist, packt Christian seinen Laptop aus und beginnt Berichte zu tippen – da ist wohl jemand heute Morgen von einer Muse geküsst worden. Ich spanne die Hängematten auf und mache es mir, wie schon gestern, mit meinem Kindle und Tee bequem und hänge eine Runde herum.

    Gegen Mittag regt sich ein kleines Hüngerchen und ich hüpfe in Freddie und bereite Zimt-Apfelporridge vor, der mit Nektarine, Joghurt, Nüssen, Hafer-Vanille-Milch und Erdnussbutter getoppt wird. Den genießen wir beide am Fluss. Mittlerweile ist Emilie mit Sierra, ihrer Hündin, unten am Fluss angelangt und wagt sich in das wirklich frostige Gletscherwasser. Hut ab. Mal schauen, ob wir uns später noch überwinden können, auch hineinzugehen. Christian räumt unsere Schalen in Freddie, macht sich auf zum Plumpsklo, und Emilie setzt sich zu mir und wir kommen ins Gespräch. Sie hat Geographie studiert und arbeitet mittlerweile über das Rangerprogramm in den Nationalparks Banff, Kootenay und Yoho. Hier ist sie dafür zuständig, über Drohnenaufnahmen die Nationalparks zu kartographieren. Super spannend und für sie der absolute Traumjob, wo sie doch vorher in einer Mine als Geographin gearbeitet hat. Ihr Arbeitsvertrag ist zurzeit noch begrenzt, sie hofft aber darauf, übernommen zu werden und dann vollständig nach British Columbia zu ziehen, auch wenn es ihrer Familie schwerfallen wird, sie aus Ontario wegzuziehen zu sehen.

    Als wir so plaudern, gesellt sich ein Mann zu uns und fragt, ob wir ein rotes Kanu den Fluss passieren gesehen haben. Ich frage mich, ob er dies an einem anderen Zeltplatz eventuell ungenügend befestigt hat und es sich selbstständig gemacht haben könnte. Also frage ich: „Is there anybody IN the canoe?“ Er antwortet, dass er das doch hofft, er wartet auf seine Frau und seinen Sohn, die hier nach einer Tour geplant anlanden sollen. Mittlerweile ist Christian von der Toilette zurück und sucht in Freddie wagemutig seine Badehose heraus. Just in dem Moment schippert ein Kanu an uns vorbei… es ist rot und in dem Kanu sitzen keine Leute. Mutter und Sohn machen wir nicht weit dahinter im Wasser aus. Die Strömung des Flusses ist insbesondere in der Mitte reißend. Nicht umsonst fahren hier täglich mehrere Raftingtouren vorbei. Man sieht, dass Mutter und Sohn total zu kämpfen haben. In dem Moment fühle ich mich absolut hilflos und sehe dabei zu, wie der Sohn zuerst sich und dann der Mutter beim Auslösen einer selbst aufblasbaren Schwimmweste hilft. Der Vater und Christian haben beide schnell reagiert und rennen den Platz hoch, um am Ufer entlang um die Biegung des Flusses zu kommen. Dort halten sie Ausschau nach den beiden von Bord gegangenen Personen, die mittlerweile aus Emilies und meinem Blickfeld verschwunden sind. Wir machen uns Gedanken, ob und was wir anders hätten tun können. Ein schlechtes Gewissen paart sich mit einem wirklich ohnmächtigen Gefühl und Sorge um die Familie. Ich weiß nicht mehr genau, wie viel Zeit vergangen ist. Im Rückblick kann es höchstens eine Viertelstunde gewesen sein, als Bella anschlägt und Emilie und ich unter Freddie Füße heranhumpeln sehen, an denen nur noch eine Sandale hängt. Der Sohn der Familie läuft kalkweiß im Gesicht auf uns zu und fragt, ob wir ihm ein Handtuch geben könnten. Schnell ist ein Handtuch zur Hand und praktischerweise haben wir auch noch heißen Tee in der Kanne. Der Junge setzt sich und steht sichtlich unter Schock. Er hat seine Mutter loslassen müssen und fragt sich, ob sie immer noch im Fluss ist. Sein Vater hat ihn am Ufer herausgezogen und hat sich danach weiter auf die Suche gemacht. Christian hat den Jungen zu uns geschickt und ist dann dem Vater zur Unterstützung gefolgt. Emilie hat ein Gerät zur satellitengestützten Nachrichtenkommunikation dabei und fragt, ob sie einen Notruf absetzen soll. Nur mit unseren Handys könnten wir niemanden kontaktieren, und später informieren wir uns bei Emilie noch genauer über dieses Gerät von Garmin, das hier im Hinterland wahrscheinlich ein super schlauer Ausstattungsgegenstand ist. Während Emilie fragt, kommt Christian wieder und gibt Bescheid, dass die Mutter wohlauf aus dem Fluss gerettet wurde und nun mit dem Vater ebenfalls auf dem Weg zu uns ist. Die Mutter kommt bei uns an und der Schock ist sowohl ihr als auch dem Sohn anzusehen. Sie bricht in Tränen aus und stammelt, dass sie dachte, ihren Sohn nie wieder zu sehen. Unser aller Puls ist weit über 100, und wir sind froh, dass dieser lange Schreckensmoment nur ein solcher geblieben ist. Die Mutter berichtet, dass es mit der Weste fast unmöglich war zu schwimmen und dass sie es einfach nicht ertragen konnte, ihren Sohn loslassen zu müssen, während dieser Bella streichelt und seinen eigenen Gedanken nachhängt. Wir setzen weiteren Tee auf, die Schwimmwesten werden abgelegt, die Handtücher halten ein wenig warm, während Mutter und Sohn sich versuchen zu akklimatisieren. Beide haben ordentliche Schrammen davongetragen, beide einen Schuh und auch das Kanu mit persönlichen Dingen, die im Wetbag waren, verloren. Aber es sind glücklicherweise nur Dinge, die Schaden genommen haben. Nach kurzer Zeit stößt der Vater mit dem zweiten Sohn und weiteren Handtüchern zu uns und die Familie kommt mehr und mehr zur Ruhe. Nachdem der Tee geleert ist, macht sich die Familie auf, sich auf einem der oberen Plätze einzurichten und trockene Kleidung anzuziehen, die sie von uns nicht annehmen wollten. Wir geben ihnen noch den Tipp mit auf den Weg, eventuell ins nächste Dorf zu fahren, um dort das einsame Kanu auf dem Fluss zu melden und Bescheid zu geben, dass nicht nach den Insassen gesucht werden muss. Während sich die Familie verabschiedet, rasen auf dem Fluss zwei Stand-Up-Paddler an uns vorbei, die Christian und ich gestern schon gesehen hatten. Wir hatten gestern schon darüber geredet, dass wir uns niemals auf einem Stand-Up-Paddle in solch ein Gewässer wagen würden. Die Mutter sagt trocken, dass die wohl ein bisschen besser wüssten, was sie tun. Christian beruhigt sie aber, dass es auch einfach sein kann, dass die beiden ein wenig lebensmüder sind.

    Nachdem die Familie weg ist, trinken Emilie, Christian und ich Kaffee und hängen dem Unfall nach. Wir beleuchten, ob wir etwas hätten anders machen können, kommen aber überein, dass den beiden in die Fluten folgen wohl die dümmste Idee gewesen sei und dass unsere Reaktionen, wenn auch unterschiedlich, sich sehr gut ergänzt haben. Was ein aufregender Nachmittag. Sierra und Bella haben die angespannte Stimmung schnell bemerkt und die Situation ebenfalls großartig bewältigt.

    Den restlichen Tag verbringen wir drei wie wild schnatternd und kommen von Hölzchen auf Stöckchen. Von unserer bisherigen Reise, über Kanada, Politik, Jobs, Familie und viele andere Dinge werden wir der Gespräche nicht müde und unterbrechen die Schnattereien auch nur kurz, um selbst im ruhigeren Bereich des Kootenay Rivers eine Abkühlung zu genießen. Abends entscheiden wir gemeinsam zu essen und Emilie steuert eine Portion Grünkohl für ein Curry bei. Während ich das Curry vorbereite, fachen Christian und Emilie das Feuer an. Beim Essen öffnen wir unseren letzten Wein des Briceland Vineyards und spielen danach noch ein paar Partien Rummikub. Der Tag war bunt, aufregend, entspannend und kommunikativ. Wir fallen glücklich und zufrieden ins Bett, und schnell fallen uns nach dem Tag voller Eindrücke die Augen zu.
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